Stadtentwickler kritisiert den Basler Islam-Dachverband als gefährliches Monopol

Eine Moschee tritt aus der Muslimkommission aus, kurz darauf revidiert sie ihren Entscheid. Lukas Ott zeigt sich irritiert und besorgt. Er warnt vor Monopolen.

Der Basler Stadtentwickler Lukas Ott will den pluralistischen religiösen Dialog fördern. Foto: Nicole Pont

Der Basler Stadtentwickler Lukas Ott will den pluralistischen religiösen Dialog fördern. Foto: Nicole Pont

Serkan Abrecht

Ende März war es genug. Die Hicret-Moschee verkündete, dass sie aus der Basler Muslimkommission austreten werde. Die BMK – ursprünglich gegründet, um die Beerdigungen der hiesigen Gläubigen zu koordinieren – entwickelte sich mit den Jahren zum Dachverband und Sprachrohr der muslimischen Gemeinden. Seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei steht sie in der Kritik, weil Mitglieder ihres Vorstands verstärkt im Sinne der türkischen Regierungspartei AKP-Politik betreiben.

Auch türkische Rechtsextremisten sind Mitglieder der BMK. Vor zwei Jahren äusserten mehrere Moscheen deshalb Kritik an der Kommission. Die Merkez-Moschee am Schafgässlein trat ganz aus. Auch Ahmed und Abdulhamid Koca, Vater und Sohn und Präsident und Vorstandsmitglied der Hicret-Moschee an der Hardstrasse, kritisierten die BMK öffentlich. Ende März legte Abdulhamid Koca der BaZ ein Austrittsschreiben vor, das auch an Stadtentwickler Lukas Ott ging; die Fachstelle Religion ist seiner Abteilung angegliedert.

Über Kompetenzen hinweggesetzt

Die BMK stelle sich ohne ihre Zustimmung als Sprachrohr und Dachverband der Basler Muslime dar. Das sei inakzeptabel, hiess es in dem Schreiben. Und weiter: «Wir fordern Sie auf, die Hicret-Moschee per sofort aus der Liste auf Ihrer Website zu entfernen, da die Hicret-Moschee nicht durch Sie vertreten wird.»

BMK-Vorstandsmitglied Yavuz Tasoglu war über den plötzlichen Austritt irritiert. Er nahm ihn aber «mit Bedauern» zur Kenntnis. Auch Lukas Ott wurde vorgängig von der Familie Koca über den Austritt informiert, wie er sagt. Der Stadtentwickler war kurz zuvor auf Besuch bei der Hicret-Moschee gewesen.

Die Kehrtwende

Doch eine Woche später war wieder alles anders. Ahmed Koca schrieb in einem Brief an die Presse, dass das Vorgehen und die Aussagen eines «Vorstandsmitglieds» nicht autorisiert worden seien. Und kündigte darauf an, die Hicret-Moschee werde weiterhin Mitglied der BMK bleiben. Mit dem beschriebenen «Vorstandsmitglied» war Ahmed Kocas Sohn Abdulhamid Koca gemeint. Was war geschehen?

Die BaZ trifft Lukas Ott in seinem Büro. Er stellt klar, der Staat werde sich ganz nach dem Prinzip der Säkularität nicht in Glaubensangelegenheiten oder innermuslimische Streitigkeiten einmischen. «Wir sind keine Glaubenspolizei oder Kontrollbehörde. Wir sind nur Ansprechperson. Gastgeber, um ein friedliches Zusammenleben zwischen den verschiedenen Religions­gemeinschaften zu fördern.»

Der plötzliche Wiedereintritt der Hicret-Moschee überrascht Ott dennoch. «Die Hicret-Moschee hat mir persönlich gegenüber Kritik an der BMK geäussert und angekündigt, man werde austreten und sich selber so organisieren, dass man ein selbstständiger Ansprechpartner für den Kanton sein könne», sagt er. Der Kanton habe der Hicret-Moschee daraufhin mitgeteilt, man werde ihr Anliegen aufnehmen, da man den Dialog mit möglichst allen Akteuren der Basler Religionslandschaft pflege.

Dass dies nun nicht mehr stattfinden wird, löst beim Stadtentwickler ein gewisses Unbehagen aus. «Es ist offensichtlich, dass die Hicret-Moschee nur unter Druck vonseiten der BMK zurückgekrebst ist. Ich muss aber auch darauf hinweisen, dass die Verantwortlichen im Vorstand der Moschee es verpasst haben, ihre Entscheidung intern so breit abzustützen, dass man einem Druckversuch hätte standhalten können.»

Das Monopol

Der Stadtentwickler würde es begrüssen, wenn sich die muslimischen Gemeinden pluralistisch und demokratisch organisieren. Als staatlicher Ansprechpartner sei er einem pluralistischen religiösen Dialog verpflichtet. In diesem Sinne dürfe er keine Monopole unterstützen. «In der jetzigen Form besteht die Gefahr, dass die muslimische Vertretung monopolistisch wahrgenommen wird, und das wird der Heterogenität dieser Community nicht gerecht.» Konkreter: «Es kann keinen Alleinvertretungsanspruch der BMK geben.»

Im Fall zwischen der Hicret-Moschee und der BMK scheint gemäss Lukas Ott dieses Problem exemplarisch. «Es zeigt sich hier tatsächlich ein fundamentaler Unterschied zu den christlichen Landeskirchen in der Schweiz: Diese sind basisdemokratisch aufgebaut. Islamische Vereine geben sich zwar Mühe, um sich im Rahmen des Vereinsrechts zu konstituieren. Daneben besteht aber die Tendenz, die Vereine von oben nach unten zu organisieren und zu führen.»

Das Schweigen

Ott glaubt, dass sich diese deshalb auch stark auf politische Repräsentanten oder die Verwaltung fokussieren würden. Dies habe unweigerlich zur Folge, dass es innerhalb der Community stark um Einfluss über den Zugang zum Kanton gehe. «Aus diesem Anspruch entsteht eine Überforderung – wie der Fall zwischen der Hicret-Moschee und der BMK zeigt –, die dazu führt, dass man auf Mittel wie Druckversuche zurückgreift.»

Auch Mitglieder der Hicret-Moschee berichteten im Gespräch mit der BaZ von Druckversuchen und Drohungen aus der BMK. Ihren Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Die BMK hingegen bestreitet dies. Yavuz Tasoglu sagt dazu: «Niemand aus der BMK hat Druck auf die Hicret ausgeübt oder veranlasst, dass man auf die Hicret Druck ausübt. Zudem hat der Präsident der Hicret-Moschee, Ahmed Koca, bestätigt, dass zu keinem Zeitpunkt von einem Austritt die Rede war.»

Ahmed Koca war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sein Sohn Abudlhamid will sich zu den Ereignissen nicht äussern.

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