Staatsanwaltschaft entlastet Star-Chirurg

Das Unispital Basel hat Victor Valderrabano zu Unrecht Betrug und Urkundenfälschung vorgeworfen und entlassen.

Nach zwei Jahren freigesprochen. Victor Valderrabano hat als Chefarzt keine Honorare erschlichen.

Nach zwei Jahren freigesprochen. Victor Valderrabano hat als Chefarzt keine Honorare erschlichen.

(Bild: Kostas Maros)

Joël Hoffmann

Victor Valderrabano gilt als einer der besten Orthopädie-Chirurgen der Welt. Der bald 44 Jahre junge Schweizer war bis vor zwei Jahren Chefarzt des Basler Universitätsspitals. Er brachte die Orthopädie zum Florieren. Patienten aus der ganzen Schweiz, dem nahen Ausland und aus fernen Ländern pilgerten seinetwegen nach Basel ins Unispital. Doch im Herbst 2014 wurde er Knall auf Fall freigestellt. Seine Entlassung sorgte international für Aufsehen. Die Basler Staatsanwaltschaft hat die letzten zwei Jahre gegen Valderrabano wegen Verdachts auf Betrug und Urkundenfälschung ermittelt. Nun zeigen Recherchen der BaZ: Valderrabano wurde vom Spital zu Unrecht ans Messer geliefert.

Die Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage: «Das Strafverfahren gegen die beschuldigte Person wurde letzte Woche eingestellt, weil sich kein Tatverdacht erhärten lässt.» Die Abteilung Wirtschaftsdelikte der Staatsanwaltschaft hält in ihrer Einstellungsverfügung, die der BaZ vorliegt, fest, dass das Unispital seine karriereschädigenden Vorwürfe gegen Valderrabano auf ein ungenügendes Gutachten abgestützt hat. Die ausserordentlich scharf formulierte Verfügung ist eine Ohrfeige für die Verantwortlichen des Unispitals.

«Sorgfältiges» Gutachten

Die Affäre – oder Intrige, wie es in Spitalkreisen heisst – um den Star-Chi­rurgen kam im Frühling 2014 ins Rollen. Ein bis dato in der Öffentlichkeit unbekannter «Whistleblower» wandte sich an Spitaldirektor Werner Kübler: Valderrabano, der seit 2009 als Chef­arzt der Orthopädie tätig gewesen war, soll das Unispital über längere Zeit bei der Abrechnung von Spesen und Honoraren betrogen haben. Nach ersten eigenen, internen Nachforschungen zog Kübler einen medizinischen, externen Gutachter bei. Dieser sollte untersuchen, ob Valderrabano im Zeitraum vom 1. Januar 2012 bis 6. Juni 2014 zu seinen Gunsten Honorare für medizinische Behandlungen abgerechnet hat, an welchen er nicht beteiligt war, beziehungsweise Honorare abkassiert hat, die nicht den tatsächlich erbrachten Leistungen entsprachen. Aber nicht nur Betrugsvorwürfe gab es, Valderrabano soll auch Spesenabrechnungen gefälscht und seine Pflichten verletzt haben, weshalb er am 13. Oktober 2014 per sofort freigestellt wurde.

Doch damit nicht genug: Aufgrund der damaligen Berichterstattung meldete sich am 23. Oktober die Meldestelle für Geldwäscherei, da Valderrabanos Bank befürchtete, dass bei ihr Vermögen aus falsch abgerechneten Honoraren liegen könnte. Seither ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Orthopädie-Chirurgen nicht nur wegen der bekannten Vorwürfe, sondern auch wegen Geldwäscherei. Spitaldirektor Kübler sagte damals über sein folgenschweres Gutachten: «Die Abklärungen waren aufwendig und wurden sehr sorgfältig durchgeführt.»

Rückzug des Unispitals

Valderrabano wehrte sich seinerseits mit einer Klage gegen seine Entlassung durch das Unispital. Am 6. April 2016 haben er und das Spital sich aussergerichtlich geeinigt und einen Vergleich geschlossen. Beide Parteien haben Stillschweigen vereinbart, doch es ist wahrscheinlich, dass sich das Unispital die aussergerichtliche Lösung erkauft hat. Das Unispital ahnte wohl bereits im April, dass sein eigenes «sehr sorgfältig durchgeführtes» Gutachten unhaltbar ist, denn: Das Spital gab ebenfalls am 6. April eine sogenannte Desinteresse-Erklärung an der Weiterführung des Strafverfahrens ab. Das heisst, das Unispital kümmert es plötzlich nicht mehr, ob Valderrabano das Spital betrogen hat oder nicht. Die Höhe des mutmasslichen Schadens ist übrigens bis heute nicht bekannt.

Doch die Staatsanwaltschaft ging den möglichen Delikten weiter nach. In ihrer Verfügung halten die Basler Ermittler fest, dass es generell umstritten sei, wann Ärzte genau einen Anspruch auf Honorare haben. Solche Boni für Götter in Weiss sind bei Privatpatienten üblich. Ein Kriterium für den Erhalt eines Honorars ist das «persönliche Operieren», doch was dies genau bedeutet, ist je nach Spital unterschiedlich. Folglich stellte sich für die Staatsanwaltschaft die Frage, ob Valderrabano möglicherweise «nur» gegen die Gepflogenheiten des Unispitals verstossen oder ob er mit Vorsatz betrügerisch Honorare erschlichen hat.

Korrekte Abrechnung

Die Staatsanwaltschaft kommt zum Schluss: «Die im Gutachten als besonders kritisch hervorgehobenen Fälle (…) können (…) nicht Basis einer strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Prof. Dr. Dr. V. Valderrabano bilden.» Zudem habe er bei einigen der im Gutachten des Unispitals kritisierten Fälle keine Honorare genommen oder war persönlich an den Operationen beteiligt, weshalb sich «der Tatvorwurf (…) auch in objektiver Hinsicht nicht stützen lässt». Und: «Die Abrechnung zu seinen Gunsten erfolgte korrekt», stellt die Staatsanwaltschaft weiter fest.

Die Fakten widerlegen also das Gutachten. Zudem blieben Valderrabanos Ausführungen bei der Staatsanwaltschaft vom Unispital unwidersprochen. Ferner hält die Staatsanwaltschaft fest, dass das Gutachten die sogenannte Codierung der Fälle – also deren Einordnung – zu wenig berücksichtigt hat, sonst wäre erkannt worden, dass auch andere Ärzte gleich wie Valderrabano abgerechnet haben.

Die Staatsanwaltschaft entlastet also nicht nur den Star-Chirurgen vom Verdacht des Betrugs, der Urkundenfälschung und der Geldwäscherei, sie geht auch mit dem Unispital hart ins Gericht: «Im Hauptverfahren bleibt zu konstatieren, dass das eingereichte Parteigutachten (…) wenigstens unpräzise, wenn nicht gar unrichtig war.»

Basler Zeitung

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