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Solidarität während und nach der Corona-Krise

BaZ-Kolumnist Christoph Eymann hofft auf ein nachhaltiges Gemeinsamkeitsgefühl in der Gesellschaft.

Solidarität ist zurzeit ein oft verwendeter Begriff. Solidarität finden wir in vielen Erscheinungsformen. Die Bevölkerung solidarisiert sich mit dem Pflegepersonal und den ­Ärzteteams der Spitäler. Diese ­arbeiten weit mehr als 50 Stunden in der Woche. Die sonst üblichen ­Erholungs- und Ruhezeiten gelten nicht.

Hochprofessionell werden in Basel Patientinnen und Patienten in der Predigerkirche empfangen. Die Triage, die Abklärung der Betroffenheit, verlaufe äusserst ruhig und speditiv, habe ich mir sagen lassen. ­Spitalpersonal und Freiwillige ­arbeiten ausgezeichnet.

Spitaldirektion und die Leitungen der Spitalbereiche mussten improvisieren. Sie haben rasch ausserhalb der ­Spitalgebäude eine Organisation geschaffen, welche funktioniert. Auch in der Intensivstation und den Abteilungen wird hervorragend ­gearbeitet. Es ist angebracht, allen Frauen und Männern zu danken, welche sich jetzt unter grösster ­physischer und psychischer Belastung für Kranke einsetzen.

Eine weitere Form der Solidarität, des Zusammenstehens in dieser ­schwierigen Zeit ist die materielle Hilfe für die Wirtschaft. Um Arbeitsplätze zu erhalten, haben Bund und Kantone rasch verschiedene ­Massnahmen beschlossen. Es gilt, das gesprochene Geld sehr schnell und einfach den richtigen ­Empfängern zukommen zu lassen. Hochbetrieb in den Amtsstellen.

Der Bundesrat hat auch an die ­Menschen gedacht, die nicht im ersten Arbeitsmarkt tätig sind. Noch gibt es Lücken. Alle müssen Hilfe erhalten, auch Selbstständige.

Lobenswert sind auch die vielen privaten Solidaritätshandlungen. Freiwillige melden sich für die ­Mitarbeit in Spitälern und in der Armee. Die Hilfe für Betagte beim Einkaufen, Aktionen der Hilfswerke, spontane Angebote für Bedürftige, die Unterstützung von Kultur­schaffenden sind Beispiele gelebter Solidarität.

Es zeigt sich, dass das Zusammen­gehörigkeitsgefühl der Bevölkerung in Zeiten einer Bedrohunggrösserist.DaswissenunsereGenerationenausErzählungenderEltern oder ­Grosseltern. Ihren Geschichten über den Aktivdienst, die Verdunkelung und die Rationierung der Lebens­mittel haben wir vielleicht nicht ­immer mit grösster Aufmerksamkeit zugehört. Ich bin sicher,dass in der heutigen Situation ähnliche Gefühle aufkommen wie bei unseren ­Vorfahren in der Kriegszeit.

Wir ­müssen sowohl die Erfahrung mit Einschränkungen selber machen als auch die mit der Solidarität,auch in Form der Befolgung der ­bundesrätlichen Vorschriften.

Ich frage mich, ob diese erfreuliche und notwendige stärkere Betonung des«Füreinander»auch nach der Krise Bestand haben wird. Sind wir willens und in der Lage, die ­Solidarität, welche unsere Staatsidee entscheidend prägt, auch dann zu pflegen, wenn die unmittelbare ­Bedrohung nicht mehr gegeben ist? Wird die stärkere Betonung des«Wir»Bestand haben oder von egoistischen Tendenzen verdrängt werden?

In der Präambel unserer Verfassung steht,«dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen». Das bedeutet nichts anderes als die Verpflichtung zu Solidarität. Sie äussert sich in der Steuerprogression ebenso wie in der AHV, der Arbeitslosenversicherung oder beim ­Finanzausgleich, bei den Stipendien, den Prämienverbilligungen für die Krankenkasse und ja, auch in der Militärdienstpflicht.

DiesetraditionelleSolidaritätgilteszubewahrenundwonötigzuverteidigen, zum Beispiel gegen unwürdige Angriffe der Politik auf die Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen!

Nicht nur staatliches Handeln folgt dem Gebot des Gemeinsinns. In ­unserer arbeitsteiligen Gesellschaft leisten alle einen Beitrag zum Wohl des Volkes, für unsere Gemeinschaft: der Tramführer, die Verkäuferin, der Advokat, die Lehrerin, der Briefträger, die Malerin, der Wirt, die Schauspielerin und unzählige weitere. Ohne sie wären wir in unserer Lebensqualität eingeschränkt – auch ohne Krise.

Es wäre schön, wenn auch im ­«Nach-Corona-Zeitalter» diese ­gewohnten Formen des Miteinander und Füreinander, diese Art der Solidarität nicht einfach als selbstverständlich betrachtet würden. Es sollte nicht sein, dass ein SBB-Mitarbeiter, dem ein Fahrgast für seine Arbeit dankt, antwortet, das sei ihm bisher noch nie passiert. Die Corona-Krise möge bald vorbei sein. Die Solidarität bitte nicht!

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2 Kommentare
    Hannes Fund

    Herr U. Keller gebe Ihnen total Recht. Viele Menschen müssen Ihre Lebensweise ueberdenken da es nicht mehr so weiter gehen darf mit der Natur und den Mitmenschen. Diese Spassgesellschaft und der Egoismus, alles Blasen.