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Schlimmer als gedacht und doch nichts gemacht

Die Missstände im Historischen Museum in Basel sind den Verantwortlichen schon seit Jahren bekannt. Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann muss jetzt handeln.

Wusste schon lange über die Missstände im Historischen Museum Bescheid: Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne).
Wusste schon lange über die Missstände im Historischen Museum Bescheid: Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne).
Keystone

Es ist ernüchternd: Das Historische Museum Basel (HMB) kann seinen gesetzlichen Leistungsauftrag nicht mehr erfüllen. Zu diesem Fazit kommt eine externe Betriebsanalyse, die die Regierung in Auftrag gegeben hat. Es fehlt dem Museum an Personal und Budget, zudem müssen die Barfüsserkirche und die Sammlungsdepots dringend saniert werden. Und es bedarf einer Generalinventur, denn das HMB weiss nicht, wo zwei Drittel seiner Exponate gelagert sind.

Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne) wirkte an der Medienkonferenz vergangene Woche ob der Zustände im HMB besorgt. Das war geheuchelt: Die Missstände sind ihr schon länger bekannt. Dennoch, Ackermann will dem HMB die benötigten 1,1 Millionen zur Erfüllung des gesetzlichen Auftrags nicht sprechen, weil sie von Museumsdirektor Marc Fehlmann zuerst eine konkrete Strategie verlangt. Das scheint merkwürdig: Die Strategie liegt nämlich schon seit November 2017 auf ihrem Tisch. Der BaZ liegt der 42-­seitige Bericht «Perspektiven 2030» vor, den Fehlmann Elisabeth Ackermann kurz nach seinem Amtsantritt überreicht hat.

Die «Basler Zeitung» hat den Bericht im November vor zwei Jahren thematisiert. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen birgt dieser Bericht aber eine zusätzliche Brisanz und konkretisiert die Zustände im HMB: Das Museum verfügt «in keinem Fall» über freie Lagerkapazitäten, um grössere Bestände aufzunehmen oder überhaupt die aus­gestellten Sammlungen komplett einzulagern.

Ein Auszug aus «Perspektiven 2030» des Historischen Museums
Ein Auszug aus «Perspektiven 2030» des Historischen Museums

In den Lagern herrschen eklatante Missstände: Weder im Depot für Textilien an der Barfüssergasse noch im Depot für Hausrat, Waffen und Gewerbe an der Genuastrasse können wegen Platzmangels die feuerpolizeilichen Richt­linien eingehalten werden. Und das Steinlager an der Hochbergerstrasse sei schon gar nicht mehr als Depot tauglich, da es dort – wie auch in der Barfüsserkirche – bei Regen zu Wassereinbrüchen kommt. Mittlerweile wird es nicht mehr als Depot genutzt.

An der Pressekonferenz wurde behauptet, das HMB wisse von gesamthaft 166'000 Ausstellungsobjekten bei knapp zwei Dritteln nicht, wo sie gelagert seien. Das ist nicht korrekt: Die Sammlung des HMB umfasst gemäss dem Bericht «Perspektiven 2030» eine geschätzte Viertelmillion Ausstellungs­objekte. Von diesen sind nur 166'000 in der hauseigenen Datenbank erfasst und von diesen wiederum nur 38 Prozent auffindbar. Ein Beispiel: Von der Münzsammlung sind rund 24'000 von 32'000 Stück analog auf Karten registriert, und nur 3000 Stück verfügen über einen vollständigen, wissenschaftlich korrekten Eintrag in der Datenbank und sind damit wiederauffindbar.

Alleine die systematische Aufarbeitung der Bestände von Münzen und Medaillen «wäre nur mit einem erheblich grösseren Mitarbeiterstab in nützlicher Frist, also etwa einem Jahrzehnt, zu leisten», heisst es im Bericht. Von den archivierten 55 315 Ausstellungsobjekten der Archäologie sind noch 23 Prozent auffindbar. Im Sammlungsbereich «Bibliothek» gibt es 5009 Objekte, jedoch nur 73 dazugehörige Inventarkarten. Das heisst: Noch ein Prozent der Exponate ist lokalisierbar.

Ackermann erweckt den Eindruck, das Problem politisch auf die lange Bankschieben zu wollen.

Elisabeth Ackermann waren diese Probleme weit vor der Betriebsanalyse bekannt – aber letzten Endes kommt die Analyse einer Beratungsfirma aus München zum gleichen Schluss, wie der Bericht vom Museumsdirektor vor zwei Jahren: Das HMB braucht dringend mehr Mittel, um seinen gesetzlichen Auftrag erfüllen zu können. Zudem hat der Museumsdirektor bereits damals eine Museumsstrategie mit konkreten Vorschlägen skizziert. Anstatt die Schwerpunkte traditionell nur auf Pflege, Erforschung und Präsentation der Sammlung zu legen, will Fehlmann weitergehen: «Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen fordern (...) eine aufgeschlossene, tolerante und möglichst multiperspektivische Einstellung, bei der die Mitarbeiter nicht mehr nur bewahren, erforschen und informieren, sondern als Moderatoren (...) auch fragen, zuhören, beraten und unterhalten.» ¨

Diese Strategie der «Living History» und weitere sind Ackermann schon seit zwei Jahren bekannt. Sie sieht darin aber keine «Strategie»: «Das Papier entwirft eine Reihe von Möglichkeiten, beschreibt aber noch keine Strategie. Diese kann tatsächlich auch erst jetzt – nach Vorliegen der Analyse – in Angriff genommen werden», schreibt sie auf Anfrage. Weshalb hat sie sich nicht schon vor zwei Jahren diesen Problemen angenommen? «Erste Massnahmen wurden umgehend in die Wege geleitet. Für einen Gesamtblick auf die Situation war es aber nötig, die Betriebsanalyse abzuwarten, in der unter anderem auch Vergleiche mit anderen Museen angestellt werden.»

Die Regierungspräsidentin erweckt seit längerem den Eindruck, das Problem HMB politisch auf die lange Bank schieben zu wollen. Denn das nun neu von Fehlmann geforderte Strategiepapier wird sich wohl nicht grundlegend von dem unterscheiden, das er dem Departement vor zwei Jahren vorgelegt hat.

Genau wie in der neuen Betriebsanalyse nennt auch Fehlmann in seinem Bericht die Schliessung des Musik­museums als Option, sollte kein Geld gesprochen werden. Ackermann muss nun eine Entscheidung fällen. Sie muss dem Parlament die Optionen aufzeigen. Entweder braucht es eine Erhöhung des Budgets, der Leistungsauftrag für die Museen muss angepasst oder es muss radikal gespart werden. Der heutige Status quo ist ungenügend. Ackermann muss nun Verantwortung übernehmen.

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