Rudolf Rechsteiners Tschernobyl

Der Basler Alt-Nationalrat argumentiert mit hoch umstrittenen Sterbezahlen zum Super-GAU. Ein Forscher hält diese Aussagen für empörend.

Rudolf Rechsteiner mit "empörenden" Äusserungen.

Rudolf Rechsteiner mit "empörenden" Äusserungen.

(Bild: Dominik Plüss)

Serkan Abrecht

Auf Twitter geht es teilweise heftig zu und her, wenn sich Politiker und Journalisten streiten. Auch Wissenschaftler lassen manchmal kein gutes Haar an ihren ­Kollegen. Der ehemalige SP-­Nationalrat und Ökonom Rudolf «Ruedi» Rechsteiner hat sich in einem Disput mit dem englischen Forscher Michael Liebreich, der unter anderem am Londoner Imperial College zu Energiewissenschaften doziert, weit aus dem Fenster gelehnt.

Rechsteiner, überzeugter Gegner der Atomenergie, reagierte auf einen Tweet Liebreichs, der argumentierte, dass man im Kampf gegen den Klimawandel auf die Atomenergie nicht gleich grundsätzlich verzichten solle. Rechsteiner daraufhin: «Tschernobyl hat über eine Million Tote gekostet. Man darf dieselben Fehler nicht wiederholen.»

Eine Million Tote?

Eine Million Tote? Liebreich hält das für die «empörendste» Äusserung, die er in diesem Zusammenhang gelesen habe. Tatsächlich sprechen sowohl die WHO als auch die UNO von maximal 4000Toten weltweit. Eine andere Studie spricht von 60000 Opfern. Diese «Nuklearhysterie» die von «Leuten» wie Rechsteiner propagiert werde, habe weitaus mehr Leben ­gekostet, so Liebreich. Für Rechsteiners «falsche» Behauptungen fordert er Konsequenzen von der ETH; dort doziert Rechsteiner über Energiewissenschaften.

Wo hat der Sozialdemokrat diese riesige Opferzahl her? «Das Zitat betreffend die Opferzahl stammt aus den ‹Annals of the New York Academy of Sciences› und ist eine Übersetzung einer Publikation auf Russisch, die von Wissenschaftern aus der betroffenen Region erstellt wurde, die sich seit Jahrzehnten mit der ­Behandlung und Erfassung von Opfern durch Tschernobyl beschäftigen», sagt Rechsteiner auf Anfrage der BaZ und gibt aber zu: «Die Vorbehalte gegenüber dieser Studie bestehen darin, dass sie methodisch nicht westlichen Standards entspricht.» Er aber meint, dass man diese Zahl nicht ignorieren soll, da sie seriöser sei als die der WHO und der Internationalen Atomorganisation, deren Auftrag die Verbreitung von Atomenergie sei.

Die ETH-Medienstelle: «Die wissenschaftliche Korrektheit ist für die ETH Zürich essenziell. Die ETH ist aber auch ein Ort der Diskussion und lässt Platz für unterschiedliche Positionen. Deshalb schreibt die ETH Dozierenden nicht vor, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu Themen in ihren Fachbereichen äussern dürfen.»

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