Ohne Anzahlung keine Behandlung

Das Unispital verweigerte einem 18-Jährigen die Operation. Der Vater musste 3000 Franken vorschiessen.

Führt zu viel Bürokratie im Gesundheitsbereich zu Chaos?

Führt zu viel Bürokratie im Gesundheitsbereich zu Chaos?

(Bild: Keystone)

Joël Hoffmann

Freitag, 10. November. Raymond Strittmatters Sohn sollte um sieben Uhr in der Früh im Unispital operiert werden. Doch dann klingelte plötzlich Vater Strittmatters Telefon. Am anderen Ende der Leitung sein Sohn, der eigentlich bereits seit über einer Stunde im OP liegen sollte: Das Unispital weigere sich, den jungen Mann ohne Anzahlung zu operieren. Der Vater ging sofort los und bezahlte vor Ort um 8.59 Uhr dem Unispital 3000 Franken, damit die Ärzte seinen Sohn, der Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, behandeln. Gemäss Recherchen hätte dieser Vorfall nicht geschehen dürfen – und er zeigt exemplarisch, wie schnell Patienten Leidtragende einer durchbürokratisierten Gesundheitsindustrie werden können.

Zwei Jahre zuvor befand sich der damals 16-jährige Münchensteiner in Basel im Ausgang auf dem Querfeld im Gundeli. Im Durchgang zur Bruderholzstrasse warteten junge Männer, die unvermittelt zuschlugen. Der 16-Jährige begab sich notfallmässig zum Hausarzt. Dieser hält am 13. November 2015 fest: «Bei der klinischen Untersuchung zeigte sich eine stark geschwollene Nase mit ausgeprägter Druckdolenz über dem Nasenbein» und eine «operative Sanierung nach Abschwellung der Nase» sei notwendig. Im Spital Dornach wurde am 16. November 2015 die Nasengerüstimpressionsfraktur operiert. Doch die Beschwerden blieben, wie Vater Raymond Strittmatter erzählt.

Sein Sohn hatte Mühe, durch die Nase zu atmen, bekam oft keine Luft. Die Operation war letztlich nicht zufriedenstellend, ein weiterer Eingriff also notwendig. Der Hausarzt überwies den unterdessen 18-Jährigen an die Spezialisten der Hals-Nasen-Ohren-Klinik (HNO) des Universitätsspitals Basel.

Unfall-OP wird zur Schönheits-OP

Nach Untersuchungen beschloss der Spezialist der HNO-Abteilung die Nasen-Operation. Doch dann begannen die administrativen Mühlen erst richtig zu mahlen. Obwohl die Strafanzeige bei der Polizei und die Unterlagen des Hausarztes sowie die des Spital Dornachs vorlagen, musste bei der Versicherung, der Visana, eine Kostengutsprache beantragt werden. «Das Universitätsspital Basel musste im vorliegenden Fall davon ausgehen, dass keine Kostengutsprache der Krankenkasse eingeht», erklärt Unispital-Sprecher Martin Jordan.

Das Spital rechnete also damit, dass der Eingriff nicht aus medizinischen, sondern aus ästhetischen Gründen erfolge, weshalb es sich um eine «Nichtpflichtleistung» handle. Darum ist die Nachbehandlung der eingeschlagenen Nase nicht automatisch über die obligatorische Krankenversicherung gedeckt. Widersprüchlich zu dieser Darstellung steht die Eintrittsdiagnose vom 27. September 2017 des Unispitals – die wie die anderen hier erwähnten Unterlagen der BaZ vorliegt –, die klar festhält, dass es sich nicht um eine Schönheitsoperation handelt: Unter Punkt 2, «Grund zur Behandlung im Spital», wurde bei «Unfall» ein Kreuz gemacht.

Das Unispital hat dennoch bei der Visana am selben Tag einen Antrag um Kostengutsprache eingereicht. Am 6. Oktober erhielten die Strittmatters Post von der Visana mit dem Betreff «Unfall»: «Sie müssen sich infolge eines Unfalls in Spitalpflege begeben. Damit wir die Unterlagen weiter bearbeiten können, benötigen wir einige Angaben. Wir bitten Sie, uns die Unfallmeldung ausgefüllt und unterzeichnet zurückzusenden», so die Krankenkasse.

Strittmatters füllten das zweiseitige Formular aus, konkretisierten, dass es sich um eine Nachbehandlung im Zuge der Gewalttat vom Spätherbst 2015 handle und legten unter anderem den Operationsbericht des Spitals Dornach vom November 2015 bei. So weit, so administrativ – und in Ordnung. Doch dann kam der Tag der Operation.

Vater Strittmatter ist wütend: «Was bitte hätten Menschen in dieser Situation tun sollen, die keine 3000 Franken zahlen können?», kritisiert er. Das Unispital spricht hingegen von einem «ganz normalen Vorgang». Man habe einen Antrag um Kostengutsprache bei der Visana gestellt, doch keine Rückmeldung erhalten, deswegen «sind wir davon ausgegangen, dass der Patient den Eingriff selber zahlen müsse», so Unispital-Sprecher Jordan weiter.

Fehler bei Visana und Unispital

Bei der Visana heisst es, dass man bereits am 28. September, also einen Tag nach dem Antrag, «dem Unispital für die vorgesehene Operation stillschweigend Kostengutsprache erteilt» habe. Das heisst: Die Visana hat in der Tat nicht rechtzeitig geantwortet – und das Unispital hat nicht nachgehakt.

Auch sonst ist die Erklärung der Versicherung nicht plausibel: Die Strittmatters erhielten, obwohl gemäss Visana das Gesuch bereits «stillschweigend» bewilligt worden sei, am 6. Oktober die Aufforderung, ein Unfallformular auszufüllen, damit der Antrag weiter bearbeitet werden könne. Und besonders pikant: Am 1. Dezember – also einen Monat nach der Operation – erhielt das Unispital von der Visana die Zusage, dass die Kosten der Nasen-OP übernommen werden. Das Unispital solle die Visana über «den Zeitpunkt der Hospitalisation» informieren.

So kann es gehen: Das Unispital ist sich nicht sicher, ob die Behandlung einer zerschlagenen Nase eine Schönheitsoperation ist, die Visana verschlampt die Kostengutsprache und das Unispital fragt nicht nach. Vater Strittmatter wartet noch immer auf die Rückerstattung der 3000 Franken.

Basler Zeitung

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