Mit Thomas Kessler in den Nationalrat

Die Basler FDP will den früheren Stadtentwickler Thomas Kessler als Kandidaten. Dieser ist offen für den Diskurs.

Ein gefragter Mann. Thomas Kessler, früher Basler Drogendelegierter und Stadtentwickler.

Ein gefragter Mann. Thomas Kessler, früher Basler Drogendelegierter und Stadtentwickler.

(Bild: Christian Jaeggi)

Alessandra Paone

Daniel Stolz war der letzte Vertreter der Basler FDP im Nationalrat; sein Vorgänger, der verstorbene Peter Malama, der charismatische Politiker, dem die Partei heute noch nachtrauert. Stolz wurde bei den Gesamerneuerungswahlen 2015 trotz grossem Engagement abgewählt. Die Stimmbürger bevorzugten den Kandidaten der LDP, den früheren Regierungsrat Christoph Eymann. Seither kämpfen die Freisinnigen im Stadtkanton um ihren Platz innerhalb der Liberalen und damit um ihre Existenzberechtigung.

Ob bei nationalen, kantonalen oder Bürgergemeinderatswahlen: Die LDP ist der FDP immer einen Schritt voraus. Diese Entwicklung will die Partei nun stoppen. Einerseits mit strukturellen Neuerungen und Aktionen wie der Liberalen Denkfabrik. Anderseits mit klingenden Namen wie jenem von Thomas Kessler. Der frühere Basler Stadtentwickler soll der Spitzenkandidat der FDP für die kommenden Nationalratswahlen im Jahr 2019 sein.

Verlorenen Sitz zurückerobern

Die Idee stammt von Daniel Seiler, dem Vizepräsidenten der Partei und Leiter der Personalkommission. Es sei Anfang August gewesen bei einem Apéro von Kulturfloss-Chef Tino Krattiger, erzählt Thomas Kessler im Gespräch mit der Basler Zeitung. Da sei Seiler auf ihn zugegangen und habe ihn für eine Kandidatur und die Mitarbeit in der Liberalen Denkfabrik angefragt. Die beiden haben bereits mehrfach zusammengearbeitet, etwa im Freiheitspodium, das Seiler gegründet hat.

«Ziel ist es, für die nächsten Wahlen eine starke Liste zusammenzustellen. Wir wollen den verlorenen Sitz wieder zurückerobern», sagt Seiler. Letztes Mal hätten sich gerade einmal fünf Personen beworben – so viele wie für die zur Verfügung stehenden Listenplätze. «Ich möchte einen richtigen Wettbewerb und ich kann mir gut vorstellen, dass es mit Thomas Kessler als Kandidat ein spannendes Rennen werden könnte.»

Kessler verkörpere die liberalen Werte und sei nicht nur gesellschafts-, sondern durchaus auch wirtschaftsliberal. «Ich habe ihn unverbindlich angefragt und ihm auch deutlich gemacht, dass ich ihm nichts versprechen kann», sagt Seiler. Er hat seinen Vorschlag auch Parteipräsident Luca Urgese sowie anderen Vorstandsmitgliedern unterbreitet. Die Reaktionen seien alle positiv gewesen. Am Ende werde aber nächstes Jahr der Nominations-Parteitag entscheiden. Die FDP verzichtet wie immer auf eine Vorselektion. Wer sich bewirbt, nimmt an der Nomination teil. Die Basis soll eine möglichst breite Auswahl haben.

Gegangen worden

Mit Thomas Kessler auf der Liste dürften die Basler Freisinnigen mehr als nur darauf hoffen, wieder im Bundesparlament vertreten zu sein. Der 58-Jährige ist in Basel-Stadt bestens bekannt. Er war Drogendelegierter und Integrationsbeauftragter beim Kanton. Ab 2009 arbeitete er als Stadtentwickler, bis ihn Guy Morin vor seinem Rücktritt als Vorsteher des Präsidialdepartements vor die Tür stellte.

Kessler hat der Rauswurf aber nicht geschadet. Neben der hohen Abfindung geniesst er, der gerne im Mittelpunkt steht, noch mehr Publizität. Er hat mehrere Mandate als Berater und ist auch oft in Bern, wo er sich unter anderem mit der Baselbieter Grünen-Nationalrätin Maya Graf für die Hanf-Legalisierung starkmacht.

Auf die Anfrage der FDP reagiert er denn auch mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, der es gewohnt ist, umworben zu werden. Für ihn scheint nicht zentral zu sein, ob er zur FDP passt, sondern vielmehr ob die FDP bereit ist, sich ihm anzupassen. Kessler sagt: «Ich kann mir eine Kandidatur vorstellen, sofern die Partei offen ist für die ‹1848-2048er-Linie›.» Dazu gehörten mit Blick auf die Industrie 4.0 intakte Chancen für alle Kinder, eine breitere politische Partizipation und die Überwindung der Prohibition. «Es kommt ganz auf den Diskurs an.» Zunächst aber werde er in der Liberalen Denkfabrik an einem Grundsatzpapier mitarbeiten.

Grüne Vergangenheit

Für Kessler ist es in Basel nicht das erste Mal, dass eine Partei ihn bittet, für sie zu kandidieren, wie er erzählt. Wegen seiner Tätigkeit beim Kanton sei ein politisches Mandat aber nie ein Thema gewesen. Vor seiner Anstellung in Basel-Stadt hatte er von 1987 bis 1991 für die Grüne Partei im Zürcher Kantonsrat politisiert. Der Freisinn sei damals in Zürich ökologisch zu wenig weit gewesen, erklärt Kessler.

Das Bewerbungsschreiben für seine Kandidatur bei der FDP hat Kessler jedenfalls bereits verfasst: In der Basler Zeitung erschien am Donnerstag ein Beitrag von ihm mit dem Titel «Woher und wohin? Die liberal-radikalen freisinnigen Demokraten». Derselbe Artikel ist auch in der aktuellen Ausgabe des Basler Freisinn zu lesen.

Thomas Kessler provoziert und polarisiert mit Ideen und Aussagen: Im Tages-Anzeiger sprach er von «Abenteuermigranten» und meinte die Asylsuchenden. Als Stadtentwickler forderte er längere Ladenöffnungszeiten an der Schifflände und erzürnte damit Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin. Wie wird die Basler FDP auf eine derart starke und umstrittene Persönlichkeit reagieren? Es sei möglich, sagt Seiler, dass gewisse Leute in der Partei Vorbehalte haben könnten gegenüber Kessler. Doch darüber könne diskutiert werden und auf diese Auseinandersetzungen freue er sich.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt