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Mit den Moralisten von Riehen auf direktem Weg in die Prüderie

Politiker in Riehen verbieten eine Pausenveranstaltung am Hill-Chill-Festival für Jugendkultur. Grund ist ein Filmchen, das den Moralwächtern zu anstössig ist. Die Zensur zeigt viel über den stockkonservativen Geist einer angeblich modernen Gemeinde.

Wäre die Reaktion nicht so grotesk ausgefallen, bräuchte es keine Zeile zur Hill-Chill-Festival-Posse in Riehen. Doch ein Filmchen erregte die Gemüter heftig. Für alle, die es noch nicht gesehen haben: Das rund drei Minuten lange Werk zeigt ein paar Jungs mit billigen Tiermasken aus Gummi. Die Halbstarken machen Gesten des Kopulierens (in Kleidern) irgendwo im Basler Grün, während dazu eine Musik dröhnt, die so klingt, als hätte der Teufel üble Halsschmerzen. Unter dem Motto «Prügel Hügel» will der Film auf Zusatzkonzerte während der diesjährigen Riehener Traditionsveranstaltung Hill-Chill hinweisen. Eigentlich wäre es das, Freunde! Aber eben nur eigentlich!

Wie vieles Geistlose, welches das Sonnenlicht der Weltgeschichte kurz erblicken durfte, um gleich wieder in die Gruft des Vergessens hinabsinken zu müssen, hätte auch dieses Video getrost seinem Schicksal der Kaumbeachtung überlassen werden können. Überkolorierter Radau von testosterongesteuerten Pickelgesichtern hob die Welt noch nie aus den Angeln. Wahrscheinlich hätte niemand etwas davon mitbekommen, wäre das Video nicht in den Medien aufgetaucht. Aber es kann ja bekanntlich nichts provoziert werden, wo nichts ist. Die Politiker empörten sich dann auch unisono, als wären sie stockkonservative Kardinäle oder die Leiter eines Jesuitenordens. Und aus einem lächerlichen Video wurde plötzlich etwas, das die Jugend verdirbt und obendrein «gefährlich, gewaltverherrlichend, sexistisch und frauenfeindlich» ist. Ein Riehener Gemeinderat liess sich sogar dazu hinreissen, von strafrechtlicher Relevanz zu reden.

Wahrlich weit hat es diese selbst ernannte offene Gesellschaft gebracht, wenn sie sich von einem solchen Pubertätsunfug erschüttern lässt. Während der Hippie-Zeit reichten ein paar lange Haare und ein harmloser Joint, jetzt offenbar ein Kopuluationsvideo mit Schweinemaske. Riehen, das idyllische Möchtegerne-Dorf, das Santa Barbara von Basel-Stadt, zeigt plötzlich seine wahre hinterwäldlerische konservative Seite und offenbart den wachsenden Geist einer philisterhaften Übermoral. In Riehen weiss man offenbar ganz genau, was Recht, Anstand, Ordnung und Kunst ist. Dem Freidenker wird schlecht ob so viel kollektiver Selbstgefälligkeit.

Keine Toleranz, kein Schmunzeln, nur Empörung

Ein frivoles Video reicht aus, damit Politiker plötzlich die Gesellschaftsordnung bedroht sehen und eine Konzertpausenunterhaltung verbieten. Während in Basel in besetzten Häusern ganz andere Konzerte abgehalten werden, bei der die gesamte basel-städtische Politikergilde wegschaut, wird in Riehen wegen einer Lapalie der moralische Drohfinger geschwenkt.

Die Reaktion in Riehen offenbart, wie wenig Toleranz und Humor es offenbar noch gibt und wie wenig die Politiker sonst Wichtiges zu sagen haben, wenn sie ein solches Video öffentlich kommentieren müssen. Es zeigt auch, wie eine prüde Geisteshaltung sich ausbreitet, die ihr Pendant in den USA im Bible Belt findet. Dort engen Fundamentalisten das Individuum ein, ersticken es mit religiösen Regeln. Eine Aussage von Gemeindepräsident Hansjörg Wilde passt bestens in dieses Bild: «In den Videos der Bands sieht man zum Beispiel, wie ein Transvestit ans Kreuz genagelt wird. Das passt nicht zu Riehen.»

Nach dem Film «The last temptation of Christ» vor dreissig Jahren haben die Moralapostel Kinos angezündet. Jahrzehnte zuvor haben sie Bücher verbrannt. Am Ende ist mir uninspirierte Musik und Kunst lieber als eine Moral, die andern vorschreibt, was gut und was böse ist. Diese Verbotshaltung erachte ich als gefährlicher für die Freiheit als ein schlechtes Video.

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