Mit den grünen Schienenfressern in die roten Zahlen

Die BVB schreiben Verluste, verlieren drei Millionen Fahrgäste und ihr Personal. Das Management will dagegen ankämpfen – und steht bereits vor neuen Herausforderungen.

Schiene unter Boden: Bei den BVB läuft beim Tram wenig rund.

Schiene unter Boden: Bei den BVB läuft beim Tram wenig rund.

(Bild: Dominik Plüss)

Daniel Wahl

Unterschiedlicher kann die Aussenwahrnehmung und die interne Sicht des Basler Tram- und Busbetriebs BVB nicht sein: Unmittelbar vor der Eröffnung der gestrigen «Jahresmedienkonferenz» um zehn Uhr beim Depot Wolf bleiben fünf Tramkompositionen auf der Strecke liegen. Die Passagiere werden direkt auf die gefährliche Fahrbahn der Münchensteinerstrasse ­hinaus, vis-à-vis des M-Parc, ­entladen. Ein Betagter stochert mit seinem Stock unsicher im Schotter des Trassees und schimpft mit dem Tramführer: «Langsam verliere ich die Nerven mit eurem Betrieb.»

Zwei Steinwürfe entfernt und zehn Minuten später referieren im zweiten Stock der Leitstelle BVB-Manager, Direktor Erich Lagler, Finanzchef Stefan Popp und die seit etwas über einem Jahr amtierende neue Verwaltungsratspräsidentin Yvonne Hunkeler zum Jahresergebnis: «Die BVB sind stabil und gut unterwegs.» – «Wir haben eine hohe Kundenzufriedenheit.» – «Wir sind auf Kurs in ruhigere Gewässer.» Das sind Hunkelers Kern­botschaften.

Mitarbeiter verlassen BVB

Die nackten Zahlen, die das ­Management vorlegt, lassen die Marketing-Fassade bröckeln. Die BVB fahren ein Defizit von 765'000Franken ein. Sonder­effekte wie der Mehraufwand von knapp einer Million Franken für die Bewältigung des Combino-­Schienenfressers und des Radproblems sowie ­unerwartete Rückerstattungen von Mitarbeitergutschriften in der Höhe von einer halben Million Franken werden als Gründe für das schlechte Betriebsergebnis angegeben. «Sie sehen, ohne diese Sondereffekte stünden wir gut da», sagt Finanzchef Stefan Popp.

Jedoch laufen den BVB die Mitarbeiter davon. Obschon neue Chauffeure am Laufmeter rekrutiert werden, beschäftigte der Betrieb noch 1243 Angestellte (minus 1 Prozent). «Der Rückgang war nicht geplant, stattdessen war ein Aufbau auf 1287 Mitarbeitende vorgesehen», heisst es im Geschäftsbericht auf ­Seite 26. Unvorhergesehene Frühpensionierungen sieht man als Ursache.

Verlust von Fahrgästen

Aber der BVB laufen auch die Kunden davon. Zum dritten Mal in Folge muss das Transportunternehmen einen Rückgang der Fahrgastzahlen vermelden. Diesmal sind es 2,23 Prozent oder weitere rund drei Millionen weniger beförderte Personen. Die Gründe, die Yvonne Hunkeler angibt, sind «schönes Sommerwetter, Konkurrenz durch alternative Verkehrsmittel wie E-Bikes und viele Baustellen». Nur: Viele Baustellen und schönes Wetter gab es auch in den Vorjahren. Verkehrsbetriebe in anderen Städten haben zugelegt. «Nein», kontert Hunkeler, ­«viele Verkehrsbetriebe litten ebenso unter Fahrgastrückgang. Wir werden die Gründe für die Entwicklung genau analysieren», verspricht sie.

Verblüffenderweise haben die BVB trotz diesem Kundenschwund Mehreinnahmen mit ihren Fahrgästen generieren können. Insgesamt haben die Erlöse aus Ticket- und U-Abo-Verkäufen um 4,6 Prozent zugenommen. Das Phänomen «mehr Ein­nahmen, weniger Kunden» ­lasse sich mit einer neuen Berechnungsformel im Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) er­klären, sagt Finanzleiter Stefan Popp.

BVB kränkeln weiter

Das Hauptproblem für die BVB ist die fehlende Zufriedenheit ihrer 1243 Angestellten. Ohne die internen Probleme selber genauer zu thematisieren, verspricht Hunkeler, in diesem Jahr in die Mitarbeiterzufriedenheit zu investieren: die Mitarbeiter mehr ernst nehmen, deren Anliegen aufnehmen sowie 100 neue Chauffeure rekrutieren. Letzteres wohl, um das überlastete Personal entlasten und die Dienstpläne so organisieren zu können, dass sie wieder in die Nähe abgegebener Versprechungen kommen, die die BVB gegenüber den Personalverbänden gemacht haben.

Als eigentlichen Fehlentscheid des Managements bezeichnete Erich Lagler die Aufhebung der sogenannten Ordnungsnummern. Das waren die letzten sozialen Strukturen im Betrieb– kleine Teams, die bislang darauf zählen konnten, ihre Schicht- und Ruhetage gleichzeitig antreten zu dürfen. Damit war sichergestellt, dass sie ihr Freizeitleben gemeinsam organisieren konnten. Man hatte sie ausgelöscht. Allerdings sei es nicht möglich, auf die Schnelle die Dienstpläne wieder anzupassen, erklärt Lagler gegenüber den Medien. Er verspricht dann aber: «Im nächsten Jahr werden die Ordnungsnummern wieder eingeführt.»

Ein Indikator für die Mitarbeiterzufriedenheit sind die Krankheits- und Abwesenheitstage. Ausgerechnet hier zeigt der Direktor, der angetreten ist, diese zu reduzieren, eine besondere Wahrnehmungsverzerrung: «Sie sind auf hohem Niveau stabil», behauptet er und verweist auf den positiven Aspekt, wonach die Zahlen von Langzeitkranken rückläufig seien. In Tat und Wahrheit haben sie sich im letzten Jahr um rund 10 Prozent auf über 22 Tage erhöht. Erneut. Der frühere Rekord im Jahr 2016 lag bei 18,5 Tagen.

Hohe Kosten für Basel

Das BVB-Personal ist inzwischen mehr als doppelt so lange krank wie jenes der BLT, das rund 10Tage pro Jahr krankheitsbedingt fehlt. Dies kostet den Basler Steuerzahler: Für das Kranken­taggeld werfen die BVB inzwischen 3,5 Millionen Franken auf, rund 1,3 Millionen Franken mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: Bei gleichem Personalbestand würde die BLT lediglich knapp 900'000 Franken bezahlen.

Derweil stehen neue Herausforderungen ins Haus: Bis 2027 müssen die BVB ihre Busflotte auf erneuerbare Energien umrüsten. Es ist der einzige ÖV-­Anbieter im Land, der eine solche Aufgabe ­gesetzlich verankert aufgetragen bekam. «Das ist eine komplexe Herausforderung. Wir werden das mit Freude anpacken», sagt Yvonne Hunkeler.

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