Luxus à la bâloise geht anders

Ausschweifende Partys feiern Basels junge Reiche nur fernab der Stadt. In Basel wird diskret mit Reichtum umgegangen, die Gesellschaft ist geschlossen und verschworen. Gefeiert wird ausserhalb der Stadt.

Ausschweifen hinter Chalet-Toren: Während die Zürcher Goldküste daheim protzt, feiern junge Basler lieber unbemerkt.

Ausschweifen hinter Chalet-Toren: Während die Zürcher Goldküste daheim protzt, feiern junge Basler lieber unbemerkt.

(Bild: Keystone)

Aufgereiht wie auf einer Perlenkette ziehen die Scheinwerfer von zwanzig oder mehr Autos durch die Nacht. Es schneit. Das kleine Ortsschild mit der Aufschrift «Gstaad» weist den Weg. Die Kette gleitet durch die Kurven und taucht in den Berg. Die letzten Scheinwerfer beleuchten das Heck des Vorderfahrzeuges, dann gleitet auch der hinterste Mercedes S-Klasse durch das unscheinbare Garagentor. Schnee bedeckt die dunklen Fahrspuren.

Leon sieht nicht, wie die Fahrzeuge in der kalkweissen Einstellhalle auf ihre Parkfelder gleiten. Er sieht nicht die Wagentüren aufgleiten und auch nicht die Mädchen in Turnschuhen aussteigen. Er wird sie erst in ihren hohen Hacken zu Gesicht bekommen. Weder sieht Leon die angedeuteten Umarmungen zur Begrüssung, noch hört er die Komplimente und das aufgekratzte Lachen. Aber er ahnt es. Diese Party ist nicht seine erste.

La jeunesse pétulante

Geduldig wartet Leon auf die Gäste. Das silberne Tablett in der Hand. Darauf liegen Poloshirts mit der Aufschrift «Happy Birthday Maurice». Leon lächelt in das Gesicht der Kollegen – «das wird eine lange Nacht», sagt sein Blick, dann geht die Tür auf: Parfums und Gelächter wehen herein. Die Gäste greifen nach den Shirts – keiner vergisst, sich beim Personal zu bedanken. Dann rattert der Helikopter: Das Geburtstagskind ist da.

Je mehr Champagner- und Wodka-Flaschen sich in den Altglaskisten stapeln, desto ausgelassener wird die Feier. Um Mitternacht tragen drei Kellner die von Bengalen-Hölzern knisternde Geburtstagstorte gemeinsam hinein. Die adrette Gruppe hat sich in eine tanzende Meute verwandelt. Vor allem die Frauen haben Maurices’ Geburtstagsshirts wieder abgelegt. Manche mehr als nur die Shirts. Auf dem Klo kotzt ein junger Mann. Leon tut in solchen Momenten, als hätte er nichts gesehen. Zumindest solange der Patient sich souverän über der Schüssel hält. «Ihr glaubt ja nicht, was die Kids in einer Nacht alles schlucken», erzählt er am nächsten Abend seinen Freunden bei einem Bier. Einmal hat er auch etwas probiert, ein Gast hat ihm eine kleine Smiley-Pille auf die Zunge geschoben. Die Wirkung war unerwartet, das Gefühl vor allem darum prickelnd, weil Leon die Pille selbstverständlich niemals hätte schlucken dürfen. Nicht im Einsatz.

Leon heisst eigentlich anders. Aber man sieht es nicht gern, wenn die Kellner von ihrer Arbeit erzählen. Mit Gelegenheitsjobs finanziert er sich sein Studium. Viel besser bezahlt als die Banketts im Fünfsterne-Lokal oder das Eis-Zapfen im Zoo sind Privatanlässe wie jener in Gstaad. Noch bevor Leon das erste Kristallglas poliert, unterschreibt er meist eine Vereinbarung: Was er beim Job beobachtet, geht niemanden etwas an. Niemals. In Gstaad forderte ausnahmsweise niemand mit Papier und Kugelschreiber explizit sein Schweigen.

Auto, Drogen, Internat

Fragt man Leon nach der Geburtstagsfeier, sagt er schulterzuckend: «Rich Kid Party». Was Rich Kids sind, wissen wir selbstverständlich ganz genau. Eigenes Auto? Nur, wenn es sich um einen Ferrari oder Lamborghini handelt – sonst eher mit Fahrer. Das ist auch besser, schliesslich stolpern die Jugendlichen fast abendlich betrunken aus einem Edelschuppen. Drogen? In allen Farben und Formen. Internat? Jawohl – ausser, die Kids wohnen im eigenen Penthouse und gehen von da auf die Privatschule. Wir wissen, was diese Kinder und Jugendlichen alles treiben, deren Welten so grenzenlos sind, dass sie tief in Langeweile versinken – und mit Dummheiten versuchen, ihrer Wohlstandsverwahrlosung zu entkommen. Stereotypen? Aber sicher.

Als in Basel ein pummeliger Jugendlicher eine Bomben-Attrappe bastelte, weil das nach Rasertouren in teuren Sportwagen und Festgelagen im «Drei Könige» an einem Freitagnachmittag das Einzige zu sein schien, was ihm Spass bereiten konnte, durchbrach er ein ungeschriebenes Gesetz: Rich Kids gibt es in Zürich. In Basel sind sie unsichtbar. Und dann passierte, was bei tief verankerten Annahmen immer passiert: Die Ausnahme bestätigte die Regel.

Die Schweiz dachte über das Basler Rich Kid nach – und beschloss, dass es sich um einen Aufschneider handeln musste. Denn echtes Geld sieht in Basel anders aus. Die Schweiz hat recht: Der Jugendliche lebt in bescheidenen Verhältnissen bei seinem Vater. Laut der Aussage eines Geschädigten hat er hohe Schulden gemacht, um das Bild vom grenzenlosen Luxus zu malen. Damit hat er sich selber diskreditiert – Basel tickt anders. Dekadenter Jetset gehört hier nicht her – das tat er nie. Jetzt, da die Dekadenz aufzutauchen scheint, distanziert man sich betont. Das «Trois Rois»: Etwas verstaubt, finden die jungen Reichen. Ausschweifende Partys in Basler In-Lokalen? Podeste, auf denen man sich in den Blicken weniger gut Betuchter sonnt? Fehlanzeige. Teure Wagen mit Chauffeur? Die meisten Jungen fahren ihr eigenes Auto – ein Ferrari ist es selten. Man ist umweltbewusst und gerade in der Innenstadt eigentlich am liebstem mit dem Fahrrad unterwegs. Auffällige Marken, klobiger Schmuck? Lieber nicht. Qualität wird in Basel diskret getragen. Reichtum spielt sich mehr auf dem Konto als auf den Strassen ab. Eine Unterhaltung über das, was sich seit Jahrhunderten hinter verschlossenen Türen abspielt – Türen, bei denen Initialen auf B. oder S. für niemanden ein Rätsel sind? Eher nicht.

Zürich: La jeunesse dorée

Das Alter spielt bei der Zurückhaltung eine Nebenrolle. Was die Alten schon lange tun, können die Jungen ebenso. Gern unterstützt man die Stadt durch anonymes Mäzenatentum, denn die, die zählen, wissen dann schon, woher es kommt, das hilfreiche Geld. Wer in Basel protzt, diskreditiert sich augenblicklich als neureich. Luxus à la bâloise geht eben anders.

Die Dekadenz, wie wir sie uns vorstellen, kommt vor allem aus Zürich und hat Namen wie Pippin Wigglesworth. 19-jährig, sah er 2003 kein Problem darin, das «alte Familienvermögen» ein Weilchen mit grosser Unlust zu verprassen. Danach würde er, Sohn eines Unternehmers, sich selbstverständlich daranmachen, das Übriggebliebene zu vermehren. Pippin – ein Kind der Goldküste. Massanzüge – für casual Ralph Lauren, ansonsten Ermenegildo Zegna –, Rolex und Massschuhe, eigenes Penthouse, ein Fahrer und regelmässige Trips nach St.?Tropez, wo die internationlen Jetset-Kinder sich auf den elterlichen Jachten treffen: Alltag. Nach den ausschweifenden Partys wusste Pippin oft nicht, woher die Schrammen und blauen Flecken überall an seinem Körper stammten. Komplette Blackouts folgten auf perlenden Champagner und Wodka-Shots am Meter. Die Feste wurden gefeiert, wie sie fielen. Und sie fielen regelmässig. Pippins Geschichte pausiert in einer Entzugsklinik und nimmt mit seiner Autobiografie «Viertel nach Handgelenk» auf 140 Seiten eine neue Wendung. Vielleicht.

Reiche Schnösel ganz dekadent

Auch Linda Solanki erzählt in ihrem etwas autobiografischen Roman «Dem See entlang Richtung verlorene Jugend» von dem dekadenten Leben reicher Schnösel. Von Dom Pérignon ohne Ende, unzugänglichen Club-Podesten, von denen aus die Jeunesse dorée auf den Durchschnitt hinunterblickt, von Drogen und Sex – ebenso endlos wie der Geldstrom vom elterlichen Konto. Von Kleidern mit schillernden Namen, von Schmuck und Oberflächlichkeit. Sie erzählt von der Leere, die ein Leben voller Geld in die Seele graben kann. Davon, dass Gleich und Gleich sich gern gesellt, Beziehungen dann aber meist nur in den guten Zeiten halten. Vormachen tut sich da selten einer etwas. Dennoch muss man dazugehören. Wohin auch sonst? Zu jenen, über deren Köpfe die Partypodeste drehen, bestimmt nicht. Es fehlt den Jugendlichen eine Basis, es fehlt ihnen aber auch ein Ziel. Denn dass sie dereinst viel erreichen, sagen die Zahlen auf dem elterlichen Konto bereits sicher voraus. Dass sie dereinst purzeln könnten, die Zahlen, daran denkt keiner von ihnen. Geld ist ihre Berechtigung – darum wird es genutzt und inszeniert.

Wie die Goldküste tickt auch die Welt: Anstatt sich distanziert zu geben, teilen die Jungen ihren Reichtum. Nicht materiell, sondern über die Social Media – am populärsten auf Instagram und mit dem Hashtag richkidsofinstagram. Die jungen Schönen posieren mit Waffen und Autos, sie shoppen und logieren an den teuersten Orten der Welt. Sie konsumieren alles, was ihnen eine Pause von der perfekten Welt verschafft. Diese scheint ihnen erst fixiert hinter güldenen Barockrahmen im Internet erträglich.

In Basel hängen die Barockrahmen nicht in virtueller Öffentlichkeit – sie bleiben hinter verschlossenen Türen. Die alte Gesellschaft ist exklusiv. Man mischt sich nicht (ein), man nimmt sich zurück, man verbirgt die Exklusivität hinter Normalität. Ein Beispiel ist die Paedagogia Basiliensis. Über Medienanfragen ist man hier eher nicht so erfreut. Wie man denn überhaupt von der Paedagogia erfahren habe? Man sei doch eine ganz normale Schülerverbindung. Allerdings eine der letzten schweizweit – gegründet im 19. Jahrhundert. Die Liste der Gymnasiasten aus der Verbindung liest sich wie das Namensverzeichnis des Kleinen Rates aus der Zeit, bevor aus ihm der heutige Regierungsrat wurde. Aus einer Zeit, als die Zünfte noch Verwaltungsaufgaben trugen und gegen die Macht des oligarchen Patriziats anliefen. Das kommt auch daher, dass man sich bei der Paedagogia nicht einfach so bewerben kann. Man braucht eine Empfehlung. Von einem ehemaligen Mitglied wie dem Vater oder dem Patenonkel beispielsweise. Oder man tut sich durch besonderes Engagement hervor, erklärt das ehemalige Mitglied, dessen Namen nichts zur Sache tut. Auf eine schriftliche Einladung folgt ein abendliches Treffen – Rituale und lateinische Trinksprüche, Hierarchien und wöchentliche Sitzungen sind Pflicht. Dafür hilft der Ältere dem Jüngeren auch mal bei der Prüfungsvorbereitung aus. Ein verschworenes Netzwerk, das sich gegenseitig Schlüsselpositionen zuschustere, sei man aber nicht. Mehr eine kleine Familie. Eine, die sich gerade um Öffnung bemühe – und um Neuzugänge. Die Lust an wöchentlichen Treffen im Kleinbasel, an Kassieramt und grosser Organisation verblasst.

Basler mögen die Zurückhaltung

Warum man dennoch nicht prominenter um Mitglieder wirbt? Sich zu exponieren, könne zu Unverständnis und Missgunst führen. Man werde oft falsch verstanden, leider. Andernorts stört das nicht. Da legt man es auf die Abgrenzung an. Da zeigt man, wer man ist und sonnt sich im Neid. In Basel nicht. In Basel ist man humanistisch – und bleibt dafür lieber unbemerkt und unter sich. Das Alter spielt keine Rolle. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Doch er rollt gerne ab und an auf fremde Felder, der junge Apfel. Fernab vom Rhein – an Küsten im Süden oder auf ferne Berge, da gönnt er sich Augenblicke ohne jahrhundertealte Bescheidenheit. Da darf man sich einen Abend lang so reich zeigen, wie Pippin und seine Freunde das schon beim Frühstück tun. Dann bleibt das Fahrrad daheim und die Zurückhaltung auch.

Inzwischen hat es im Berner Oberland zu schneien aufgehört. Die Feierlaune ist verebbt, der nächste Tag längst angebrochen. Die leeren Dom-Pérignon-Flaschen und die übrigen Zeichen des Abends sind zusammen mit Leon verschwunden. Er ist längst weg, als sich Stunden später das unscheinbare Garagentor öffnet. Weder sieht er, wie der Autotross sich langsam die kurvige Bergstrasse hinunterschält, noch erhascht er einen Blick auf die Nummernschilder. Rot und schwarz prangen darauf die Baslerstäbe.

Basler Zeitung

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