Lieber Artenvielfalt als Klimaschutz

In Basel soll das Hafenbecken 3 gebaut werden. Sogar Grüne sind dafür. Eine Katastrophe für die Biodiversität.

Auf der vermeintlich trostlosen Fläche leben über 600 Tier- und Pflanzenarten. Darunter auch sehr seltene. Foto: Dominik Plüss

Auf der vermeintlich trostlosen Fläche leben über 600 Tier- und Pflanzenarten. Darunter auch sehr seltene. Foto: Dominik Plüss

Mischa Hauswirth

Wofür braucht es eigentlich die Grünen noch? Vergangenen Mittwoch hätten sie geschlossen gegen die Realisierung des Hafenbeckens 3 stimmen können, doch acht der dreizehn Grossräte zogen es vor, dem Grossprojekt zuzustimmen oder sich der Stimme zu enthalten. Lediglich fünf waren dagegen.

Aus der Sicht eines Naturliebhabers ist der Entscheid mehr als falsch, er zeigt geradezu die Groteske der heutigen grünen Politik auf. Während Begriffe wie «Umweltsau» und «Klimalügner» aus dem grünen Umfeld kommen und sich bestens eignen, um unliebsame Zeitgenossen wegen Autobesitz oder Fleischkonsum zu stigmatisieren und zu diffamieren, ist es auf der anderen Seite in Ordnung, wenn ein wichtiges und grosses Trockenbiotop geopfert wird. In den 1980er-Jahren, als die Grünen aufkamen, nannten sie sich Anwälte der Wälder, der Flüsse, Moore, Bäume und Seen. Beim motorisierten Privatverkehr ist der alte Kampfgeist noch zu spüren. Beim Kampf für Tier- und Pflanzenwelt hingegen ist der Ofen aus.

Geschickt haben Wirtschafts-Direktor Christoph Brutschin (SP) und seine Genossen im Grossen Rat bei der Debatte ums Hafenbecken 3 den Klimawandel ins Spiel gebracht. So sagte etwa SP-Grossrat Kaspar Sutter: «Wer Ja sagt zum Klimaschutz, sagt Ja zum Hafenbecken.» Wer wagt es heute noch, sich gegen den Klimaschutz zu stellen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würden die Rheinische Flockenblume, die seltene Schlingnatter, die Heideschnecke oder die Gottesanbeterin – alle leben sie dort, wo das Hafenbecken hinkommen soll – Sutter antworten: «Was nützt uns der Klimaschutz, wenn Ihr unsere Heimat zubetoniert?»

So gross die Empörung über den Artenschwund im brennenden Amazonasgebiet, so lustlos das Engagement für die kleinen Viecher im kargen Niemandsland beim Badischen Bahnhof

Zur Erinnerung: Auf dem Areal der Deutschen Bahn hinter dem Badischen Bahnhof leben über 600 teils sehr seltene und teils vom Verschwinden bedrohte Arten. Die Rote Liste dort ist lang. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat diese Zone in sein Inventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung aufgenommen. Zudem verläuft ein internationaler Wanderkorridor durch dieses Gebiet. Was ist das? Das sind Vernetzungsachsen, über die Tiere und Pflanzen sich ausbreiten können. Warum ist das wichtig? Weil die genetische Vielfalt so erhalten bleibt, und diese wiederum ist entscheidend, damit sich Arten in der Evolution weiterentwickeln können. Und der Mensch gehört ja eigentlich auch zu dem, was wir Natur und Erde nennen.

Zerschneidet eine Autobahn oder eine Stadt eine Landschaft, ist ebendieser Austausch gefährdet. So gross die Empörung über den Artenschwund im brennenden oder gerodeten Amazonasgebiet und in den Riffen, so lustlos das Engagement für die kleinen Viecher und Gräser im kargen Niemandsland beim Badischen Bahnhof. Dabei gibt es bezüglich Artenschwund in Europa vergleichbare Entwicklungen: In den vergangenen 60 Jahren sind beispielsweise 90 Prozent unserer Blumenwiesen verschwunden.

Der Sutter’sche Satz «Wer Ja sagt zum Klimaschutz, sagt Ja zum Hafenbecken» ist aber auch aus einem anderen Grund nicht gerade hieb- und stichfest. Gerade vom Beton und vom Stahl her ist bekannt, dass ihre Herstellung eine Unmenge an Energie verschlingt. In Basel wird aber wohlweislich nur mit der Einsparung von ausgestossenem CO2 beim Weitertransport von Containern oder Waren gerechnet, die dereinst per Schiff kommen sollen. Wäre die Sorge um die Biodiversität echt und nicht nur politisch motiviert, würde es gar keine Diskussionen brauchen – es wäre klar, dass das Bahnareal, diese Arche Noah für die letzten Überlebenden der unverbauten Rheinufer, unangetastet bleiben muss.

Bafu taxiert vorgeschlagenen Flächen als ungenügend

Ach ja, es sind ja Ersatzflächen vorgeschlagen. Nur: Das Bafu hat die von den Hafenbecken-3-Befürwortern vorgeschlagenen Flächen «Rheinaue», «Hardwald» und «Mosaikflächen auf dem Bruderholz» alle als ungenügend taxiert, wie in einem Schreiben vom 7. Februar 2020 nachzulesen ist. «Die Flächen für Ersatzmassnahmen müssen qualitativ und quantitativ mindestens gleichwertig sein, mit anderen Lebensräumen des gleichen Typs ausreichend vernetzt und für die betreffenden Arten erreichbar sein», schreibt das Bafu. Zwar anerkennt die Bundesbehörde, dass es sich um «grossflächige Massnahmen» handle. Doch sieht das Bafu keine Vernetzung mit dem Objekt, «und auch die Besiedlung mit den im Zielartenkonzept festgehaltenen Arten ist fraglich». Mit anderen Worten: Die Ersatzflächen haben nicht mal den Namen verdient.

Das von Umweltverbänden und anderen angekündigte Referendum gegen das Hafenprojekt ist ein gefährlicher Balanceakt: Was, wenn das Volk Ja sagt zum Bau? Das würde den Druck, das Hafenbecken 3 zu bauen, erhöhen. Besser scheint da, den Rechtsweg zu beschreiten. Mit einem klaren Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts wäre das Projekt definitiv Geschichte. Und dann könnten Flockenblume, Schlingnatter, Heideschnecke und Gottesanbeterin den Erhalt ihrer Heimat feiern.

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