Lavieren und schönreden

Das BVB-Debakel hat einen Mittäter und einen, der alles aussitzt: Regierungsrat Hans-Peter Wessels. Er stützte seinen Freund Martin Gudenrath bis zuletzt und verschaffte seinem Sohn einen begehrten Praktikumsplatz.

  • loading indicator
Daniel Wahl

Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP) musste es von Anfang an gewusst haben, als er seinen persönlichen Freund Martin Gudenrath an die BVB-Verwaltungsratsspitze beorderte: Der Mann ist ein Hochrisikofaktor in einem teilstaatlich geführten Betrieb.

Jedes ernsthafte Bewerbungsgespräch hätte dies zutage fördern müssen: Gudenrath, vom Liestaler Gymnasium geflogen; Gudenrath als eigenmächtig agierender Präsident bei der IG Cargo; Gudenrath im Ärger von seinem Serviceclub, den Kiwanern Birseck, getrennt; Gudenrath, der es mit der Firma Planzer nicht konnte und bereits nach einem halbem Jahr ging; Gudenrath, der seine Firma nach einem alkoholischen Getränk benannt hatte – «Gin Transport», ein Name als Symbol für seine wilden Zeiten. Das alles hätte Hans-Peter Wessels vor Gudenraths Berufung wissen können. Er hat aber an seinem Freund festgehalten und ihn verteidigt durch alle Böden. Bis zuletzt.

Villa-Rosenau-Szene

Vielleicht war es genau diese Nähe zur linken, autonomen Jugendszene, der Gudenrath früher angehörte und mit deren Nachfolgern Wessels bis zuletzt fraternisiert, die den Regierungsrat blind für den Risikofaktor Gudenrath machte – diese Nähe zur Villa-Rosenau-Szene, die durch Wessels Gnade staatliche Bausubstanz bis zur Brandruine aushöhlen konnte und die bis zum Gewaltexzess «Revolta» am Voltaplatz von Wessels im Park geduldet wurde.

Für Wessels bleibt Gudenrath jedenfalls unangreifbar, auch nachdem ein Whistleblower den Verwaltungsrat über die Eskapaden an der BVB-Spitze am 31. Juli dieses Jahres orientierte – in einer Geheimsitzung unter Ausschluss von Gudenrath. Noch am selben Tag wurde der Regierungsrat per Mail und telefonisch über die aufgebrachten Verwaltungsräte orientiert.

Nicht freiwillig Fiko beauftragt

In den Medien stellte sich Wessels als Held hin: Er habe die Finanzkontrolle beauftragt. In Tat und Wahrheit musste der Regierungsrat in der folgenden Sitzung vom 8. August vom BVB-Verwaltungsrat aufgefordert werden, die Finanzkontrolle einzuschalten. Diese erhielt den Auftrag erst am 6. September. Seit der Bekanntmachung gab sich der Regierungsrat also Zeit. Fünf Wochen. Genug Zeit, dass sein Freund, der gleichzeitig mit ihm über die anstehende Untersuchung orientiert wurde, Spuren verwischen zu konnte. Unabhängig davon machte die BaZ Ende August das intrigante Verhalten der BVB-Spitze gegenüber dem Baselbieter Transportunternehmen BLT öffentlich und deckte auf, wie der Verwaltungsratspräsident mit falschen Zahlen zu den Trambeschaffungen vor den Regierungen beider Basel operierte.

Das vermochte Wessels nicht zu erschüttern. Er stützte noch immer seinen Freund. Selbst nachdem die BVB-Direktion in die Lügen-Trickkiste griff und mitteilte, es drohe Personalabbau, sollte die BLT dereinst über den Margarethenstich fahren. Nichts stimmte. Das Personal, das die BVB abzubauen gedachten, war noch gar nicht eingestellt. Aber das Gift war gestreut; die Drämmligewerkschafter des VPOD starteten mit ausdrücklichem Segen der Geschäftsleitung eine Petition gegen den Personalabbau. Wessels störte das nicht. In der «Tageswoche» reagierte er auf die BaZ-Berichterstattung und stärkte nach wie vor Gudenrath den Rücken: «Es kann keine Rede davon sein, dass ich seinen Rücktritt wünsche. Im Gegenteil: Der Verwaltungsrat und die neue Direktion der BVB haben hervorragende Arbeit geleistet, nicht nur bei der Trambeschaffung.»

Mit keinem Wort erwähnt

Nachdem die BaZ am Lügengebäude der BVB gerüttelt hatte, kam es dem SP-Regierungsrat nur gelegen, dass seine Partei einen Vorstoss zur Fusion der beiden Trambetriebe BVB und BLT ins Parlament brachte. «Den Vorstoss nehme ich dankend entgegen», sagte er im Grossen Rat. Es sollte von den eigentlichen Problemen, die Wessels alle kannte, ablenken.

Nach den Ergebnissen der Finanzkontrolle war Gudenrath selbst für Wessels nicht mehr haltbar. Und Direktor Jürg Baumgartner, dem die Finanzkontrolle ein noch viel schlechteres Zeugnis ausstellte, im Grunde genommen noch viel weniger. Vom Versagen Baumgartners versuchte Wessels vor den Medien an einer eilends einberufenen Konferenz zu Gudenraths Absetzung abzulenken. Mit keinem Wort sprach er davon, wie sich die Chefetage in Selbstbedienungsmentalität bereichert hatte, obschon der Bericht der Finanzkontrolle das Gegenteil darlegte.

Keine unrechtmässige Bereicherung

Vielmehr redete Wessels über seinen Freund Gudenrath. Er habe sich nicht bereichert, er habe die BVB in einen Modernisierungsprozess geführt. Der Regierungsrat machte glauben, dass das Nichteinhalten von Gesetzen und Verordnungen wegen interner Abstimmungsschwierigkeiten bloss eine ­Formalie gewesen sei. Und dass es der BVB-Spitze nur an Sensibilität gemangelt habe. Gleichzeitig brachte Wessels die Grenzen zu Baumgartners Verhalten fliessend zum Verschwinden: Man habe keine Vetternwirtschaft festgestellt, es seien keine unrechtmässigen Bereicherungen festgestellt worden. Das halte der Bericht der Finanz­kontrolle fest. So klingt Schönreden.

Als die BaZ die Aussagen Wessels konsequent zu Papier brachte und schrieb: «Die Finanzkontrolle hat sie vom ­Vorwurf der bösen Absicht und der persönlichen Bereicherung entlastet», intervenierte Wessels auf der Redaktion. Er schrieb: «Der Bericht der Finanzkontrolle hat aufgezeigt, dass Herr Baumgartner unrechtmässige Entschädigungen erhalten hat.» Am Abend zog er seine schriftlich getätigte Aussage zurück und verlangte folgende Zeilen: «Der Bericht der Finanzkontrolle hat aufgezeigt, dass die Entschädigung von BVB-Direktor Jürg Baumgartner nicht in allen Punkten dem ­Personalrecht entsprach.»

So sieht Lavieren aus.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt