Kurz vor dem Kollaps

Im Raum Basel braucht es dringend einen grossen Wurf, um die Auto- und Pendlerströme zu kanalisieren.

Gefragt sind starke Nerven hinter dem Steuer: Stau auf der Osttangente vor der Schwarzwaldbrücke.

Gefragt sind starke Nerven hinter dem Steuer: Stau auf der Osttangente vor der Schwarzwaldbrücke.

(Bild: Lucia Hunziker)

Marcel Rohr

Schmelzende Gletscher, brennende Wälder, überflutete Städte, steigende Temperaturen. Die Folgen des Klimawandels sind das Thema, welches Politiker, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler und Ingenieure in den kommenden Jahren weltweit am meisten beschäftigen wird. In der Schweiz sind flächendeckend die steigenden Gesundheitskosten von grösster Relevanz, und im Raum Basel ist es - neben Krankenkassen und Erderwärmung - die Verkehrspolitik, die die Menschen ernsthaft beschäftigt.

Heute schon im Stau gestanden? Wer mit dem Auto nach Basel kommt, gerät unweigerlich in eine Blechlawine, aus der es kein Entrinnen gibt. Stehende Kolonnen zwischen Augst und Hagnau, stehende Kolonnen zwischen Hagnau und Augst. Das Teilstück der A2 zwischen dem Grenzübergang Weil und der Verzweigung Augst platzt aus allen Nähten, rund 70000 Fahrzeuge passieren jeden Tag die Osttangente über dem Rhein. Man muss sich das einmal vorstellen: Fast der ganze Verkehr, der aus Skandinavien, Deutschland, Nordfrankreich und den Benelux-Staaten in Richtung Süden rollt, presst sich auf diesem zwei- oder dreispurigen Teilstück an der Stadt Basel vorbei. Sämtliche Pendler aus dem Leimen- oder dem unteren Ergolztal quälen sich ebenfalls über die A2, dazu kommt der städtische Berufsverkehr. Dass dieser geteerte Korridor auf der Nord-Süd-Achse völlig überlastet ist, entspricht nur der Logik.

 Basel ist heute für jeden Autofahrer unattraktiv und eine Zumutung. Punkt.

Nun sind mehrere Ausbauten der Hochleistungsstrassen-Infrastruktur in Planung. Der Anschluss Bachgraben wird im Parlament debattiert, es geht um einen neuen Rheintunnel, der die Osttangente entlasten soll. Im Gespräch ist der Gundelitunnel, der im östlichen Stadtteil die Lage entspannen könnte, und im November 2018 stellten beide Basel das Projekt Westring vor: Eine neue Autobahnspange, die das Gundeli mit der Nordtangente verbindet. Alle diese Projekte verdienen es, möglichst effizient vorangetrieben zu werden. Auch am Ausbau der A2 auf mindestens drei oder, besser, vier Spuren führt kein Weg vorbei; im allerbesten Fall zieht sich der Westring sogar unterirdisch um ganz Basel.

Nur: Wird in der Verkehrspolitik ähnlich kleingeistig diskutiert wie in den letzten Jahren Parkplätze, Hundeparks oder Grillverbote am Rhein, wird dieser wunderbaren Stadt am Rhein nie der grosse Wurf gelingen. Doch genau diesen braucht es, um dem Verkehrsaufkommen endlich gerecht zu werden. Basel ist heute für jeden Autofahrer unattraktiv und eine Zumutung. Punkt.

Doch allein mit mehr Schnellstrassen sind die Probleme nicht gelöst. Zu einer griffigen Verkehrspolitik gehört die Verzahnung mit dem öffentlichen Verkehr. Die Anbindung des Euro- Airports (EAP) an Basel ist einer City dieser Grössenordnung und Wichtigkeit unwürdig. Ein einziger Stadtbus führt vom Bahnhof SBB an den EAP, und wer schon mal den Mut hatte, einzusteigen, bereut es nach ein paar Sekunden. Die 50er-Linie ist überlastet, schlecht ausgeschildert und für jeden Reisenden Stress pur. Zwingend wäre ein direkter Zuganschluss ab Basel SBB sowie eine Tramlinie vom Hauptbahnhof aus; sinnvoll und eine schöne Zugabe eine zweite Tramlinie vom Badischen Bahnhof Richtung Flughafen.

Unterirdische Bahnschienen wären eine grosse Entlastung für die ganze Region.

Der Badische Bahnhof ist im Kern eine Perle, nur leider etwas heruntergekommen und unbeachtet. Dieser Bahnhof hätte eine Restaurierung bis auf die Grundmauern verdient, denn seine Lage ist genial. Die Idee der SBB, künftig die ICE-Züge nur noch über den «Badischen» zu führen, ohne Halt in Basel SBB, ist prüfenswert; nicht nur, aber vor allem auch für Reisende aus Deutschland, die in Basel oder auf Schweizer Boden arbeiten.

Die Verknotung des Badischen Bahnhofs mit dem Bahnhof SBB ist der Clou des Herzstücks, des Projekts einer unterirdischen S-Bahn quer durch Basel. Dass dafür bereits Bundesgelder in Aussicht gestellt worden sind, beweist die Dringlichkeit; mittlerweile haben sogar schon die Beamten aus Bern gemerkt, dass Basel verkehrsmässig nahe dem Kollaps steht.

Unterirdische Bahnschienen wären eine grosse Entlastung für die ganze Region und würden die Gentrifizierung weiterer Stadtteile vorantreiben. Neue Quartiere am Rhein, hinter dem Badischen Bahnhof oder beim Dreispitz wären für Investoren noch attraktiver.

 Dass sich der Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels für den Autobahn-Westring einsetzt, ist ihm hoch anzurechnen.

Vielleicht aber kommen neue S-Bahn-Linien zu früh. Es wäre sinnvoller, zuerst in den Ausbau der Autobahnspangen zu investieren. Denn statt eines neuen S-Bahn-Netzes könnte schon ein von Grund auf überarbeitetes Tramnetz helfen, die Menschenströme besser zu verteilen. Die vielen Linien, die mitten durch die City führen, sind nur noch verwirrend und verschandeln das Stadtbild. Beispiel Marktplatz: Das Überqueren der Gleise kommt einem Hindernisparcours mit verbundenen Augen gleich. Im Sekundentakt rollen die Trams vorbei, was den schönen Ort vor dem Rathaus massiv abwertet. Ein ähnliches Bild ergibt sich am Barfüsser- und am Claraplatz. Dafür sind andere Knotenpunkte wie der Claragraben oder die Johanniterbrücke frei von Haltestellen und Schienen. Die Idee der Jungen Liberalen, Tramzüge rund um den Marktplatz unter den Boden zu führen, ist mutig und innovativ, aber wohl viel zu teuer und damit kaum umsetzbar. Wenn schon gegraben werden soll, dann für ein kerniges, leistungsfähiges S-Bahn-Netz.

Basels Baudirektor Hans-Peter Wessels hat die Defizite beim Tramschienennetz erkannt und im Januar 2019 gleich drei neue Ausbauprojekte vorgestellt. Die neuen Abschnitte sollen rund 100 Millionen Franken kosten und 2027 fertig sein. Dass sich der Basler Regierungsrat überdies auch für den Autobahn-Westring einsetzt und damit seinen SP-Kollegen in den Rücken gefallen ist, ist ihm hoch anzurechnen. Er hat die Zeichen der Zeit - zumindest in diesem Punkt - erkannt. Und es gibt auch gute Beispiele für das Basler Tramnetz. Die 14er-Linie nach Pratteln, der 11er nach Aesch und der 10er nach Dornach sind wertvolle Verbindungen, die von der Kundschaft dankbar benützt werden - aber eben längst keine Jahrzehntprojekte, die diese Stadt aus verkehrstechnischer Sicht entscheidend weiterbringen.

Basler Zeitung

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