Kleinbasel feierte «Vogel Gryff» bei leicht bedecktem Himmel

Der «Vogel Gryff» hat am Montag in Basel erneut eine grosse Zahl Schaulustiger angelockt. Die Schildhalter der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften zeigten am Feiertag der «minderen Stadt» ihre uralten Tänze.

Der Brauch des «Vogel Gryff» entwickelte sich aus den jährlichen Waffeninspektionen früherer Zeiten. Foto: Nicole Pont

Der Brauch des «Vogel Gryff» entwickelte sich aus den jährlichen Waffeninspektionen früherer Zeiten. Foto: Nicole Pont

Dominik Heitz

Es ist kalt. Und durch den Wind, der durch die Stadt fegt, fühlt sich die Kälte noch beissender an. Doch das scheint die Kleinkindergartenschüler auf der Wettsteinbrücke nicht zu kümmern. Noch bevor der Wild Maa um 10.30 Uhr seine Flossfahrt oberhalb der Schwarzwaldbrücke startet, haben sie sich schon in Position gebracht. Schulter an Schulter und die Mützen über die Ohren gezogen knien sie hinter dem Geländer und blicken mit grossen erwartungsvollen Augen Richtung Käppelijoch auf den sanft dahinfliessenden Rhein. Und ständig fragen sie: «Wann kommt er?»

Viele Schulklassen sind um diese Zeit im Kleinbasel unterwegs. Sie alle wollen den Vogel Gryff nicht verpassen. Es ist ein freudiges Gekreische, das dem Geschrei der Möwen Konkurrenz macht.

So tanzt der Vogel Gryff. Video: Nicole Pont

Wann kommt er?

Mit den Treppen beim Ueli-Fährsteg haben sich Prisca Tanner und ihre Klasse vom Riehener Kindergarten Glögglihof eine schöne Aussichtstribüne ergattert. Die Kleinen fragen: «Wann kommt er?» Jedes der Kinder trägt eine Notfallkarte um den Hals. Aber nicht irgendeine. Sie hat die Form eines Uelikopfes und ist auch entsprechend bemalt. Anouks Ueli ist schwarz-weiss, Louis hat einen grün-weissen gezeichnet. Und wie es der Zufall will, taucht unversehens der grüne Ueli auf und hebt vor der Kinderschar seine Sammelbüchse.

Der grüne Ueli schüttelt seine Sammelbüchse.

Andernorts heben sie ihre Weissweingläser. Im Brückenkopf der Wettsteinbrücke stossen sie auf den Kleinbasler Ehrentag an. Auf Balkonen und vor Hauseingängen am Unteren Rheinweg kreisen ebenfalls die Flaschen, und direkt am Ufer stehen Gruppen und Grüppchen mit Gläsern oder Zinnbechern in der Hand, gönnen sich mehr als nur einen Schluck und fragen: «Wann kommt er?»

Mit dem Rücken zum Grossbasel tanzt der Wild Maa auf dem Floss den Rhein hinunter.

Da plötzlich: Von ganz weit weg ist ein leiser Donnerhall zu hören. Nach und nach werden die Böllerschüsse lauter. Rauchschwaden sind hinter der Wettsteinbrücke zu erkennen.

Und dann kommt er! Mit dem Rücken zum Grossbasel tanzt der Wild Maa auf dem Floss den Rhein hinunter. Dazu «ruesse» zwei Tambouren das «Rhy ab»-Märschli.

Schwäne in Staffelformation

Jedes Jahr erfolgt dieses Ritual auf die gleiche Weise. Hat man es einmal gesehen, hat man es eigentlich immer gesehen. Und doch entfaltet diese archaisch wirkende Flossfahrt seine ganz eigene Magie, der man sich nur schwer entziehen kann. Schon gar nicht, wenn – wie diesmal – fünf Schwäne in Staffelformation eine halbe Ehrenrunde um das Floss drehen.

Natürlich hängen überall die Fahnen der drei Kleinbasler Ehrenzeichen. Die Mittlere Brücke ist gleich zur Hälfte damit beflaggt. Und natürlich sieht man auch jedes Jahr dieselben Gesichter: die Hochstrassers und Zeiers, die Langs und Lehrs, die Stalders und Rupps. Schwarze Hüte überall und Ehrenzeichen an den Revers.

Und an keinem Tag im Jahr werden in den Kleinbasler Restaurants so viele Lääberli und Rösti gekocht wie am Vogel Gryff. Wo man auch hinkommt, ob in der Sonne oder der Fischerstube, ob im Rebhaus oder in der Walliser Stube, überall schlägt einem der Geruch des traditionellen Vogel-Gryff-Festtagsmenüs entgegen.

Und ständig fragen sie: «Wann kommt er?»

Ohne Ehrengast

Selbstverständlich bekommen die 450 Gesellschaftsbrüder der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften im Congress Center beim Messeplatz etwas anderes aufgetischt. Kurz nach 12 Uhr haben sie sich vor dem Sorell-Hotel Merian aufgestellt, um in einem Cortège zum Mittagessen zu schreiten. Wer würde der hohe Gast in der Mitte sein? Letztes Jahr gab sich Bundesrat Alain Berset die Ehre. Diesmal ist unter dem vorgesetzten Meister Peter Stalder keiner auszumachen. Das Gerücht will es, dass es eigentlich Bundesrat Ignazio Cassis hätte sein sollen. Doch die arbeitsintensive aussenpolitische Situation im Iran habe seine Teilnahme nicht zugelassen, hiess es.

Immerhin stehen unter anderen Christoph Franz, Verwaltungsratspräsident der weltumspannenden Roche AG, Grossratspräsident Heiner Vischer sowie die beiden Frauen Pia Inderbitzin, Obfrau des Fasnachts-Comités, und Beatrice Stirnimann, CEO der Baloise-Session, auf der Gästeliste.

Über 40 Tänze

Während sich die Gesellschaftsbrüder an diesem Tag zurücklehnen können, haben Vogel Gryff, Leu und Wild Maa zusammen mit den drei Tambouren und den drei Bannerträgern über 40 Tänze zu absolvieren – ein Marathonprogramm.

Aber auch die vier Ueli sind nicht zu beneiden, denn ihre Sammelbüchsen sind schwer. Einem ist es schon einmal passiert, dass vom Tragen dieser Büchse zwei seiner Finger zwei Tage lang taub geblieben sind.

21 Buben dürfen beim Umzug durch die Gassen die jahrzehntealten Stecklaternen des Kleinbasel voraustragen.

Nun ist es Abend, und in der Rheingasse sind 21 Buben schon ganz nervös. Sie dürfen beim Umzug durch die Gassen die jahrzehntealten Steckenlaternen des Kleinbasel voraustragen – unter der Aufsicht von Roland Häusermann, dem sogenannten Bubengeneral. Die Buben dürfen durchaus stolz sein, denn der Leu, der Vogel Gryff und der Wild Maa widmen ihnen und ihrem Chef extra einen Tanz.

Dann bringt sich die Olympiaclique in Stellung, und los gehts. Bis um zehn Uhr zieht der Zug durch die Strassen und Gassen, von Beiz zu Beiz – der Leu an vorderster Front, denn die Ehrengesellschaft zum Rebhaus, deren Wappenhalter er ist, hat in diesem Jahr den Vorsitz.

Endstation ist die Rheingasse. Die Sehnsucht auf den nächsten Vogel Gryff kann beginnen.

Basler Zeitung

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