Kein Qualm mehr an Schweizer Bahnhöfen

Die SBB wollen schweizweit das Rauchen an Bahnhöfen verbieten. Basel wird zum Pilotprojekt.

SBB greifen durch. Solchen Schildern kann man im Innern der Schalterhalle bald wieder begegnen.

SBB greifen durch. Solchen Schildern kann man im Innern der Schalterhalle bald wieder begegnen.

(Bild: Roland Schmid)

Serkan Abrecht

Passagiere, die sich, kaum sind sie aus dem Zug auf das Perron getreten, eine Zigarette anzünden und genüsslich den blauen Dunst ausatmen – sie sind aus dem Pendleralltag kaum mehr wegzudenken. Besonders am Basler Bahnhof, einem Endbahnhof, haben die Raucher nach einer langen Zugfahrt oder längerem Warten am Gleis das Bedürfnis, den körpereigenen Nikotinspiegel noch einmal hochzutreiben. Doch damit ist nun Schluss.

Die SBB im Basler Bahnhof wollen ab dem 10. Dezember ein komplettes Rauchverbot einführen. Das Konzeptpapier dazu – mit dem Titel «Rauchfreier Bahnhof» – liegt der BaZ vor. Die Bahnhöfe Basel, Nyon und Zürich Stadelhofen sollen die ersten rauchfreien Bahnhöfe sein. Weiter soll am Bahnhof Bellinzona nur in markierten Raucherzonen – wie man sie aus Deutschland kennt – geraucht werden dürfen. Im Bahnhof Neuenburg hingegen müssen sich die Raucher in eine «Raucher-Lounge» zurückziehen.

Aus dem Konzept geht ausserdem hervor, dass man mit dem Fahrplanwechsel im 2018 an allen Schweizer Bahnhöfen das Rauchen verbieten wolle. Anfang März beteuerten die SBB noch, dass man punkto Tabakkonsum in ihren Bahnhöfen und im Basler Bahnhof im Speziellen die Raucher nicht einschränken wolle. «Es genügt, dass die unterirdischen Bahnhöfe und die Züge rauchfrei sind. Schliesslich ist der Bahnhof SBB gut durchlüftet, da er ursprünglich für den Betrieb von Dampflokomotiven konzipiert worden ist», sagte ­SBB-Sprecher Daniele Pallecchi damals zur Gratiszeitung 20 Minuten, die eine Passan­ten-Umfrage zum Thema Rauchverbot durchführte.

Auch die Reinigung, wegen der Zigarettenstummel sei kein Problem, sagte Pallecchi weiter, da die Aufstockung der Aschenbecher die ge­wünsch­­te Wirkung gezeigt habe. Für die Bahn bestehe kein Handlungsbedarf und ein Rauchverbot sei somit auch nicht nötig.

Vom Nein zum Ja

Nun scheint das Rauchverbot an drei Bahnhöfen ab Dezember dieses Jahres und ab Ende 2018 für die Gesamtschweiz bereits beschlossene Sache. Im Konzept, geschrieben vom Fachspezialisten Bahnhofsmanagement Christian Fricker, begründen die SBB ihren Entscheid damit, das Rauchverbot an ihren Bahnhöfen sei ein «regelmässiges Thema bei Kundenanfragen». Zudem schreibt Fricker, dass die Passagiere den «liberalen» Raucherregeln zunehmend abgeneigt seien. Diese Aussage wird auf dem Konzeptpapier jedoch nicht belegt.

Bei einer Umfrage der Bundesbahnen vor zwei Jahren gaben lediglich 46 Prozent der Befragten an, dass sie sich restriktivere Regeln für Raucher in den Bahnhöfen wünschen. Auch zu den «regelmässigen» Kundenbeschwerden können die SBB keine Angaben machen. Auf Anfrage der BaZ schreibt Mediensprecher Pallecchi, dass die Kunden­beschwerden nicht zahlenmässig ausgewiesen werden. Zum Konzeptpapier will Pallecchi zudem keine Stellung beziehen. Er verweist einzig darauf, dass man regelmässig Varianten prüfe, um die Aufenthaltsqualität in Schweizer Bahnhöfen zu verbessern. Indirekt bestätigt der Sprecher aber die Echtheit des Konzepts, indem er konstatiert, dass die Geschäftsleitung dessen Inhalt noch nicht abgesegnet habe. Dennoch handelt es sich beim Konzeptpapier «Rauchfreier Bahnhof» um ein konkretes Vorhaben.

Denn die SBB haben bereits diverse Projektpartner über ihre Pläne in Kenntnis gesetzt. Der BaZ liegt ein Brief der Lobbyorganisation Swiss Cigarette an die SBB vor. Darin steht, dass die Bundesbahnen die Tabaklobby bereits am 11. September über ihr Rauchfrei-­Projekt informierten. Zusammen mit Swiss Cigarette wollten die SBB gemäss ihrem Konzept eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Kantons Basel-Stadt, des Bundesamts für Gesundheit, der Pro Bahn Schweiz und der Lungenliga bilden, die ihr Projekt beratend begleitet.

Die Tabaklobby hat den Bundesbahnen jedoch ihre Mithilfe am Rauchfrei-Projekt bereits versagt. In ihrem Brief an Projektleiter Fricker und SBB-CEO Andreas Meyer schreibt die Organisation: «Vorerst bedauert Swiss Cigarette, erst rund drei Monate vor der Implementierung des Pilotprojekts informiert worden zu sein. Die drei Testvarianten scheinen bereits vorbestimmt zu sein.» Swiss Cigarette fühle sich deshalb vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht als legitimer Projektpartner wahrgenommen.

Nebst einer Mitgliedschaft in ihrer Arbeitsgruppe wünschten sich die SBB in Zusammenarbeit mit Swiss Cigarette die Neuenburger Raucherlounge zu installieren. Die Antwort der Lobby: «Das Konzept 3 (Raucherlounge, Anm. d. R.), welches sich wohl von Gegebenheiten an Flughäfen leiten lässt, kann für Bahnhöfe nicht adaptiert werden, da die Rauchenden den Bahnhof nicht so viel im Voraus aufsuchen wie bei Flugreisen.»

Die Tabaklobby teilt den SBB abschliessend mit, dass sie an ihrem Pilotprojekt nicht teilhaben möchte. Vor allem die Absicht, den Basler Bahnhof komplett rauchfrei zu gestalten, er­­scheine als eine «Extremlösung».

Auch die Lungenliga wurde bereits von den SBB über deren nationales Projekt informiert, wie sie auf Anfrage bestätigt. Im Gegensatz zur Lobby unterstützt die Lungenliga die Kampagne «Rauchfreie Bahnhöfe», wie sie auf Anfrage knapp und bündig mitteilt.

Kritik von links bis rechts

In der Politik findet das Rauchfrei-Projekt jedoch keinen Anklang. «In geschlossenen und schlecht durchlüfteten Räumen muss ein Rauchverbot gelten. Das Rauchen aber auch auf den Perrons der Bahnhöfe zu verbieten, finde ich übertrieben», sagt die Basler Nationalrätin Silvia Schenker (SP). Schenker ist Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) in Bundesbern und war vor fünf Jahren auch Unterstützerin der Volks­initiative «Schutz vor Passivrauchen», die mit 66 Prozent Nein-Stimmen vom Volk bachab geschickt wurde.

«Ich habe mich damals sehr für den gesundheitlichen Schutz für Passiv­raucher eingesetzt. Die Massnahme der SBB geht für mich aber zu weit. Es war nie meine Absicht, den Menschen das Rauchen zu vergraulen», sagt Schenker. «Ausserdem finde ich es schon ein wenig speziell, dass das ganze Projekt bereits als beschlossene Sache gilt. Die SBB sollten das Pilotprojekt zuerst evaluieren.»

Auch von rechts kommt harsche Kritik: «Das Projekt ist völliger Unsinn», ruft der Basler SVP-Nationalrat Se­bastian Frehner, ebenfalls Mitglied der SGK, aus. «Die Massnahme der SBB ist für mich nur eine weitere Stigmatisierung einer Interessengruppe. In einer freiheitlichen Gesellschaft sollte es möglich sein, dass Raucher und Nichtraucher auf einem Bahnhofs­perron aneinander vorbeikommen können. Dazu braucht es keine Regulierungen und Verbote», sagt Frehner. Der SVPler kritisiert zudem, dass es sich bei den SBB um eine öffentlich-rechtliche und monopolistische Organisation handelt, die nach eigenem Gusto solche Regeln aufstellt, ohne ihre Kundschaft zu befragen. «So etwas entscheidet man nicht hinter verschlossenen Türen.»

Kantonarzt will kein neues Gesetz

Die SBB wollen ihr Projekt gemäss Sperrfrist am 21. November Medien und Behörden präsentieren. Partnerbahnen und der hauseigene Sicherheitsdienst wurden bereits informiert. Offen bleibt, ob das Projekt bei der Bevölkerung auf Wohlwollen stossen wird und wie die SBB ihre Verbote genau umsetzen möchten. Nationalrat Frehner – notabene selber kein Zigarettenraucher – hat aber bereits Widerstand angekündigt: «Ich werde mir Gedanken machen, wie gegen dieses Konzept vorzugehen ist, sollten die SBB es so umsetzen wollen.»

Die Basler Regierung wollte keine Stellung zum geplanten Rauchverbot nehmen. Einzig Kantonsarzt Thomas Steffen nahm auf Anfrage Stellung: «Da verschiedenste Anspruchsgruppen im öffentlichen Raum aufeinandertreffen, befürworten wir Regelungen, die sich zwischen den einzelnen Anspruchsgruppen in einem Entwicklungsprozess finden. Entsprechend sehen wir im Moment keinen Bedarf für zusätzliche gesetzliche Massnahmen.»

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt