Kein Platz für qualifizierte Studenten

Die Uni Basel erlaubt Medizinstudenten interne Wechsel – und hat dann doch keinen Platz für sie. Fünf Zahnmedizin-Studentinnen kämpfen nun um ihren Traum von der Humanmedizin.

Der Uni auf den Zahn gefühlt: Studentinnen wollen wissen, wieso sie keinen Platz bekommen haben.

Der Uni auf den Zahn gefühlt: Studentinnen wollen wissen, wieso sie keinen Platz bekommen haben.

(Bild: Keystone)

Während die ganze Schweiz über den Ärztemangel klagt und sich darüber ärgert, dass medizinische Fachkräfte aus dem Ausland importiert werden müssen, verweigert die hiesige Universität fünf Studentinnen einen Platz für das Humanmedizinstudium –obwohl sie dafür qualifiziert sind.

Die Betroffenen, die seit zwei Jahren Zahnmedizin studieren, wollten im kommenden Semester die Fachrichtung wechseln. Gemäss Lehrplan wäre das eigentlich kein Problem, wenn man bedenkt, dass Human- und Zahnmediziner die ersten vier Semester gemeinsam absolvieren. Doch zu einem Übertritt wird es nun wohl nicht kommen. Eine umständliche Prozedur und mangelnde Informationen haben dafür gesorgt, dass die Studentinnen ihren Traum auf Eis zu legen und in der Zahnmedizin weiterzumachen haben. Aber sie kämpfen weiterhin um den Platz, der ihnen laut Prüfungsergebnis zu­­stehen würde.

Gravierendes Versäumnis

Dabei verliert Tanja Meissel*, eine der Betroffenen, langsam die Energie und die Lust, sich weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen. Seit fast sieben Monaten bemüht sie sich um ihren Übertritt in die Humanmedizin: Schon am 15. Februar musste sie ihre Anmeldung für den Numerus clausus (NC) einreichen, jene strenge Prüfung, die anhand von logischen Denkaufgaben entscheiden soll, ob jemand für das Studium der Medizin geeignet ist oder nicht. Diesen Test haben alle Studenten bereits vor Studienantritt absolviert, müssen ihn bei einem Wechsel aber erneut schreiben. Dabei wird auch ein weiteres Mal die Gebühr von 200 Franken fällig.

Die Prüfungsanmeldung reicht allerdings nicht aus. Zusätzlich müssen die Kandidaten noch ihr Begehren per eingeschriebenen Brief an die Universität senden. Diese Bedingung erscheint auf der Website der Universität allerdings erst nach mehreren Klicks. Noch viel schwerwiegender ist jedoch das Fehlen einer anderen Information: Wie sie am Wochenende vom Verein «Swiss­universities» erfuhren, der für die Anmeldungen für den NC verantwortlich ist, hätten sie ihre Anträge auf einen Wechsel auch an andere Universitäten stellen müssen, um dort überhaupt als Übertrittskandidaten registriert zu werden. Sie waren aber davon ausgegangen, dass ebenjene Anmeldung, die bereits ihre Prioritäten für die verschiedenen Universitäten enthält, auch an die genannten Universitäten weitergeleitet wird. Dies war bei ihrer ersten Einschreibung für die Aufnahmeprüfung vor zwei Jahren der Fall. Swissuniversities weist laut den Studentinnen jegliche Verantwortung zurück; sie kümmerten sich lediglich um die neu antretenden Medizinstudenten, für spätere Fachrichtungswechsel seien die Universitäten verantwortlich.

Keine Garantie

Ein weiteres Hindernis ist der Zeitpunkt des Tests. Dieses Jahr fand der Numerus clausus am 3. Juli statt, bloss zwei Tage nach der grossen Semesterprüfung. Zeit für Erholung, geschweige denn eine fundierte Prüfungsvorbereitung, blieb kaum. «Ich habe fast das Gefühl, die Uni möchte uns möglichst viele Steine in den Weg legen», sagt Meissel. Silke Biller, Leiterin Studien­dekanat der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, erklärt: «Tatsächlich ist es so, dass wir uns von den Studierenden wünschen, sie schreiben sich in jener Fachrichtung ein, in der sie auch das Studium beenden wollen, da in beiden Studiengängen die Plätze begrenzt sind und die Absolventen möglichst den vorgesehenen Beruf ergreifen sollen.» Durch die kürzliche Aufstockung um 40 auf 170 Plätze in der Humanmedizin käme die Fakultät bereits an den Rand ihrer Kapazität, darum bestehe bei Übertritten die Gefahr eines Qualitätsverlusts in der Ausbildung.

Am 29. Juli wurde den Studentinnen schriftlich mitgeteilt, dass sie den Aufnahmetest bestanden und die erforderte Punktzahl erreicht hätten. Eigentlich eine gute Nachricht, wäre ihr nicht noch der Zusatz angefügt, dass ihnen trotzdem noch kein Studienplatz zugesichert werden könne und sie erst Bescheid bekommen würden, nachdem die Durchgefallenen ihre Nachholprüfungen absolviert haben. Dann war von der Uni Basel lange nichts zu hören. Erst am 4. September, zehn Tage vor Semesterbeginn, wurde ihnen die Absage per E-Mail mitgeteilt – ohne Begründung. Eine entsprechende Verfügung, die angefochten werden kann, werde in den nächsten Tagen folgen. Diese haben die Studentinnen aber noch immer nicht erhalten. Als sie diesen Montag im Sekretariat danach fragten, hiess es, die zuständige Person habe noch nicht unterschreiben können. Weil das Semester in weniger als einer Woche beginnt, bleiben ihnen lediglich wenige Tage, um gegen den Beschluss Rekurs einzulegen. «Das sieht für mich nach einer weiteren Verzögerungsstrategie aus», sagt Meissel.

Hoffen auf den Dekan

Trotzdem geben sie und die anderen vier nicht auf. Nach zahlreichen Telefonaten, Mails und eingeschriebenen Briefen an die Uni, die bisher ohne Erfolg blieben, erwägen sie nun, rechtliche Schritte einzuleiten. Bereits vor zwei Jahren soll es an der Uni zu derselben Situation gekommen sein; damals schaltete eine Betroffene einen Anwalt ein. Am Ende musste die Uni sämtliche abgelehnten Studenten zulassen.

«Ich verstehe einfach nicht, weshalb die Universität die Möglichkeit des Wechsels noch offen lässt, wenn sie uns anschliessend so viele Steine in den Weg legt», sagt Meissel. Die fünf Studentinnen hoffen aber doch noch auf die Unterstützung von Professor Stephan Marsch, Studiendekan der Universität Basel. Dieser habe sich bei den vergangenen Telefongesprächen am Ende kooperativ gezeigt und bemühe sich, die fehlenden Plätze zu organisieren. Auf Anfrage der BaZ hiess es allerdings, er sei wohl erst wieder ab kommenden Montag, zum Semesterbeginn, im Büro.

100'000 Franken teures Jahr

Die Studentinnen stören sich an einer weiteren zwingenden Formalität: All jene, die den Wunsch eines Wechsels hegen, müssen dies offiziell auf einem Formular bekannt geben. Das ärgert wiederum die Professoren der Zahn­medizin, die das kommende Semester planen wollen und nicht wissen, mit wie vielen Studenten sie rechnen müssen. Zudem soll das dritte Jahr mental und psychisch besonders fordernd sein, da sich fast 40 Studenten und 10 Repetenten um die knapp 30 Plätze im ­Master streiten. Der Konkurrenzkampf ist programmiert. Die Studentinnen befürchten nun, schon bei Semester­antritt «unten durch» zu sein, da sie ihren Wunsch eines Wechsels publik machen mussten. Meissel hat sich immerhin auf den Ernstfall vorbereitet: Sie beschaffte sich bereits das nötige Instrumentarium für die Zahnmedizin – ein Occasion-Set für 5000 Franken. Die anderen Betroffenen, die nicht vorgesorgt haben, werden sich jetzt ein neues Set für fast 8000 Franken kaufen müssen, da die Occasionen bereits zu Sommeranfang vergriffen waren.

Die Studentinnen finden sich allmählich mit der Tatsache ab, dass es dieses Jahr nicht klappen wird, wollen es aber alle erneut mit einem Wechsel probieren, selbst wenn sie dadurch ein Jahr wiederholen müssen. Laut einer Schätzung koste das versäumte Jahr die Universität insgesamt rund 100'000 Franken, dazu kommt noch die verkürzte Erwerbstätigkeit als praktizierende Ärztinnen. Noch vertrauen sie aber darauf, dass die Universität in Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fakultäten eine Lösung finden wird. «Wir hoffen sehr, dass wir alle doch noch irgendwo einen Platz bekommen», sagt Meissel.

* Name geändert

Basler Zeitung

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