Interview mit der Königin

Wenn die Konkurrenz stirbt, sind auch die eigenen Überlebenschancen sehr niedrig.

Ohne Konkurrenz kein Erfolg. (Symbolbild)

Ohne Konkurrenz kein Erfolg. (Symbolbild)

(Bild: Keystone)

-minu

Die Sängerin empfing die TV-Crew in der Mozart-Suite des Sachers.

Interviews langweilten sie. IMMER DIESELBEN STUPIDEN FRAGEN … Und natürlich würden auch die wieder den Unfall von Barbara Barbari zum Thema machen.

Die Primadonna schaute jetzt mit jenem professionellen Lächeln, das sie von China bis ins Glottertal berühmt gemacht hat zur Crew: «Dann wollen wir mal …»

«Pipinella Zwitscherini – Sie gelten als weltweit beste ‹Königin der Nacht› …»

Sie (bescheiden abwinkend): «Wenn ­SIE es sagen …»

«Trotzdem – immer nur dieselbe Paraderolle. Hemmt das nicht die kreative Entfaltung?»

«Ich habe in Sydney die Königin über einem Löwenkäfig gesungen … dann auf einem 20 Meter hohen schmalen Seil an den Salzburger Festspielen … in New York hat man mir für den Auftritt die Haare abrasiert … und in der Scala wollten sie, dass ich nach dem Schlusston nackt in ein Becken mit Eisbären eintauche – ich glaube das ist genug Kreativität!»

«Immerhin sacken sie für einen Auftritt 200'000 Dollars ein – ist das noch vertretbar in einer Welt des Verzichts?»

«Von den 200'000 gehen 20 Prozent an meine Stiftung ‹Singen für aussterbende Tiere›. Ich denke, wenn jeder CEO in diesem globalen Wirtschafts-Theater auch nur 5 Prozent seiner Gage für eine gute Sache abgeben würde, hätten wir eine sehr, sehr viel bessere Welt …»

«Sie hatten immer Glück – das fing schon mit dem Tod Ihrer Konkurrentin Barbari an …»

Sie (denkt: VOILÀ – DA SIND WIR ALSO!): «Glück würde ich das nicht nennen. Die Barbari wurde an jenem schicksalhaften Abend in einem Lift 20 Meter hochgefahren. Jemand muss das Sicherheitsgeländer geöffnet haben. Jedenfalls trat sie mit grossem Gedonner auf – Schritt nach vorne. Und Absturz!»

«Sie soll in den Armen Ihrer Mutter gestorben sein?»

«Ja – Mutti ist immer dabei … ich wartete damals als zweite Besetzung hinter der Bühne. Mutti hat die arme Barbara nach hinten geschleppt. Und mich in den Lift bugsiert. So sang ich zum ersten Mal die Königin in München – die Queen ist tot, es lebe die Königin, quasi!»

«Was ist das Spezielle an der Rolle?»

«Es ist zweifellos die anspruchsvollste Koloratur-Arie in der Opernliteratur. Tempo … Höhe … Tiefe … Der Tonumfang geht über zwei Oktaven – bis zum dreifach gestrichenen -f-. So etwas erfordert eine besonders hohe Tessitur.»

«Bitte wie?»

Sie (atmet durch – denkt: sie sind alle so sträflich dumm.): «Ich versuche es einfach zu erklären – es ist gesangliches Eiskunstlaufen. Die Königin bringt ihre Kür mit der Rachearie. Wehe, wenn du auch nur einen einzigen Ton nicht stehst! Wir sind ganz wenige Königinnen auf dieser Welt, die eine sturzlose Aufführung garantieren können. Deshalb die hohe Gage … die Billig-Alternative ist ‹Schwarzwaldmädel›.»

«In vier Tagen sollen Sie hier als Königin aus einer Schlangengrube aufsteigen?»

«Nun ja – es sind Kunststoff-Vipern. Trotzdem sollen vier von ihnen echt sein. Allerdings – so hat mir die junge Erfolgsregisseurin Olga Popotow versichert – seien die Biester narkotisiert. Ich traue der Sache nicht. Ich stehe Neuem offen gegenüber. Aber deswegen muss ich nicht jeden letzten Schrei mitsingen. Morgen ist Hauptprobe – die Popotow will es vormachen. Dann werden wir weitersehen …»

«Frau Zwitscherini – danke fürs Gespräch.»

Fünf Minuten nach dem Interview zückt die Primadonna ihr Handy: «Mutti – hast du das Amphetamin bekommen?»

Drei Tage später im «Wiener Kurier»: «REGISSEURIN VON AMPHETAMIN-GEDOPTEN VIPERN TOTGEBISSEN!»

Darunter die Anmerkung: «Zauberflöten»-Premiere fällt aus – an ihrer Stelle: «Schwarzwaldmädel».

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