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«In einer Krise macht man sich Freunde»

Mit dem Coronavirus wird die Solidarität im Unispital Basel grösser: Trotz Dauerbelastung helfen alle mit.

MeinungManuel Battegay
Am Unispital wird eng mit dem kantonsärztlichen Dienst, dem Bundesamt für Gesundheit und weiteren Partnern zusammengearbeitet.
Am Unispital wird eng mit dem kantonsärztlichen Dienst, dem Bundesamt für Gesundheit und weiteren Partnern zusammengearbeitet.
Manuela Vonwiller

Christian Nickel arbeitet als leitender Arzt am Notfallzentrum des Universitätsspitals Basel, dieses für die Region, auch die Schweiz, nicht nur in Pandemiezeiten unentbehrlichen Spitals. Roland Bingisser, Chefarzt, Christian, das Pflege-, Ärzte- und Organisationsteam diagnostizieren, retten und organisieren für uns alle in schwierigen Situationen – jahrein, jahraus, ohne grosses Aufheben. Letzten Donnerstag war ich mit Christian im Notfallzentrum, eine der Stationen des Unispitals Basel, wo Personen mit Verdacht auf Sars-CoV-2, respektive Covid-19, der Kranheit, abgeklärt werden. Spontan sagte mir Christian: «In einer Krise macht man sich Freunde, Manuel.»

In Italien wurden am 28. Januar dieses Jahres zwei Patienten mit Covid-19 diagnostiziert. Die Zahl der Patienten nahm exponentiell zu. Plätze für die Intensivtherapie sind knapp. Italien hat nun seinen Norden mit 16 Millionen Einwohnern abgesperrt. Ich binzuversichtlich, dass die Schweiz dieCovid-19 Herausforderungenmeistern wird, das heisst, die Ausbreitung verzögern, besonders gefährdete Personen schützen und schwerkranke Patienten optimal betreuen und therapieren kann. Leider gibt es auch in der Schweiz Opfer. Da müssen wir demütig bleiben.

Dieses Virus wird uns Monate beschäftigen, möglicherweise auch im nächsten Winter

Überheblichkeit gegenüber Italien ist fehl am Platz. Covid-19 verläuft in circa 80 Prozent der Fälle milde, aber mit zunehmendem Alter, vor allem ab 65 bis 70 Jahren und mitBegleitfaktoren, leider zu häufig nicht. Die Krankheits- und Sterblichkeitsrate ist ab dieser Altersgruppe signifikant höher als bei der Grippe.

Dieses Virus wird uns Monate beschäftigen, möglicherweise auch im nächsten Winter, aber nicht mit dieser Wucht, da ein Teil der Bevölkerung immun sein wird. Einfach verschwinden wird das Virus nicht; ausser mit einer Impfung – durchaus denkbar wäre diese bis Ende Jahr.

Wir am Unispital arbeiten eng mit dem kantonsärztlichen Dienst, dem Bundesamt für Gesundheit und weiteren Partnern zusammen. Das Unispital hat eine Taskforce «USB Covid-19» eingesetzt. Die Sitzungen der Taskforce sind konzis. Werner Kübler, Direktor des Universitätsspitals, Christoph A. Meier, Ärztlicher Direktor, und ich leiten die Taskforce, analysieren mit allen Mitgliedern die Lage und entscheiden. Es wird innert kürzester Zeit umgesetzt. Das kann nur funktionieren, weil vorausschauend Strukturen geschaffen wurden, um schnell zu reagieren. Denkverbote gibt es nicht, Szenarien werden erarbeitet. Wir arbeiten in Expertenteams.

Sorgen sind da: der Dauerbelastung nicht mehr gewachsen zu sein, Fehlentscheidungen zu treffen oder sich selbst anzustecken

Volker Büche, Leiter Arealplanung des Spitals, informierte uns über den Stand der Abklärungsstation in der Predigerkirche: «Die Predigerkirche ist vonseiten der Infrastruktur betriebsbereit. Nach mehreren Patientenprozesssimulationen wurden alle Anpassungen durchgeführt. Allfällige weitere Anpassungen aus dem realen Betrieb werden direkt im Betrieb vorgenommen. Wir können also wie geplant in einem regulären Betrieb loslegen, keiner hat geblockt, und dies alles zusätzlich zum normalen Job». Dies war in knapp vier Tagen möglich, weil genau die, die es brauchte, alles liegen liessen und anpackten – Technik, Reinigungsdienst, Informatik und andere Einheiten.

Franz Osswald von der Christkatholischen Kirche half tatkräftig mit, und Pfarrer Michael Bangert, der Kirchenrat und das Seelsorgeteam haben in einer beispielhaften Selbstverständlichkeit die Predigerkirche zur Verfügung gestellt. Auch die interne und externe Kommunikation muss stimmen. Niggi Drechsler ist da dran, und auch mit Matthias Geering von der Universität sind wir in gutem Kontakt.

Wir stellen uns auf Wochen und Monate grosser Belastung ein und achten darauf, dass Kliniken für schwer erkrankte Menschen funktionsfähig bleiben, denn dies ist der überwiegende Teil unserer Patienten. Aus «meiner» Klinik: Andreas Widmer und Sarah Tschudin Sutter organisieren, koordinieren, klären ab und stehen zusammen mit Kollegen und Kolleginnen jedwelcher Berufsgattung anderer Kliniken, unter anderem dem Notfallzentrum, den Polikliniken, der Inneren Medizin, der Intensivstation und der Stäbe dafür ein, Patienten gut zu betreuen und Mitarbeitende vor Infektionen zu schützen. Alle arbeiten unter Spitzenlast und «machen» – das bedeutet wenig Schlaf, auch ein Hintansetzen beziehungsweise eine Solidarisierung der Partnerinnen und Partner und der Familien. Sorgen sind da: der Dauerbelastung nicht mehr gewachsen zu sein, Fehlentscheidungen zu treffen, sich selbst anzustecken, und Sorgen, die sich in den privaten Bereich erstrecken. Im Team können solche Ängste besser aufgefangen werden. Ist die Frontarbeit intensiv? Ja – nicht nur für uns, die am Unispital arbeiten.

Keine Panik, keine Krise

Schicksal oder Fügung: Die «Basler Zeitung» hat entschieden, die Anzahl Kolumnisten zu reduzieren. Ich schrieb drei Jahre mit Freude über Medizinisches, Jüdisches und Gesellschaftliches. Ein bisschen stimmt mich der Abschied von der regelmässigen Kolumne wehmütig, aber aktuell bin ich dankbar, dass ich meine Kräfte zusammen mit so vielen Engagierten auf die Bewältigung der Covid-19-­Situation konzentrieren kann. Liebe Leserinnen und Leser, ich danke Ihnen herzlich – auch für persönliche Briefe und konstruktive Kritik.

Albert Camus, Schriftsteller und Philosoph (1913–1960), betrachtete die Solidarität, Zusammenarbeit und eigenständiges Handeln als höchste menschliche Werte. Wir sind solidarisch: hier im Unispital, in den kantonalen und nationalen Diensten, in den Praxen, im freiwilligen Dienst und als Gesellschaft. Ich war in den letzten zwei Wochen einmal im Personal­restaurant – da warteten für alle gratis Orangen – eine schöne Geste der Fasnächtler.

Als Christian auf der Notfallstation sagte: «In einer Krise macht man sich Freunde», schwiegen wir. Es war dem nichts hinzuzufügen – keine Panik, keine Krise. Wir vertrauen und wissen auch, in der kommenden, beengenden Zeit sind wir füreinander und für Sie da.

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