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Im Fegefeuer des Greta-Textes

Der Klimawandel ist ein allgegenwärtiges Thema. Mit «Mein Klimawandel» beginnt die BaZ eine neue Serie zum Thema: persönlich, ungefärbt und ehrlich.

Die Grusskarte flattert am ersten Arbeitstag des neuen Jahres auf meinen Tisch. Mein ehemaliger Sekundarlehrer hat mir geschrieben. «Grossartiger Kommentar zu Greta. Weiter so.» Mein Sek-Lehrer! Früher ein Feind, weil er nur selten machte, was ich wollte. Heute ein Freund, der mich mit ­ehrlichen Worten berührt.

Es war mein erster Leitartikel zu Greta Thunberg, mein erster als publizistischer Chef der BaZ. «Wer Greta verspottet, ist faul und ignorant», lautete der Titel. Zugegeben, ein provokativer Titel. Die Kernbotschaft dahinter: Die Debatte um den Klimawandel ist schwierig. Wer etwas verändern will, muss Opfer bringen, wer einfach nur Greta kritisiert, kaschiert seine eigene geistige Leere und begeht Verrat an einer Generation, die es ebenso verdient hat, auf einem lebenswerten Planeten zu leben.

Das Echo? Lehrer Werner aus Möhlin war nicht der Einzige, der sich angesprochen fühlte. 300 Kommentare auf dem BaZ-Kanal. Dutzende von Mails. Sehr viele Briefe. Abo-Erneuerungen. Abo-Kündigungen, Abo-Drohungen. «Schreiben Sie doch wieder mal etwas Vernünftiges, sonst wechseln wir zur Konkurrenz!»

Im Hochofen des Greta-Textes wird mir nicht heiss. Dreissig Jahre Berufserfahrung und das Bewusstsein, in einer funktionierenden Demokratie knifflige Debatten führen zu müssen, halten das problemlos aus. Aber in einer ruhigen Minute stelle ich mir trotzdem ein paar Fragen. Zum Beispiel wenn ich ein Skirennen am Fernsehen schaue. Die Fahrer starten aus diesen roten Häuschen, die Automarke Audi tritt als Sponsor prominent auf. «Der neue e-tron fährt in die Zukunft», steht da.

Ich bin ein bekennender Audi-Fahrer, in dieser Sparte ist mein Herz dem Q5 vergeben. Ein Wunderwerk von einem Dieselmotor. Fahrspass pur. Der Werbeslogan des e-tron jedoch lässt mich geistig die Handbremse ziehen. «Der e-tron ist das erste elektrische Serienmodell von Audi. Der Beweis, dass sich kompromissloser Fahrspass und Umweltbewusstsein nicht ausschliessen.»

Ich beginne zu grübeln. Es ist Januar, es ist Winter, es ist Schnee, es ist Eis. Soeben war ich in Österreich in einem Dorf auf 800 Metern. Grasgrüne Landschaft. Beim ersten ­Fussballkick im neuen Jahr raunzt der Kumpel: «Komme gerade aus Finnland. Zum ersten Mal überhaupt lag dort kein Zentimeter Schnee. ­Unheimlich und unglaublich.»

Wer nach dem Skirennen den Sender wechselt, sieht die Buschfeuer in Australien und zuckt gleich nochmals zusammen. Und da ist auch Roger Federer. Der Tennis-Weltstar hat ein Tabu gebrochen, als er über Politik, den Klimawandel und seine Sponsoren gesprochen hat, in diesem Fall über die umstrittene Credit Suisse. Der Baselbieter als neuer ­Klimapapst? Natürlich nicht; aber seine ehrlichen Aussagen über seinen klimafeindlichen Alltag legen wunderbar die Widersprüche offen, in denen sich der Superstar und ­Viel­flieger befindet.

Exakt vor einem Jahr begann der Stern von Greta Thunberg zu leuchten. Am World Economic Forum (WEF) in Davos hielt sie eine flammende Rede. Unzählige Verschwörungs­theorien ranken sich mittlerweile um die 17-jährige Schwedin mit den Zöpfen. Für die «Basler Zeitung» ist es Pflicht, den weiteren Weg von Greta ­genau zu verfolgen und über die Klimajugend zu berichten. Eine nette Grusskarte nehmen wir zur Kenntnis wie die vielen Hassmails. Ende Jahr entscheide ich, ob ich den Q5 gegen einen e-tron tausche.

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