Ihre Stärke ist der Zusammenhalt

Lange hat es gedauert, bis den Stammgästen des Basler Frauenbads angesichts der Invasion der Musliminnen der Kragen platzte und sie aufbegehrten. Nun ist jedoch Schluss mit Burkas.

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(Bild: Martin Regenass)

Franziska Laur

Gruppen von Frauen strömen ins «Fraueli» des Eglisee, wie meist an einem heissen Sonntag. Manche haben Kopftücher an, andere tragen ihr dunkles, dichtes Haar offen, wieder andere sind in eine Burka gehüllt. Letztere streifen am Platz ihre schwarzen Gewänder ab und hervor kommen ganz normale Frauen: junge, ältere, pummelige, solche mit straffer Haut oder mit Falten, mit hübschen Gesichtern oder mit ausdrucksvollen. Sie richten sich ein mit ihren Taschen, ihren Badetüchern, ihren Sonnenschirmchen, plaudern, freuen sich auf ein erfrischendes Bad. Doch die heutigen Sonntage unterscheiden sich von denen vergangener Jahre: Keine Burka auf dem Platz, Zutritt nur in Badekleidung, darunter keine Unterwäsche, toleriert werden keine Kinder, Säuglinge sind erlaubt.

Mit diesen Einschränkungen will das Sportamt dem Treiben der vergangenen Jahre Einhalt gebieten. Damals hatten an Spitzentagen bis zu 500 Musliminnen mit Familie ohne geeignete Badekleider das Freibad Eglisee aufgesucht. Die meisten von ihnen stammten aus dem benachbarten Elsass.

Beschäftigte Aufsichtspersonen

Um diese unschönen Gewohnheiten endlich ein für alle Mal zu ändern, haben die Aufsichtspersonen viel zu tun: «Nein, mit Burka darf man nicht auf dem Platz sitzen, nein, mit Tüchern, Hosen oder Rock bekleidet soll man nicht ins Wasser steigen, nein, Slip unter dem Badeanzug geht nicht, nein …» Lange Diskussionen führen die drei Damen von der Aufsicht, sekundiert von zwei Securitas-Frauen. Immer wieder mahnen sie, hören sich empörte Statements an, bleiben freundlich, aber konsequent – sie machen ihre Sache gut.

«Ich komme seit meinen Kinder­tagen hierher», sagt eine Quartier­bewohnerin. Doch das Bad habe sich in den vergangenen Jahren verändert: Sie müsse sich den Einstieg ins Wasser erkämpfen, habe schon Musliminnen verscheuchen müssen, die auf ihrem Badetuch Platz genommen haben und die Umgangssprache sei im «Fraueli» Französisch geworden.

Die Invasion der Musliminnen hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Und sie wirft Fragen auf. Einerseits natürlich diejenigen nach dem geeigneten Umgang mit diesen Frauen, die so viel forscher auftreten als wir. Andererseits auch, warum die elsässischen Kommunen nicht willens sind, eigene Frauenbäder einzurichten, da doch die Nachfrage so gross ist.

Unsere Verbände gaben wir auf

Es drängen sich jedoch auch Fragen auf nach unserer eigenen Herkunft und unseren eigenen haltgebenden Traditionen, die wir im Laufe der Modernisierung über Bord geworfen haben. Noch im 19. Jahrhundert waren auch wir Westeuropäer in grosse Familien-, Dorf- und Religionsverbände gebettet, die uns zwar einengten, jedoch auch Schutz und Geborgenheit lieferten. Von diesen gesellschaftlichen Zwängen befreite uns die kulturelle, industrielle und intellektuelle Revolution. Doch das neue Leben fordert ein hohes Mass an Selbstverantwortung und Eigenständigkeit. Und es weckt Ängste: Bei Männern, weil sie ihre Vormachtstellung ein Stück weit an die Frau abtreten mussten und bei Frauen, weil sie nicht mehr so selbstverständlich versorgt werden, sondern selber in die Welt treten und ihre Position erobern müssen. Denn anders als politische Parteien von links bis rechts es sehen wollen, sind muslimische Kopftuch- und Burkaträgerinnen in den selteneren Fällen Opfer eines diktatorischen Mannes. Viele von ihnen entscheiden sich bewusst dafür, weil es Zeichen ihrer Religion und ­Tradition sind und diese Lebensform ihnen Sinn und Halt gibt. Daher sollten wir weniger über das Kopftuch und die Burka reden, sondern vielmehr über die Haltung ihrer Trägerinnen.

Daneben jedoch ist es sicher nicht falsch, wenn wir uns auch selber unbequemen Fragen stellen: Weshalb wir so schnöde unsere eigene Religion fallen gelassen haben, zum Beispiel. Weshalb wir den Individualismus zur neuen Religion erhoben, zum Beispiel. Ob wir den Islam nicht zuletzt auch fürchten, weil wir uns mit unseren Geburtenraten schon rein biologisch nicht mehr lange am Leben werden ­halten können.

Wie Öl wirkt es auf die Mühlen dieser Ängste und nie gestellten Fragen, wenn die muslimischen Frauen mit ihrem fröhlichen Geschnatter und inniger Gemeinsamkeit in Gruppen einen Ort wie jetzt das Frauenbad im Eglisee überschwemmen.

Eingesessene sind tolerant

Lange dauerte es, bis den Stammgästen des «Fraueli» der Kragen platzte und sie aufbegehrten. Doch immer noch stossen die Musliminnen grundsätzlich auf viel Toleranz. Die alteingesessenen Badegäste nehmen zwar die schärferen Vorschriften und Kontrollen dankbar zur Kenntnis. Doch ansonsten zeigen sie viel Verständnis: «Es sind alles ganz sympathische Frauen», sagt eine Dame. Den Zutritt zum Bad kann man ihnen auch schlecht verbieten. Sie zahlen mit sieben Franken Eintritt immerhin gutes Geld.

Umso wichtiger ist für die Behörden, Klartext zu sprechen und klare Grenzen aufzuzeigen. Dies tut das Sportamt mit den eingeführten Massnahmen auch und das ist gut so. Denn das wirkliche Schreckgespenst, dem die Schweiz ins Auge schaut, ist nicht die Islamisierung, sondern das Wieder­erwachen des Rechtsnationalismus aufgrund des Negierens von Problemen von blauäugigen Gutmenschen, die das Gefühl haben, man dürfe mit Muslimen nicht Klartext reden.

Basler Zeitung

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