«Ich kämpfe um meine Hunde»

23 Hunde hatte eine Frau in einer Stadtwohnung zusammengepfercht – bis ein Nachbar die Behörden informierte. Eine Geschichte über falsch verstandene Tierliebe.

Hinter Gittern im Tierheim: Die weniger schönen Seiten eines Hundelebens.

Hinter Gittern im Tierheim: Die weniger schönen Seiten eines Hundelebens.

(Bild: Keystone)

Bellende Hunde beissen nicht, sagt man, aber das stimmt nicht. Vier Basler Polizisten sind Beweis genug. Gebissen in den frühen Samstagabendstunden während eines Einsatzes in der Reinacherstrasse Ecke Leimgrubenweg. Etwas versetzt steht dort ein dreistöckiges, unspektakuläres Gebäude. Ein Lift führt nach oben in die dritte Etage – hinter der Lifttür ein langer einsamer Gang, geschlossene Türen, sieben Türschilder. Es gibt unter anderem einen «Universalen Begegnungsort». Und einen «Türkischen Kulturverein», der noch wichtig werden wird, sowie eine Handelsgesellschaft für alles, sogar Puppenhauseinrichtungen.

In einem Raum der Handelsgesellschaft sind 23 Hunde zwischengelagert. Eine «Notlösung», sagt die deutschstämmige 59-jährige Frau Bauer (Name geändert). Sie wusste nicht wohin mit den Tieren – eine dubiose Geschichte. Sie, ihre 17-jährige Tochter und die Hunde seien vorher in Deutschland gewesen, dort habe man sie aber nicht mehr gewollt, weil die Hunde zu viel gebellt hätten. Da habe sie die Tiere nach Basel gebracht, ins Lager. Sie habe sie gefüttert, ihnen Namen gegeben, sei mit ihnen spazieren gegangen, nachts, nachdem die hausinterne Kamera ausgeschaltet war, weil Hundehaltung im Lager verboten sei. Und sie habe vorgehabt, die Hunde am Samstagabend, wenn die Kamera nicht mehr filmt, an einen «besseren Ort» zu bringen.

Fünf Welpen und vier Bisse

Aber so weit kam es nicht mehr. Gegen 17.30 Uhr an diesem Samstag klopften zwei Polizisten an die Tür. Ein Türke vom benachbarten Kulturverein hatte offenbar wegen des Gestankes die Polizei verständigt. Zumindest behauptet Frau Bauer dies. Frau Bauer und ihre Tochter taten zuerst so, als ob sie nicht da wären. Zwei weitere Polizisten kamen. Zu viert entschlossen sie sich, einen Schlüsseldienst zu organisieren. Frau Bauer hörte das, dachte an die Kosten und öffnete dann doch. Weitere Polizisten kamen hinzu. Es gab Diskussionen. Die Polizisten wollten einen Blick ins Lager werfen, Frau Bauer wollte das nicht. Die Polizisten, inzwischen sechs oder acht – Frau Bauer erinnert sich nicht mehr genau –, verschafften sich dann Einlass, folgten dem Geruch und kamen in ein Zimmer, in dem 23 kleine bis mittelgrosse Hunde hausten, darunter fünf Welpen.

«Aufgrund», wie die Kantonspolizei schreibt, «des Zustands der Mischlinge jeglicher Art, beschloss die Polizei, die Tiere in die Obhut des Veterinäramtes zu bringen, und transportierte die Tiere ab.» Dabei wurden zwei Polizisten gebissen. «Von der Hündin mit den Babys», erinnert sich Frau Bauer, «wen wundert das.» Die andern zwei Polizisten wurden beim Abladen gebissen. Die Schwierigkeit war, dass Frau Bauer und ihre Tochter ein paar Hunde partout nicht in die Obhut der Polizei geben wollten, die Polizei aber darauf bestand und die paar Hunde daraufhin etwas gereizt auf das Tauziehen reagierten. Völlig gereizt war auch Frau Bauer, als ihr trächtiges Malteserhündchen «rücksichtslos» von einem Polizisten den Gang hinuntergeschleift wurde.

Frau Bauer liebt Hunde, wahrscheinlich zu sehr, zu viele sowieso. Ihre Hundesammlung habe sich einfach so ergeben, weil sie aus «Liebe» die Tiere aus Elendssituationen gerettet habe. Einen nach dem andern. Ohne Hintergedanken an einen schwungvollen Handel. Und an allem schuld jetzt sei der Türke, der sie «denunziert» habe, nur weil sie eine «emanzipierte Frau» sei.

Angst vor dem Nachbarn

Am Freitag sei er einfach in ihr Lager gekommen, habe sich über den Gestank beschwert und gedroht, sie zu verpfeifen. Natürlich habe es ein wenig gerochen, aber das sei kein Wunder, bei fünf Welpen, die seien einfach nicht stubenrein. Extra geputzt hätten sie und ihre Tochter am Samstag, aber der Türke habe trotzdem immer weiter gestänkert und Theater gemacht, weil es immer noch stinken würde. Dass es aber immer noch gestunken habe, habe nur daran gelegen, dass sie, Frau Bauer, kurz weg musste und sich ihre 17-jährige Tochter wegen des «Terror-Türken» nicht vor die Tür getraut habe, um die Eimer voller Hundefäkalien auf der Toilette neben dem Lift zu entsorgen.

Was jetzt weiter geschieht, ist noch nicht ganz klar. Für ein paar Tage sind die Hunde noch in den Käfigen des Veterinäramtes, dann kommen die umgänglichen Hunde ins Tierheim. Die gänzlich unsozialisierten werden «voraussichtlich eingeschläfert», sagt Kantonstierarzt Markus Spichtig, der den Zustand der Hunde als nicht besorgniserregend einstuft. Frau Bauer schluckt, man hört es am Telefon. Sie wird in ihrer Wahrnehmung jetzt ohne Hunde mehr Probleme haben als mit ihnen. Anzeigen wegen Verstosses gegen das Tierschutzgesetz könnten ihr drohen, Nichteinhalten der Meldepflicht, Impfversäumnisse, Tierschmuggel, Handel mit Hunden ohne Bewilligung. «Aber», sagt Frau Bauer, «ich kämpfe um meine Hunde. Und wenn es das Letzte ist, was ich für sie tun kann.»

Basler Zeitung

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