«Ich bin einer, der nicht gerne alleine aufwacht»

Der «Capitano» Tino Krattiger kam als Kind vom Tessin ins Kleinbasel und brachte das Floss auf den Rhein. Jetzt braucht er eine Pause.

Tino Krattiger mit seinem Dackel Brown Sugar. Foto: Lucia Hunziker

Tino Krattiger mit seinem Dackel Brown Sugar. Foto: Lucia Hunziker

Er fährt auf dem Solex vor: Sturzhelm. Gelbe Hose. Pfeife im Mund. Das Solex ist eines seiner Marken­zeichen – wie der Dreitagebart. Der starke Tabak. Oder «Brown», der Dackel. Solex hat er vier. Dackel einen.

Er ist easy-going – nur beim Essen etwas schwierig: kein Gemüse. Nichts Süsses. Keine Früchte. Die Kellner bei Donati lobpreisen das Vitello tonnato. Und die Spaghetti vongole. – «Ja, das geht – aber keine Zitronen. Und keine Deko-Tomaten. Ach so: und keine Kapern!»

Seit er vor 20 Jahren das Floss auf den Rhein gebracht hat, rufen sie ihn vielerorts «Capitano». Weil er immer wieder Neues anreisst, heisst er auch «Mister 1000 Volt». Und weil jede neue Idee bei der Realisierung sofort alle offiziellen Ämter auf den Plan ruft, wettert er mitunter laut in den Medien. Er beschwört den Weltuntergang der Kleinkarierten. – «Er ist eine Drama-Queen!», seufzen die Beamter. «Ich b i n eine Drama-Queen», seufzt auch er. «Und jetzt? Ich liebe Drama-Queens …»

Tino Krattiger bewegt die Menschen. Er bewegt auch die Tiere (wie gesagt: Brown, den Dackel) sowie das Stadt­leben. Im Speziellen mischt er das Kleinbasel auf.

Ja – er habe seine jüngsten Jahre «ääne am Rhy» verbracht – die wichtige Kleinkinderzeit aber im Tessin. Hier hat er mit seinem Vater, Peter Pizzini aus Avegno, einem wilden Lebens­geniesser, und seiner Mutter Charlotte Seemann («Sie schrieb Geschichten, war aber vor allem mit sich selber beschäftigt») die Kleinkinderzeit durchlebt: «Das war über Locarno, in der Città vecchia – die schönen Jahre hatten ein Ende, als meine Mutter ihren Bonvivant verliess. Er hatte sich mit ein paar Hunderttausend Franken Schulden ans andere Ende der Welt aufgemacht – nach Australien. Sie schickte mich also zu ihren Eltern nach Basel, um sich wieder einmal neu selber zu verwirklichen…»

Kein behütetes Familienleben

Hier kam erstmals das Kleinbasel ins Spiel: «Der Grossvater wohnte in der Utengasse. Die war unspektakulär. Grau. Trist. Ein bisschen wie Ostberlin vor dem Mauerfall…» Der Opa schlief tagsüber auf dem Stubensofa. Er hatte Nachtschicht als Taxifahrer bei den «35 10 10»: «Er war der musische, künstlerische Typ. Jahrelang führte er in der Steinen­vorstadt ein Café mit Live-Jazz: das Java. Die Bude war voll von Rauch und guter Musik. An einer Sonntags­matinee ist Louis Amstrong unter den Gästen gesessen. Und schliesslich mit seiner Trompete auf die kleine Bühne gegangen…»

Die Mutter kam nach Basel zurück. Und heiratete einen neuen Mann – der holte den Buben bei den Grosseltern ab. Und schenkte Krattiger später seinen Namen: «Wir zogen als junge Familie in die Marschalkenstrasse ins Grossbasel – eine Stufe vornehmer, eine Stufe öder, alles blasser. Ein kleiner Bruder kam hinzu. Mit ihm war ich innig. Er war und ist bis heute ‹meine Familie›.»

Dennoch – es war nicht das «behütete Familienleben: «…der neue Vater war ein liebens­werter, aber nicht unbedingt klar orientierter Kerl. Und die Mutter fuhr erneut auf ihrem Ego-Trip. Ich hielt den Haushalt in Schuss, kochte, putzte. Ich war für alle da. Und hätte eigentlich gerne eine Schulter zum Anlehnen gehabt. Das habe ich auch später immer gesucht. Die Leute ­glauben, man sei stark. Aber auch der Stärkste muss seinen Kopf mal irgendwo anlehnen können…»

Er besuchte die Basler Schulen – schon damals im klaren Bewusstsein: «Das Leben findet draussen statt. Dort kannst du wirklich lernen!» Er gründete eine Theatergruppe – «Marat/Sade»: «Wir spielten im Sommer im Kannenfeldpark. Der Ort war nicht ideal – vielleicht waren es auch unsere ausgesuchten Stücke nicht. Oder wir waren einfach zu schlecht. Jedenfalls gab es kaum Publikum. Und ich suchte nach einem geeigneteren Spielort …»

Nah am Ufer

Krattiger war klar: Er musste zum Puls der Stadt. Mitten ins Herz. Ins ­Zentrum. Die Steinenvorstadt wurde plötzlich zur ersten Boulevardmeile. Man atmete jetzt hier Leben in der Stadt. Aber ein Zuschauerpodium auf dem Markt oder Barfüsserplatz wäre zu kostspielig gewesen… Da kam ihm die Idee mit dem Rhein:

«Das war damals noch nicht die grosse Schlagader von Basel. Aber es gab Treppen am Rheinbord. Der Rheinweg lag nach seiner Drogenszenen-­Vergangenheit plötzlich wieder still und unberührt da. Postkartenidylle. Unangetasteter Hochglanz. Die Treppen schienen mir ideal für ein Publikum – also musste man die Szenerie eben auf das Wasser hinausbauen…»

Einfach war es nicht. Aber wenn Tino Krattiger einmal einen Plan im Kopf hat, hält ihn nichts: «Das erste Floss lag etwas weiter rheinabwärts als heute. Und nah am Ufer. Wir spielten dort zum ersten Mal. Als wir das Theater auflösten, war mir klar: kein Theater – sondern Musik. Klang, Gesang, Bands – sie sollen eine neue Welle am Rhein einläuten. Dem ­mediterranen Leben, in dem die Stadt langsam zu erwachen begann, gerecht werden. Es sollte ein magischer ­Moment auf dem Wasser entstehen, der die Menschen aller Generationen und Schattierungen auf einen einzigen Nenner abheben würde …»

Der Durchbruch

Das war vor 20 Jahren. Das erste Konzert – und es sollte schon damals für alle gratis sein –, die erste Saison also, puzzelte sich aus bunten Fetzen zusammen: Die Swiss Mariners traten auf…lokale Bands…es lief ganz gut an. Aber noch war da nicht der grosse Zug im Ganzen. «…dann hatten wir an einem Abend Stiller Has. Ich sah plötzlich, wie die Menschen über die Brücke strömten – es waren Hunderte, später tausend. Da wusste ich: DAS IST DER DURCHBRUCH!»

1987 war Krattiger in sein Kleinbasel zurückgekommen. Er mietete die Wohnung an der Rheingasse 23: im Kaiserstuhl. Hier hatte Amerbach im Hinterhaus einst seine berühmte Sammlung, die den Grundstein zur ersten öffentlichen Kunstsammlung Europas legte, untergebracht.

«Die Rheingasse war damals noch immer Rotlichtbezirk – allerdings am Ausglühen. Aber es gab Bars, Zupfstuben, Schlägereien – viel Lärm. Mädchen durften mich nicht besuchen– die Eltern protestierten: ‹Indiese Strasse geht mir meine Tochter nicht!›»

Krattiger liebte das ganz spezielle Ambiente «seiner» Gasse. Als die Wohnung – er lebte mit seinem ­Bruder und Stiefvater dort – zu klein wurde, schlug er einfach eine Wand heraus. Und konstruierte das Apartment um. Sechs Jahre später erwarb er sein erstes Haus in der Rheingasse: «Die Preise waren niedrig. Jeder wollte ein Haus auf die Flussseite. Und nicht auf die verpönte Gasse. Ich habe meine Hütte dann selber umgebaut – alles neu hochgezogen, restauriert, frisch konzipiert. Du hast damals für ‹Schöner Wohnen› einen Bericht darüber geschrieben – weisst du es noch?»

(Ich erinnere mich an stimmungsvolle Räume auf verschiedenen Ebenen – an kostbare Materialien, prächtige Böden und tausend Katzen. Einen Hund gabs nicht!)

Später hat Krattiger ein zweites Haus an der Rheingasse erworben. Und umgebaut: «Ich war Bauführer. Und in diesem Job vermutlich nicht schlecht. Plötzlich war ich auch Architekt – und habe für meine Freunde Häuser ­gesucht. Und diese umgebaut …»

Das Bauen und Einrichten mit kost­baren Materialien ist eines seiner Hobbys. Im Geburtsort seines Vaters (es ist auch Tinos zweite Heimat­gemeinde) hat er ebenfalls ein Haus nach seinem Gusto restauriert: «Da fahre ich immer wieder hin. Um den Kopf auszulüften. Und Energie zu tanken; vielleicht auch, um ein bisschen meine Vergangenheit zu spüren…»

Zum Titel «Capitano» kam bald auch einmal «Mister Rheingasse». Krattiger machte sich für das Leben hier stark. Er initiierte den Boulevard, die ­«Adväntsgass» – alles Projekte, die er auch als Politiker mit dem Verein «Kulturstadt jetzt» durchzog. Kaum war das Floss am Kleinbasler Ufer an­­­ge­kommen, wogten erwartungsgemäss auch die tosenden Wellen der Nachbarschaft hoch. MAN BESCHWERTE SICH ÜBER DEN LÄRM. Über das plötzliche Leben am früher so stillen Rheinbord. Immer wieder versuchte man die Pläne zu bodigen, bis das Bundesgericht f ü r Krattiger und das Floss entschied. Ein Richter meinte lakonisch: «Eine Stadt, die eine ­Fasnacht pflegt, sollte auch so etwas verkraften können…»

Er hat viel bewegt, hatte die Nase immer im Wind. 20 Jahre lang war er als Parteimitglied in der SP – vier Jahre für die Partei im Grossen Rat: «Als wir mit den Anwohnern wegen ‹Ruhestörung› Probleme hatten und wir nie wussten, ob die nächste Saison ‹Im Fluss› überhaupt stattfinden konnte, kamen Beat Jans und Sibylle Schürch von der SP auf mich zu: ‹Wir stehen hinter dir.› – Also bin ich später auch in die Partei eingetreten…»

Heute hat er alles abgegeben: Partei,Adväntsgass,Boulevard: «Ich möchte ein bisschen mehr Zeit für mich selber haben. Junge kommen nach. S i e müssen die neuen Wege gehen. Und sich ihre Pläne und ­Träume für die Stadt verwirklichen…»

Er hat mit Schreiben angefangen: «… als meine Mutter noch lebte, hätte ich das nicht gekonnt. Ihr Schatten war zu gross. Irgendwie hat sie mich immer dominiert. Und das Schreiben war i h r Gebiet. Als sie krank wurde und in eines meiner Häuser zog, war sie noch immer so dominant wie eh und je. Als sie sich zum Exit entschloss, wollte sie, dass ich dabei bin. Da habe ich ihr zum ersten Mal die Stirn ge­­­­boten: ‹Nein. Das will ich nicht. Das kann ich nicht!› Das Nein-Sagen zu diesem wichtigen Entscheid war für mich fast schon erlösend. Endlich konnte ich mich abnabeln …»

Er braucht auch heute noch den Dialog. Das Gespräch. Und vor allem: die Begegnung: «Ich bin einer, der nicht gerne alleine isst. Und auch nicht gerne alleine aufwacht. Jede Begegnung zwischen Menschen ist besser, als keine Begegnung…»

Eda, eine Modedesignerin und Transgender-Frau aus Thailand lebt in Berlin. Mit der langjährigen Freundin teilt er sich den Dackel Brown. Und pendelt zwischen dem Rhein und der Spree. Murielle, seine aktuelle Lebensgefährtin, ist die Schulter, die er braucht.

Und dennoch braucht er heute auch genügend Abstand zu allem, zur Hektik seines Lebens, zu seinen ­Beziehungen – zu all den Geistern, die er rief: «Ich fahre dann in den Süden. Ganz alleine. Immer wieder in die Toskana … Ich brauche diese Stimmung dort, diese wunderbaren Farben, Hügel, Bauten.

Oder ich bin im Tessin. Und suche nach meiner Kindheit. Versuche zu KAPIEREN …»

Er lächelt nun. Und zeigt mir einen Brief – es ist ein Anwaltsschreiben aus Avegno. Urgrossonkel der Vaterseite ist dort vor dem letzten Jahr­hundert ausgewandert. Kam zurück. Und baute im kleinen Ort mehrere Häuser… nun werden die Erben ­gesucht!»

Tino zuckt mit den Schultern: «Die Vergangenheit holt dich immer wieder ein… das Erbe ist mir egal. Sicher aber werde ich diesen Herbst die Häuser meines Vorfahren besuchen. Sie anschauen. Atmen. Und so meine Wurzeln vielleicht besser verstehen…»

Basler Zeitung

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