Hommage an den Ameisenhaufen

Baustellen, Verkehr und eine Yacht auf dem Aeschenplatz. Ein Augenschein beim zur Zeit arg strapazierten Verkehrs-Knotenpunkt von Basel.

Die Bauarbeiter können nur kurz an den Gleisen arbeiten, dann schleicht wieder ein Tram darüber.

Die Bauarbeiter können nur kurz an den Gleisen arbeiten, dann schleicht wieder ein Tram darüber.

(Bild: Pino Covino)

Serkan Abrecht
Daniel Wahl

Verschwitzt und ein wenig verstimmt kommt ein Bauarbeiter im orangen Arbeitstenue auf den Journalisten zu. «Bist du schwul?», fragt der gebräunte Mann mit gebrochenem Akzent despektierlich. Ein überrumpeltes «Nein» befriedigt sein Misstrauen nicht. «Wieso stehst du da schon seit einer Stunde und schaust mich an?» «Bin auf Reportage», ist die knappe Antwort. Der Bauarbeiter rümpft die Nase, geht zurück zu seinen Kollegen und schaut den Journalisten verächtlich an, als wäre er ein perverser Widerling.

Während der Bauarbeiter weiterhin genervt über die Schulter blickt, rattert hinter ihm eine Yacht quer über den Aeschenplatz. 4,30 Meter hoch, 4,45 Meter breit, 13,35 Meter lang und satte 19 Tonnen schwer. Sie soll ins sankt-gallische Schmerikon gebracht werden. Verblüfft oder verängstigt über das skurrile Schaubild, begrüssen die stehenden Autofahrer den 25 Meter langen Konvoi mit einem Hupkonzert.

Arbeit und Stress

Eine Stunde Aeschenplatz ist wie ein Tag Open-Air-Festival. Klebrig heiss, viel Lärm, viele Menschen. Zwischen den stehenden Autos und Trams wuseln verwirrte und gestresste Passanten, während ihnen die Verkehrswächter der Kroo Security mit Handzeichen und unverständlichen Rufen noch Feuer unterm Hintern machen. Der Aeschenplatz sieht aus wie eine einzige Strapaze. Arbeit und Stress.

Besonders jetzt, da die Tramgleise erneuert werden – ausgerechnet am Aeschenplatz, der Aorta des Stadtverkehrs. Doch es sei notwendig gewesen. «Diese Weichen haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und müssen ersetzt werden», lautet die ein wenig melancholisch klingende Antwort von BVB-Sprecher Benjamin Schmid. Kein Wunder. Über 1650-mal fahren die Trams pro Tag über den Aeschenplatz.

Steinerne Mienen vs. Ungeduld

Deshalb sei es auch nicht klug gewesen, diesen Knotenpunkt für den öffentlichen Verkehr während der Bauzeiten ganz abzuriegeln, sagen die BVB. Jeweils in kurzen Intervallen können die Bauarbeiter mit einem grossen Presslufthammer vorrücken, dessen Lärm in der Ferne an Feuer aus einer Maschinengewehrstellung erinnert, um den Boden aufzuschlagen. Der Einsatz dauert nur wenige Minuten, bis einer der Kroo Security den Trams das Zeichen zum Weiterfahren gibt. «Porca ...», fluchen zwei Arbeiter jedes Mal, wenn sie ihre Arbeit unterbrechen müssen.

«So kann man doch nicht arbeiten», meint ein anderer und steckt eine Marl­boro an. Doch anders geht es nicht, deshalb schleichen die Trams mit fünf Stundenkilometern – so vorgeschrieben bei der Baustelle – über die Gleise. Die Mitarbeiter der Kroo Security müssen den gesamten Verkehr auf dieser Strassenhölle regeln und versuchen mit steinerner Miene nicht die Contenance zu verlieren, während die Passanten an den Fussgängerstreifen ungeduldig vom einen auf den anderen Fuss treten, als müssten sie dringend auf die Toilette. So der momentane Augenschein vor der BaZ-Redaktion.

Winken für die Fussgänger

Der Aeschenplatz ist letztlich ein komplexes Miteinander und Durcheinander von Fussgänger-, Tram-, Auto-, Velo- und Busverkehr. Unübersichtliche Spuren, kreuzende Tramgleise, Rechtsvortritt und immer die vortrittsberechtigten Fussgänger: Sie alle unterbrechen den Verkehrsfluss und sorgen mit unsichtbarer Hand für eine Art Demokratie auf dem Platz. Dieses gegenseitige Rücksichtnehmen der Verkehrsteilnehmer erlaubt es erst, aus anderen Spuren in den Riesenkreisel einzufahren. Es sei ohnehin ein Geheimnis, dass der Aeschenplatz überhaupt funktioniert, sagen Verkehrsplaner. Es verunmöglicht, wie es an anderen Kreiselstandorten beobachtet werden kann, dass der Verkehr aus einer einzigen Achse den ganzen Platz in Beschlag nehmen und verstopfen kann. Man rückt vor, sucht die Lücke, hält, fährt weiter, muss wieder stoppen.

Dieses funktionierende Regime wird derzeit von den Kroo-Wachmännern sabotiert. Präventiv riegeln sie den Verkehr gänzlich ab, wenn sie die grüne und gelbe Farbe auf den Gleisen von Ferne heranschleichen sehen. Für Minuten herrscht dann Stillstand auf dem Aeschenplatz – bis die Tramstahlwände schwerfällig wie Panzerkreuzer vorbeigezogen sind. Wird die Spur endlich für den Autoverkehr winkend freigegeben, platzen wiederum gleich die vortrittsgläubigen Fussgänger auf die Fahrbahn.

Was die Kroo-Wachmänner noch nicht begriffen haben: Es bräuchte sie, um die Fussgänger im rechten Moment zurückzuhalten und nicht, um den Autoverkehr zusätzlich aufzuhalten. Täglich kommt es zu Beinahe-Unfällen auf dem Aeschenplatz. Bei einer Rauchpause vor der Redaktion kommt es ab und zu vor, dass man den Sensemann nahen spürt, bis schieres Glück der Automobilisten und Passanten sein Eintreffen vereiteln.

Das heterogene graue Prinzip

Von oben gleicht er einem gigantischen Ameisenhaufen, aus welchem sich Mensch, Maschine und Drahtesel in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Und doch funktioniert das heterogene graue Prinzip «Aeschenplatz», über welchen an Werktagen über 34'000 Autos und Motorräder brausen und die ­Menschen zur Mittagszeit vor dem Kebabpoint bis auf die Strasse Schlange stehen.

Zu fatalen Unfällen kommt es kaum, obwohl genug Raum für Todeszonen vorhanden wäre. So zum Beispiel der völlig deplatzierte Fussgängerstreifen bei der Dufourstrasse, wo kein Autofahrer den anderen kommen sieht – ausser er parkt mitten auf dem Streifen. Gefährlich wird es nur, wenn sich die erhitzten Gemüter der im Stau Stehenden entladen. Oder das eines sich belästigt fühlenden Bauarbeiters.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt