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«Hoi ihr Lieben, habe ein Kind getötet»

Die Rentnerin, die im Basler Gotthelf-Quartier einen 7-Jährigen umgebracht hat, gibt Staat und Behörden die Schuld, dass es so weit gekommen ist.

Die Anteilnahme nach den tödlichen Messerstichen im Gotthelfquartier war gross.
Die Anteilnahme nach den tödlichen Messerstichen im Gotthelfquartier war gross.
20 Minuten

Die Details, die zum Tötungsdelikt vom 21. März 2019 im Gotthelfquartier bekannt werden, sind erschütternd. Die 76-jährige Rentnerin, die einen siebenjährigen albanischstämmigen Buben mit mehreren Messerstichen in den Hals umgebracht hat, wollte nicht länger in Untersuchungshaft bleiben und hatte deshalb gegen den Entscheid der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt eine Beschwerde eingereicht.

Nun hat das Basler Appellationsgericht entschieden: Von der Schweizerin geht eine akute Gefahr für Kinder aus, und es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie es wieder tut. Deshalb wurde die Untersuchungshaft verlängert.

Bekenner-SMS gelöscht

Die Frau hat sich offenbar schon am Vorabend mit der Absicht befasst, ein Kind zu töten. Sie schrieb ein Bekenner-SMS, das sie dann aber wieder löschte.

Die Ermittler wollten von der Frau wissen, warum sie auf diesen Jungen eingestochen habe, den sie doch gar nicht kannte. Die Rentnerin bezeichnete die Tat als «Hilfeschrei». Sie habe «nur noch zugestochen». Bei der Tat sei es einfach aus ihr rausgekommen.

Die Staatsanwaltschaft hat bislang keinen Zusammenhang ermitteln können zwischen der beschuldigten Frau und dem Opfer – es ist davon auszugehen, dass sich die beiden noch nie zuvor begegnet waren und auch nicht gekannt hatten. Das Appellationsgericht spricht denn auch von einem «Zufallsopfer». Die Frau habe das Überraschungsmoment ausgenutzt und ihrem Opfer keine Möglichkeit gelassen, die Gefahr zu erkennen und zu flüchten, wie das Appellationsgericht festhält.

Nach der Tat verschickte die 76-Jährige eine SMS, in dem sie schrieb: «Hoi ihr Lieben. Habe ein Kind getötet, damit ich mein Eigentum zurückbekomme.» Die Frau spielte damit auf eine von ihr empfundene Ungerechtigkeit an.

Entscheid von 1977

1977 erlebten die Frau und ihr inzwischen verstorbener Ehemann einen Behördenentscheid, den sie alsErniedrigung, Kränkung und Verletzung erlebte. Unbestätigten Quellen zufolge soll es sich um eine Liegenschaft handeln, welche die Behörden wegen der Zahlungsunfähigkeit des Paares zwangsveräusserten. Die Frau hat nach diesem Entscheid «ein unkorrigierbares Wahnsystem» entwickelt, wobei sich der Wahn nicht in Halluzinationen oder dergleichen äusserte, sondern in einer Fixation auf Ungerechtigkeitsempfinden und Vergeltungswünsche. Sie war deshalb auch in psychiatrischer Behandlung. 2003 habe die Frau die Diagnose als «vollständig unzurechnungsfähig» erhalten, ein Befund, der 2005 und 2016 bestätigt wurde. Für die Richter, welche die Verlängerung der Untersuchungshaft prüfen mussten, besteht kein Zweifel, dass die Rentnerin sich weiterhin auf das aus ihrer Sicht erlittene Unrecht fokussieren würde und dass sie sich durch die Tat in einer Opferrolle sieht. So gab sie während einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft zu Protokoll: «Am meisten hat mich die Erkenntnis erschüttert, dass ein Mensch wirklich fähig ist zu einem Tötungsdelikt, wenn man ihm ein Motiv liefert und ihn drückt. Ich hätte nie gedacht, dass man einen Menschen so weit treiben kann.»

In dieser Aussage sehen die Strafverfolgungsbehörden einen Beleg dafür, dass sich die Frau «auch während dem laufenden Strafverfahren empathielos» zeigt und «die Tötung des Kindes nach wie vor als legitimes Mittel» erachtet, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Das Basler Appellationsgericht stuft die Rückfall- respektive Wiederholungsgefahr der Frau als hoch ein. Zudem stehe die Täterschaft «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest». Noch 2016 hatte ein forensisch-psychiatrisches Gutachten die Gefahr, dass die Frau eine Gewalttat begeht, als gering eingeschätzt.

Verwahrung möglich

Der Gerichtsentscheid lässt auch durchblicken, wie die Richter die Zukunft der Inhaftierten einschätzen, obwohl sich darüber noch in einem ordentlichen Gerichtsverfahren das Strafgericht Basel-Stadt befinden muss: Im Falle eines Schuldspruchs erwarte die Frau eine langjährige Freiheitsstrafe und im Falle eines Freispruchs wegen Schuldunfähigkeit die Anordnung einer Massnahme, welche die Dauer der Haft deutlich übersteige. Diese Massnahme ist besser unter dem Begriff «Verwahrung» bekannt.

Die Rentnerin bleibt somit in Haft und dürfte von dort an den Prozess gebracht werden. Wann dieser ist, hat das Strafgericht noch nicht festgelegt. Ob die Anklage auf vorsätzliche Tötung oder Mord lauten wird, ist noch nicht bekannt.

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