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«Hier wurde eine rote Linie überschritten»

Der neue Baloise-Turm verändert die bekannteste historische Stadtsilhouette Basels. Der Heimatschutz hat keine Freude.

Hinter der klassischsten aller Altstadt-Skylines ragt neu der noch im Bau befindliche Baloise-Turm hervor.
Hinter der klassischsten aller Altstadt-Skylines ragt neu der noch im Bau befindliche Baloise-Turm hervor.
Geri Stocker
Der Rocheturm, der Baloise-Neubau und das Meret-Oppenheim-Hochhaus (von links nach rechts).
Der Rocheturm, der Baloise-Neubau und das Meret-Oppenheim-Hochhaus (von links nach rechts).
Florian Bärtschiger
Beim Blick von der Münsterpfalz in Richtung Kleinbasel wird sich die Silhouette bald erneut verändern. Links vom Messeturm wächst bald der Claraturm in die Höhe.
Beim Blick von der Münsterpfalz in Richtung Kleinbasel wird sich die Silhouette bald erneut verändern. Links vom Messeturm wächst bald der Claraturm in die Höhe.
Margrit Müller
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Sie sind leuchtende Wahrzeichen oder architektonische Monster, je nach Auge des Betrachters. Was Basels neue Hochhäuser aber auf jeden Fall sind: gross und unübersehbar. Das Meret-Oppenheim-Hochhaus, das Biozentrum, und in Zukunft auch die Nauentor-Türme, der Clara- und der ETH-Turm – zurzeit schiessen markante Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden und verändern die Ansicht der Stadt massiv. Vom Margarethenhügel aus gesehen, geht der Bahnhof SBB, eigentlich ein sehr dominantes Gebäude, zwischen all den Hochhäusern fast unter. Und der Roche-Turm wirkt vom Kraftwerk Birsfelden aus so kolossal, dass die Altstadt mit dem Münster aussieht wie ein Modell der Swissminiatur. Sein im Bau befindlicher grosser Bruder wird ihn sogar noch überragen.

Es ist jedoch der Baloise-Turm, der dem Amateur-Fotografen Geri Stocker bei einem Stadt-Spaziergang die Galle hochkommen liess. «Ich bin kein Hochhausgegner, doch hier wurde meiner Meinung nach eine rote Linie überschritten», sagt Stocker. Der neue Turm verändert die Basler Kern-Silhouette zwischen Münster und Martinskirche – jene pittoreske Rhein- und Altstadt-Ansicht, die viele Postkarten ziert und die auch Basel Tourismus als Aushängeschild dient. «Ich dachte immer, diese klassischste aller Basler Ansichten sei rechtlich oder zumindest aus Respekt geschützt. Doch dieses Hochhaus beleidigt das Auge vom Oberen Rheinweg her, vom Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke und ganz krass von der Johanniterbrücke aus», sagt Stocker. Seiner Meinung nach legt sich Basel damit ein Ei und sabotiert sein historisches Erbe und sein Tourismus-Kapital. Er wundert sich: «Wie schaffte es dieses Projekt an der Kantonalen Denkmalpflege und am Basler Heimatschutz vorbei?»

Spitalbau noch gravierender

Der Basler Heimatschutz hat sich schon gegen mehrere Hochhäuser aufgelehnt. Gegen den Claraturm beispielsweise. Der Turm beim Messeplatz wurde vom Volk jedoch bewilligt. Beim Baloise-Bau intervenierte der Heimatschutz nicht. «Der Heimatschutz kämpfte gegen einen Eingriff, der noch viel massiver sein wird als jener des Baloise-Hochhauses», sagt Christof Wamister, Präsident des Heimatschutzes. Der Verein ging bis vor das Appellationsgericht, um das zukünftige Spitalhochhaus zu verhindern. «Dieses Hochhaus liegt sogar im Altstadtbereich. Das ist schlimmer», so Wamister. Auch dieser Kampf war jedoch erfolglos.

An der neuen Altstadtsilhouette mit dem Baloise-Turm hat Wamister allerdings dennoch keine grosse Freude: «Hochhäuser werden immer unterschätzt. Natürlich gab es Visualisierungen. Doch wenn ein Gebäude dann steht, staunt man trotzdem nicht schlecht. Eine Visualisierung bezüglich der Rheinfront gab es damals nicht. Das hatte man nicht bedacht.» Immerhin sei das Baloise-Hochhaus hinter dem Blauen und Weissen Haus nur von der Johanniterbrücke aus deutlich sichtbar. Je mehr man sich auf der Rheinpromenade der Mittleren Brücke nähere, desto mehr verschwinde der Turm aus dem Blickfeld.

Die Denkmalpflege war gar in die Planung des Baloise-Turmes involviert und sass beim Wettbewerb mit in der Jury. «Wir haben die Schutzwürdigkeit des Hochhauses von Hermann Baur geprüft und aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes eine Inventarentlassung beantragt. Das Kantonsgebiet ist eng, und Basel ist eine unglaublich dicht besiedelte Stadt, die sich weiterentwickelt. Hochhäuser sind der Ausdruck davon. Mit dieser Realität muss man umgehen», sagt der kantonale Denkmalpfleger Daniel Schneller und fügt an: «Wir können die Gesamtsilhouette der Stadt nicht einfrieren, sonst müssten wir das Leben einfrieren.» Die Basler Skyline sei nicht erst seit heute in Veränderung.

Ein Zeichen der Macht

Tatsächlich waren hohe Gebäude immer schon ein Ausdruck der herrschenden Machtverhältnisse. Im Mittelalter dominierten Sakralbauten das Basler Stadtbild. Die Kirchtürme des Münsters, der Martins-, der Peters- und der Leonhardskirche machen die Ausdehnung und die Bedeutung der damals zweitgrössten Stadt der Schweiz, aber auch der Kirche sichtbar. Mit der Industrialisierung entstanden Fabrikkamine und später hohe Silos. Die chemische Industrie setzte in den sechziger Jahren ihre Zeichen – Hoffmann-La Roche, Lonza, Geigy und Ciba leisteten sich allesamt ihr eigenes Hochhaus. Heute ziehen weitere Grosskonzerne ihre imposanten Türme hoch. Trotz dieser Verschiebung der Machtverhältnisse prägen das Münster und die Martinskirche noch heute das Bild der historischen Altstadt, das vom Rheinufer aus gut erkennbar ist.

«Natürlich ist die Stadt-Silhouette auch für den Denkmalschutz ein Thema», sagt Schneller. Ein Hochhaus auf dem Münsterhügel sei aus Sicht der Denkmalpflege sicher unerwünscht. Er verweist auf das Hochhauskonzept des Planungsamtes, bei dem der Denkmalschutz ebenfalls involviert war. «Das Konzept besagt unter anderem, dass Hochhäuser konzentriert beim Bahnhof Basel gebaut werden sollen. In der Nähe des Baloise-Turmes stehen noch andere Hochhäuser – und es werden noch weitere kommen.»

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