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Hier gilt das Faustrecht

Dreistigkeit oder Anstand? Diese Frage stellt sich beim Kettenkarussell auf dem Münsterplatz nicht: Der Stärkere gewinnt.

Das Kettenkarussell gehört für viele Besucher zu den Höhepunkten an der Herbstmesse – vorausgesetzt, diese schaffen es auf überhaupt auf die Bahn.
Das Kettenkarussell gehört für viele Besucher zu den Höhepunkten an der Herbstmesse – vorausgesetzt, diese schaffen es auf überhaupt auf die Bahn.
Pino Covino

Strahlende Kinderaugen, Eltern, die Fotos machen von ihren Kleinen, Luftballons an den Kinderwagen, glückliches Kreischen. Solche Szenen spielen sich ab, möchte man sich vorstellen, wenn man einen Besuch mit der Familie an der Basler Herbstmesse plant. Und dabei die Realität komplett ausblendet. Diese sieht nämlich meistens ganz anders aus: Die leuchtenden Äuglein füllen sich schnell mit Tränen, und das Kreischen weicht verzweifelten Schreien, wenn der Superman-Ballon plötzlich davonfliegt oder die Mama nach der Zuckerwatte und den gebrannten Mandeln bestimmt Stopp ruft.

Oder wenn man beim Kettenkarussell auf dem Münsterplatz ansteht. Hier verlieren selbst die vernünftigsten und entspanntesten Eltern die Nerven. Anstand und Respekt gehen verloren. Es gilt das Faustrecht.

Schon zu Hause hatte unser fünfjähriger Sohn angekündigt, dass er unbedingt aufs Kettenkarussell wolle. Cool, dachten wird. Das Kettenkarussell gehörte schon in unserer Kindheit zu den beliebtesten Bahnen, und er sollte dieses Gefühl von Freiheit, wenn man hoch oben durch die Luft fliegt, auch erleben. Also kauft der Papa am Sonntagnachmittag die Billette und steht an.

Keine Regeln

Zehn Minuten später stehen die beiden wieder da, der Kleine in Tränen aufgelöst, der Grosse total entnervt. Er habe die Billette wieder abgegeben und das Geld zurückverlangt, sagt mein Mann. «Das tue ich mir nicht mehr an. Das ist der reinste Horror.» Dreimal seien sie angestanden, und jedes Mal hätten sie erfolglos wieder zurückkehren müssen. «Ich musste mich mit einem Typen streiten, weil er unseren Sohn weggedrängt hat.»

Beim Kettenkarussell gibt es kein geordnetes Anstehen, keine Reihenfolge, die man einhalten muss. Es gibt auch keine separaten Warteschlangen für die ­Einzel- und Doppelsitze: Jeder darf sich hinstellen, wo es ihm gerade passt. Sobald der Mitarbeiter der Bahn die Sicherheitskette löst und den Weg frei macht, rennen alle los – als gehe es um Leben oder Tod – und versuchen, einen Sitz zu ergattern. Wegstossen, treten, ellbögeln – alles scheint erlaubt zu sein. Zurückhaltung und Nachsicht ­werden sofort bestraft. Der Stärkere gewinnt.

Kinder haben keine Chance

Die Enttäuschung des Jungen ist riesig. Ich möchte ihn trösten und sage ihm, dass wir es später noch einmal versuchen würden. Doch wird es dann besser sein? Kaum. Der Andrang ist an diesem Nachmittag gross. Aufgeben? Am liebsten schon, aber die Tränen fliessen weiter. Was bleibt mir anders übrig: Ich kaufe zwei Billette, und wir stehen wieder an.

Von hinten drückt sich ein Vater mit seinen zwei Töchtern nach vorn. Sein Rucksack berührt etwas unsanft den Kopf eines Mädchens hinter ihm. «Können Sie nicht aufpassen», ruft deren Mutter empört. «Sie sollten hier keinen Rucksack tragen.» Und er: «Ich habe es nicht absichtlich getan. Hier ist es eben sehr eng.» Die Mutter gibt sich nicht zufrieden und mäkelt weiter, bis er sich stinksauer von ihr abwendet und zischt: «Du dumme Gans.»

Er stehe nun zum vierten Mal mit seinen Töchtern an, erzählt der Mann später. Und er hasse es, wenn er aus der Haut fahre, aber hier sei es unmöglich, die Ruhe zu bewahren. Er selber wolle gar nicht aufs Karussell, er stehe für die Mädchen an: «Allein haben sie keine Chance.»

Der Weg ist frei, wir rennen los– und laufen auf. Einmal, zweimal, dreimal. «Das kann doch nicht sein», sage ich zum Mitarbeiter des Karussells. Er zieht gleichgültig die Schultern hoch. Meine Freundin bietet an, es gleichzeitig mit uns von einer anderen Seite zu probieren und einen Sitz zu reservieren. «Hier muss man perfid sein, sie wollen es nicht anders», sagt sie. Doch ihr Plan, so genial er ist, geht nicht auf.

Ein letzter Versuch. Ich konzentriere mich auf den Zweiersitz in der Mitte, packe meinen Sohn, schlängle mich durch die Menschenmenge und greife mit den Fingerspitzen nach dem Sitz, nur eine Sekunde vor einer anderen Mutter. Geschafft. Nie wieder, schwöre ich mir.

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