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Heks verdient auf Kosten von Migranten

Das Hilfswerk setzt mit dem Integrationsprogramm Linguadukt Millionen um und behindert zugleich die Integration.

Etikettenschwindel. Das Hilfswerk Heks hat ein umsatzstarkes Geschäftsmodell entwickelt.
Etikettenschwindel. Das Hilfswerk Heks hat ein umsatzstarkes Geschäftsmodell entwickelt.
Dominik Pluess

Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) hat edle Ziele als Stiftungszweck formuliert: «Einsatz für Menschen in wirtschaftlicher und sozialer Not», «Flüchtlingshilfe» und «das gesellschaftspolitische Engagement stehen im Dienste dieser Aufgaben». In der Heks-Regionalstelle beider Basel scheinen diese Werte abhandengekommen zu sein. Recherchen der BaZ zeigen: Das Heks beider Basel behindert mit dem Integrations-Programm Linguadukt, mit tiefen Löhnen für Migranten, mit Konkurrenzverbot und Konventionalstrafen die Integration von Migranten und macht damit ein gutes Geschäft.

Mit Abstand am meisten Geld setzt das Hilfswerk mit dem Dolmetscherdienst Linguadukt um. 1,5 Millionen Franken waren es 2015 und letztes Jahr stieg der Umsatz auf knapp 1,7 Millionen Franken. «Das Angebot war 2016 gefragter denn je», schreibt das Heks in seinem Jahresbericht. Das Heks vermittelt Dolmetscher an Institutionen wie Spitäler, Sozialämter oder an Schulen – also überall dort, wo ein Übersetzer nötig ist. 2016 haben 147 Dolmetscher in 57 Sprachen während 18'982 Stunden übersetzt.

Für Dolmetscherdienste ist das Heks einer der grössten oder sogar der grösste Anbieter in der Region, wie es aus Heks-nahen Kreisen heisst. Darauf sei das Hilfswerk besonders stolz. Das Programm wird auch von offizieller Seite geadelt: Integration Basel, zum Präsidialdepartement gehörig, unterstützt den Dolmetscherdienst.

Tiefer Lohn

Präsent in der Öffentlichkeit ist das Heks aktuell vor allem mit seiner Kampagne «Farbe bekennen», die mit farbigen Handbändelchen im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise für eine menschliche Schweiz wirbt. Und Menschen, die hierherkommen, müssen integriert werden. Hier bietet das Basler Heks diverse Angebote für Migranten an, um deren Integration zu fördern.

Auch im Jahresbericht 2016 wird Integration grossgeschrieben: «Die Heks-Regionalstelle beider Basel setzt sich dafür ein, dass Menschen aus fremden Kulturen und sozial Benachteiligte auf dem schmalen Grat der Integration möglichst sicheren Tritt finden», sagt Regionalstellenleiter Christian Plüss im Editorial. Als Erstes folgt dann ein Artikel mit dem Titel «Wir müssen die Kompetenzen der MigrantInnen nützen». Es geht darum, dass das Heks Migranten zu Jobs verhelfen möchte. «Wir wollen Migranten so weit bringen, dass sie auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bessere Chancen haben», heisst es weiter. Das Heks betont zudem, dass man sich seit Längerem für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt einsetze.

Der BaZ liegen allerdings diverse Arbeitsverträge für Migranten im Dolmetscher-Programm vor, die belegen, wie weit die Realität beim Hilfswerk von der Selbstdarstellung der Basler Heks-Regionalstelle entfernt ist. Die Dolmetscher erhalten 45.90 Franken pro Stunde. Sie haben keinen Grundlohn, sondern werden auf Abruf pro geleistete Stunde bezahlt. Für Einsätze in Basel erhalten sie eine Wegpauschale von zehn Franken, für Einsätze bis 20 Kilometer ab Basel 27 Franken. Der Monatslohn pro Dolmetscher kann stark variieren, da die Nachfrage schwankt. Zwar wird beispielsweise Türkisch stärker gewünscht als etwa Mongolisch, doch gibt es auch mehr Türkisch-Dolmetscher, die sich die Aufträge teilen müssen.

Nur eine Handvoll der 147 Dolmetscher komme im Monat auf 50 Stunden, also zirka auf 2500 Franken brutto, heisst es aus Heks-nahen Kreisen. Im Heks-Büro werden hingegen neun Leute beschäftigt (überwiegend Schweizer), die bei 100 Prozent über 5000 Franken pro Monat verdienen. Während die Schweizer Büromitarbeiter also vom Lohn leben können, bleiben die als Dolmetscher beschäftigten Migranten, selbst bei grossem Arbeitseinsatz, immer noch von der Sozialhilfe abhängig, was ihnen eine wirtschaftliche Selbstständigkeit und letztlich auch den Erwerb des Schweizer Passes verunmöglicht.

Konkurrenzverbot

Das Heks lebt von Projektbeiträgen, Spenden und Subventionen. Das Hilfswerk erhält 800'000 Franken pro Jahr von Bund, Kantonen und Gemeinden. Eine Dolmetscherstunde kostet mindestens 89 Franken. Man könnte nun einwenden, dass das Hilfswerk den Dolmetschern nicht existenzsichernde Löhne bezahlen kann, den Migranten aber mit dem Dolmetscher-Programm eine Struktur, Arbeitserfahrung und damit einen möglichen Job als Übersetzer in einer Institution ermöglichen könnte. Wer gut arbeitet, macht für sich Werbung und könnte so zu einer Stelle kommen, von der man leben kann. So weit die Idee von Integrationsprogrammen. Doch genau diesen Schritt unterbindet das kirchliche Hilfswerk. Sollte ein Heks-Kunde einen Migranten anstellen wollen – etwa ein Spital, das auf präzise Übersetzer angewiesen ist – dann darf der Migrant nicht zusagen. Im Umfeld des Heks stösst dies auf Unverständnis: «Einerseits kommen die Migranten finanziell auf keinen grünen Zweig, derweil im Heks-Büro neun Mitarbeitende beschäftigt werden. Und wenn die Migranten einen Job als Dolmetscher erhalten könnten, dann dürfen sie den nicht annehmen. Das ist nichts anderes als Ausbeutung.»

Der Vorwurf dieser Quelle (Name der Redaktion bekannt) lässt sich durch die Arbeitsverträge belegen. Als letzter Punkt vor der Unterschrift ist jeweils auf den Zusatzvereinbarungen 1 und 2 des Arbeitsvertrages ein Konkurrenzverbot festgehalten: «Der unterzeichnende Dolmetscher verpflichtet sich, während und nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses bei Heks Linguadukt seine Übersetzungsdienste nicht denjenigen Spitälern, Kliniken und Fachstellen im Sozialbereich anzubieten, für die er im Rahmen seiner Anstellung bei Heks gearbeitet hat. Nach Auflösung des Arbeitsverhältnisses gilt das Konkurrenzverbot während eines Jahres», heisst es im Vertrag. Sollte sich der Dolmetscher darüber hinwegsetzen, wird er mit einer Konventionalstrafe in der Höhe eines Zehntels seines letzten Jahreseinkommens bei Heks bestraft.

Heks verteidigt Vorgehen

Die Migranten, die das Heks angeblich integrieren will, können also weder vom Heks-Lohn leben, noch dürfen sie bei guter Arbeit ein Stellenangebot in der Privatwirtschaft annehmen. Doch mit dem tiefen Lohn und dem Konkurrenzverbot lässt es das Heks nicht bewenden. Gemäss Heks-nahen Kreisen werden beim Hilfswerk Dolmetscher bevorzugt, die sich weiterbilden. Diese offenbar notwendigen Kurse, um weiterhin Aufträge des Heks zu erhalten, bietet das Hilfswerk gleich selber an: Das Programm MEL dauert neun Monate und kostet nach Abzug der Subventionen noch 1500 Franken, wovon der Migrant selber 1000 Franken bezahlen muss. Um diese Ausbildung überhaupt bezahlen zu können, muss der Dolmetscher umgerechnet rund 20 Stunden fürs Heks übersetzen. Die verbleibenden 500 Franken zahlt das Heks (Linguadukt) an das Heks (MEL).

Das Hilfswerk weist den Vorwurf, Migranten auszubeuten, zurück: «Bei der Rekrutierung werden die Dolmetschenden ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um einen qualifizierten Nebenerwerb handelt», sagt Heks-Schweiz-Sprecher Dieter Wüthrich. Die Löhne seien marktüblich. Nur: Weder im Bewerbungsformular noch auf der Website steht etwas von Nebenerwerb. Zudem sei gemäss Quelle das Programm für viele der einzige Erwerb.

Zum Konkurrenzverbot entgegnet das Heks: «Die Behauptung, das Konkurrenzverbot verunmögliche den Dolmetschenden, eine weitere Stelle anzunehmen und einen Zusatzverdienst zu erzielen, ist tatsachenwidrig.» Das Konkurrenzverbot beziehe sich nur auf die Linguadukt-Kunden. Darüber hinaus bestünden «keinerlei Einschränkungen». In Heks-nahen Kreisen bezeichnet man diese Erklärung als zynisch: «Wo bitte sollen denn diese Dolmetscher sonst übersetzen? Das Heks hat in der Region de facto ein Monopol.»

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