Hausmüll im Park abladen ist hip

1500 Tonnen Abfall sind in Basel 2012 illegal entsorgt worden – und die Tendenz ist steigend.

Gratis oder 100 Franken: Manche Leute werfen Hauskehricht in öffentliche Kübel. Werden sie erwischt, müssen sie eine Busse bezahlen.

Gratis oder 100 Franken: Manche Leute werfen Hauskehricht in öffentliche Kübel. Werden sie erwischt, müssen sie eine Busse bezahlen.

(Bild: Nicole Pont)

Aus einer Tragtasche nimmt die 78-Jährige einen weissen Plastiksack, gefüllt mit Hauskehricht, und entsorgt ihn in einen Abfallkübel vor dem Migros-Drachen-Center. Dann verschwindet sie im Geschäft in der Aeschenvorstadt und wiederholt das Prozedere weiter hinten beim Abfallkübel bei der Essecke. Diesmal kramt sie eine leere Kaffeerahmflasche aus der Tasche. «Ich kombiniere meine Einkäufe oft mit dem Entsorgen von Abfällen. Ich habe die Verpackungen ja auch hier gekauft. Damit lassen sich beim Bebbisack ein paar Franken einsparen», sagt die Rentnerin aus Basel.

Sie ist kein Einzelfall: «Leider ist das illegale Entsorgen von Hausmüll relativ weit verbreitet. Die Leute – quer durch alle Generationen und Schichten – machen sich einen Sport daraus», sagt André Frauchiger, Mediensprecher des Tiefbauamts, zu dem die Stadtreinigung gehört. Durch solches Verhalten seien die öffentlichen Kübel schneller voll und die Stadtreinigung müsse sie in höherer Frequenz entleeren.

Zusätzliche Abfallkontrolleure

Jürg Hofer, Leiter des Amts für Umwelt und Energie (AUE), sagt, dass es analog der Rentnerin immer mehr Leute gebe, die ihren Hauskehricht illegal entsorgen. Ein sehr beliebter Ort dafür seien die Parks in der Stadt. «Es reut die Leute, für Gebühren Geld auszugeben», sagt Hofer. Bei der illegalen Abfallentsorgung handle es sich um eine Art Ausweichaktion. «Die jährlichen Abwassergebühren für eine Familie sind etwa doppelt so hoch wie die Kehrichtsackgebühren. Nur kann man sich der Abwassergebühren im Gegensatz zu den Bebbisackgebühren nicht entledigen», sagt Hofer.

Um dem illegalen Entsorgen von Hauskehricht in öffentlichen Kübeln der Stadt sowie dem unachtsamen Littering Einhalt zu gebieten, setzt das AUE seit Oktober 2012 zwei zusätzliche Abfallkontrolleure ein. Sie hätten bis Ende Februar 53 Bussen erteilt sowie diverse Personen ermahnt. Das Entsorgen von Hauskehricht in öffentlichen Mistkübeln wird mit 100 Franken geahndet. Wer nach seinem Mittagessen die Verpackung auf dem Barfi liegen lässt und erwischt wird, muss 80 Franken bezahlen. Ob diese Sanktionen bei der Bevölkerung Wirkung zeigten, könne man noch nicht sagen, so Hofer. Dafür sei es noch zu früh.

4220 Meldungen via Sauberkeitshotline

Das Tiefbauamt hat im Jahr 2012 rund 1500 Tonnen illegalen Abfall beseitigt. Darin enthalten sind Littering-Abfälle sowie öffentlich entsorgter Kehricht. «Die Menge hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen», sagt Frauchiger. Dazu haben die Basler ohne Vignetten und damit illegal rund 50 Tonnen Materialien wie Sperrgut, Elektroschrott, Metall oder gebührenfreie Kehrichtsäcke in den Strassen deponiert. Die beiden Abfallkontrolleure des AUE konnten mittels Aufschneiden und Durchsuchen solcher Säcke insgesamt 212 Verursacher ermitteln. Dieser Verstoss kostet einen Verursacher 200 Franken an Gebühren.

Im Zusammenhang mit illegal deponiertem Müll sind bei der Sauberkeitshotline des Tiefbauamts 4220 Meldungen aus der Bevölkerung und von Abfuhrleuten eingegangen. Das sind 1500 weniger als im Jahr 2011, aber deutlich mehr als 2009 und 2010. Über diese Entwicklung kann Hofer nur Vermutungen anstellen: «Zum einen werden nicht alle illegalen Deponien gemeldet, zum andern zeigt die verstärkte Präsenz der Abfallkontrolleure wohl erste Wirkung.»

Bebbisack zeigt Wirkung

Am meisten illegalen Kehricht finden die Kontrolleure jeweils im unteren Kleinbasel sowie den Quartieren St. Johann und Gundeli. Gar keine Kontrollen machen die Abfallkontrolleure auf dem Bruderholz. «Insgesamt werden rund 2,4 Prozent des Abfalls illegal entsorgt», schätzt Hofer. Für den Hauskehricht bezahlen müssen die Basler seit 1993. Damals wurde der Bebbisack eingeführt. Ein Jahr zuvor hatten die Betriebe und Haushalte rund 117 000 Tonnen Abfälle in die Kehrichtverbrennungsanlage gebracht. Im Jahr 2011 waren es mit insgesamt 81 000 Tonnen deutlich weniger.

«Die Recyclingquote hat sich seither in etwa verdoppelt und liegt bei 33 500 Tonnen oder bei rund 50 Prozent der Abfälle aus Haushalten. Die Sackgebühr hat ihre Wirkung voll entfaltet», sagt Hofer. Leider aber mit dem Nebeneffekt, dass gewisse Leute ihren Abfall illegal in öffentlichen Kübeln oder ohne Gebührensack auf der Strasse entsorgen. Dass ihr Verhalten nicht korrekt ist, weiss auch die Rentnerin im Drachen-Center. Leicht verlegen sagt sie: «Ich schaue schon, dass ich nicht allzu viel Kehricht in öffentlichen Kübeln entsorge und den Bebbisack gut stopfe.» Die Filialen der Migros Basel stellen Müllentsorger in steigendem Masse fest. Sprecher Dieter F. Wullschleger: «Leider ist das ein gesellschaftliches Problem.»

Basler Zeitung

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