Haareraufen bei den Schweizer Fans

Schweden kommt an der WM weiter und die Basler trauern. Hochs und Tiefs aus den Public Viewings.

Das zu frühe Aus bei der WM sorgt für Fassungslosigkeit bei den Schweizern.

Das zu frühe Aus bei der WM sorgt für Fassungslosigkeit bei den Schweizern.

(Bild: Nicole Pont)

Von den Kollegen gab es ein Briefing: «Also nur, damit du den Richtigen zujubelst: Die grossen Baumstämme sind die Schweden, die kleinen Zwerge die Schweizer.» Okay, nun sind wir gewappnet. Doch vor lauter Wald sehen wir die Bäume nicht mehr. Macht nix, im Sommercasino stehen die grossen und kleinen Fussballfans bereit und an ihrer Mimik erkennt man, was Sache ist. Philipp Geisinger reibt sich die Hände. «Super läuft unser Public Viewing», freut er sich. Die Buvette «Alti Liebi» hat die erste Saison und die lässt sich gut an. Das Sommercasino ist unter Public-Viewing-Liebhabern ein Geheimtipp. Nicht zuletzt Eltern lieben den Ort, da sie die Kinder im Park laufen lassen und sich dem Spiel widmen können.

Der eine oder andere hätte sich allerdings lieber gewünscht, er hätte es sein lassen. Shaqiri zu Zuber, Zuber versucht den Ball mit dem Kopf reinzubringen... zu hoch! Ein Stöhnen geht durch die Runde. «Mir dörfe nid so hochi Bäll spiele bi däne grosse Schwede! Durch d Mitti, aber flach», sagt mein Nachbar enerviert. Doch auch die Schweden treffen das Tor nicht: «So hoch wie die sind, hauen sie zum Glück auch immer die Bälle in den Himmel», stellt ein Schweizer Fan erleichtert fest.

Vor uns versucht ein Binggis den Apérol Spritz der Mamma zu erreichen. Er zuckt zurück, als ein Schmerzensschrei durch die Reihen geht: Schon wieder eine verpasste Chance. Shaqiri lässt die Lippen flattern, die Fan-Gemeinde stöhnt. Die Schweizer kämpfen, die Schweden rennen. «Dort, wo du Schrauben siehst, sind die Schweden. Bei Ikea weiss man ja, dass die locker sind», tönt es von hinten.

«Papi, weshalb ist der Schweden-Goalie so gut?», fragt ein Kind. Der weiss keine Antwort. Mittlerweile hat der Binggis den Apérol der Mutter fast erreicht, da zieht ihm der Vater das Glas vor der Nase weg. Empörtes Geschrei. Auch die Menge brüllt empört: «Nei, nei, nei», als wieder eine Chance verpasst wurde. Noch immer kein Goal. Die Fans stärken sich in der Pause mit Bier und Hackbällchen, danach erwachen die Schweizer langsam. «Embolo bringt Unruhe in die schwedische Verteidigung», sagt einer und reibt sich vergnügt die Hände. Doch dann schiessen die Schweden aus dem Nichts den Führungstreffer. Fassungslosigkeit bei den Schweizern.

Doch die Schweizer geben sich nicht geschlagen, drehen auf und kommen zu Chancen. Eckball für die Schweizer in der 79. Minute, aber auch jetzt fällt der Ausgleich nicht – es ist wie verhext. Enttäuschung macht sich breit, gar die Kids gucken traurig auf den Bildschirm. «Früher waren die Ikea-Schränke billiger Mist. Jetzt stehen sie im Viertelfinal», sagt einer und geht.

Leiden auch im Gare du Nord

Szenenwechsel in den Gare du Nord beim Badischen Bahnhof. «Das ist kein Fussball mehr, das ist dummes Zeugs», verschafft sich ein aufgebrachter Schweizer Supporter kurz vor Schluss der Partie Luft. Grund war einerseits der Null-zu-eins-Rückstand und vor allem aber die Videoanalyse aus Moskau, die den Schiedsrichter dazu anhält, die Rote Karte gegen Verteidiger Michael Lang zu überprüfen.

Der wetternde Fan steht bildlich für die Stimmung, die unter den Dutzenden Fans in der Bar mit ihren zwei grossen Leinwänden nach dem Abpfiff herrscht: Frust, Frust, Frust! Einmal mehr sind die Schweizer nicht in der Lage, ein Achtelfinal an einem Grossturnier gegen einen vermeintlich schlagbaren Gegner zu überstehen. Es fallen Worte wie «mieses Spiel» oder «Grottenkick».

Dabei steht im Gare du Nord einem grossen Fussballfest nichts im Wege. Auf der Terrasse scharen sich die Fans um die zahlreichen Bildschirme. In der Luft liegt ein Duft von Bratwurst und Pizzen. Das Bier fliesst reichlich und in der Pause, als für die Schweizer noch alles im grünen Bereich liegt, kühlt die eine oder der andere gar die Füsse im Wasser des Springbrunnens in der Mitte der Terrasse.

Dennoch, die Skepsis gegenüber einem Schweizer Sieg ist zu diesem Zeitpunkt bereits gross. «Der Bessere wird gewinnen», meint eine junge Frau, die wenig zuversichtlich auf einen Schweizer Sieg setzte.

Basler Zeitung

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