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Guy Morin träumt von einem mächtigen Basel

Guy Morin schwebt in 40 Jahren ein viel grösseres Basel vor: ein «Metropolraum». In einer Rede täumt er ausserdem von einer «Mega-Stadt Schweiz» und von einer «neuen 4. Staatsebene».

Die Schweiz sei zunehmend in «Metropolräume» aufgeteilt, weniger in Stadt und Land.
Die Schweiz sei zunehmend in «Metropolräume» aufgeteilt, weniger in Stadt und Land.
Keystone

Wer für die Stadtentwicklung zuständig ist, hat Träume. Zumal auch hochtrabende. Dies macht die Rede von Guy Morin deutlich, die er anlässlich der Herbsttagung der Schweizerischen Gesellschaft für Verwaltungswissenschaften am 23. November in Bern gehalten hat. Das Referat wurde nicht an die Medien verschickt, sondern musste selber organisiert werden, aber es gewährt einen interessanten Einblick, wie ranghohe Amtsträger sich das Basel der Zukunft ausmalen. Es war eine Art Gipfeltreffen der nationalen Siedlungsplaner und für Raumplanung zuständiger Beamter, zu dem Guy Morin eingeladen war, und der grüne basel-städtische Regierungs­präsident nutzte die Chance, um den 120 Tagungsteilnehmern aufzuzeigen, wie er sich die Schweiz und Basel im Jahr 2050 vorstellt.

Morin sprach nicht von Wäldern, nicht vom Schutz der grünen Wiesen rund um Basel, nicht von blühenden Gärten auf Wohnblöcken, wie dies in den USA gerade entdeckt wird. Bei Morin fielen kraftvolle Ausdrücke – zum Beispiel «Mega-Stadt Schweiz». Das Land sei kein «liebliches Volk der Hirten und Alphornbläser» mehr, sondern in neue urbane Zentren aufgeteilt, sagte Morin.

«Metropolräume» heissen die künftigen Fundamente des städtischen Helvetiens im Morin’schen Duktus, und diese Metropolräume sollen zu monumentalen Sockeln für die Wirtschaftszentren werden. Morin prognostiziert eine Verschärfung des Standortwettbewerbs und dass diese Zentren mit «einer bedeutend grösseren Dichte als heute bebaut» sein müssen, um für all die Bewohner Platz zu schaffen, die künftig in der Stadt Wohnraum suchen. Der Regierungspräsident hielt seinen Wunsch nicht versteckt, dass Basel eines der neuen Wirtschaftszentren im Land werden will, und platzierte noch einen Werbespruch, den bürgerliche Politiker bestimmt mit ein paar dicken Aber versehen hätten: «Unsere Standort- und Steuerpolitik zieht Unternehmen an, über 300 internationale Headquarters in den letzten zehn Jahren.»

Kritik aus Riehen

Wenn Morin frei reden darf, so wie an jener Herbsttagung, so spricht er mit für einen Grünen unerwarteter Begeisterung von Hochhausbezirken, spricht von verdichtetem Bauen und einer neuen Siedlungsordnung, und das alles in einer Art und Weise, wie sonst nur Architekten von ihren Neubauprojekten schwärmen. Wollten die Grünen in den 80er-Jahren noch das Ozonloch stopfen und den sterbenden Wald retten, so setzt sich Morin heute für Rheinhattan und die Überbauung in Basel Ost ein. Bei so viel sprühendem Städtebaugeist geht unter, dass Morins Rede «den kooperativen Föderalismus» als «Entwicklungshemmnis» einstuft und dass er «das Verständnis und die Akzeptanz für historisch gewachsene Grenzlinien in unserem Lebensraum» verschwinden sieht.

Bereits wird Kritik an dieser Rede laut. SVP-Grossrat Heinrich Ueberwasser wirft Morin vor, er sei voreingenommen und wenig an einer Debatte über andere Modelle interessiert. Die Rede sei ein «undiplomatischer Akt», berge Konfliktpotenzial und gefährde die Wiedervereinigungsabsichten der Basler Halbkantone. «Das Stadtbasler Grossmachtsgehabe ist uns in Riehen leider vertraut», sagt Ueberwasser.

Die Pläne für die Region 2050 gehen noch weiter: Der Regierungspräsident hat sich für diese Rede selber hingesetzt und auch darüber gebrütet, welches politische Fundament das Kons­trukt bräuchte, um das urbane Super-Basel aufbauen zu können: Die Lösung heisst «Metropolkonferenz». Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Genf sollen eine bekommen, und sie sollen künftig nicht mehr bloss Beraterfunktion innehaben wie heute. In der Eidgenossenschaft der Zukunft sind sie mit weit ­gehenden Kompetenzen ausgestattet.

Morin redete nicht offen von der Macht, die Basel erhalten soll, er nennt es lieber die «neue 4. Staatsebene», welche die Metropolräume zusammen bilden könnten. Die Folge könnte ein Staat im Staat sein, zumindest ein neuer Machtapparat, der die bisherige politische Struktur des Bundesstaates von 1848 infrage stellt. Morin sagt es so: «Wo Agglomerationen kantons- oder gar kantons- und landesübergreifend sind, bildet sich ein Druck nach Gebietsreformen.» Wenn Morin seine Fantasie in die Zukunft schweifen lässt, taucht am Horizont «eine einzige deutschschweizerische Grossstadt- Region mit Basel und Zürich als Kernstädten» auf, ja sogar die «Mega-Stadt Schweiz» könnte entstehen. Egal, wie dieser urbane Koloss dereinst heissen mag, Hauptsache, Basel bekommt ein grosses Stück vom Kuchen ab. In diesem Punkt ist Morin wieder ganz im Dienste seines Kantons.

Wenn Morin dann von der «Koordination über Staats- und Gemeindegrenzen hinweg» spricht, lässt er offen, ob Basel auch Lörrach und einen Teil des Elsass einverleiben will, auf jeden Fall sollen «bis 2050 auch Gemeindefusionen stattgefunden haben». Nach der Manier eines sowjetischen Chefplaners, der eine Region für die Zukunft ummodelliert, ohne sich gross darum zu kümmern, wie das bei der Bevölkerung ankommt, heisst es in Morins Rede: «Ein Kranz von zehn Vororten oder mehr ist bis dahin in die Stadt­gemeinde Basel eingemeindet.»

Ein wenig provozieren

Auf die Rede angesprochen, relativiert Morin gegenüber der BaZ seine Aussagen. Er ruft dazu eigens vom Flughafen an. «Es war keine politische Rede, es war ein Referat im Rahmen einer Konferenz, in der ich zum Nachdenken über die Metropolitanregionen in der Zukunft anregen wollte.» Morin gibt zu, dass er mit diesem Referat ein wenig habe provozieren wollen. Es seien Gedankenspiele, die sich auf das Jahr 2050 nach der Fusion zwischen Basel-Stadt und Baselland beziehen würden, sagt er, natürlich wolle er dem «Prozess des Zusammenwachsens» nicht vorgreifen. Aber offensichtlich rechnet er fest damit, dass die Zeit der Halbkantone gezählt ist und sich die Baselbieter Gemeinden den Basler Plänen anschliessen. Insofern sind solche Gedanken in seiner Position durchaus gewagt.

Dass der Weg nur Richtung grössere Zentren mit mehr Kompetenzen gehe, zu dieser Einschätzung stehe er, sagt Morin. Auch zur Aussage, dass die Baselbieter Gemeindestruktur nicht gerade die beste sei. In einer Sache hingegen widerspricht er seinen Kritikern: «Die Grüngürtel um die Stadt, zum Beispiel das Bäumlihof-Areal zwischen Riehen und Basel, werden bleiben, das hat die Regierung auch im Richtplan so festgehalten.»

Morin nennt in seiner Rede Argumente, warum Basel gar keine andere Wahl bleibt, als sich zur Metropolitanregion zu wandeln: Die Geburtenrate der Schweizer nimmt ab, die Bevölkerung wird durchschnittlich immer älter, die Bedürfnisse an Wohnraum in der Stadt werden zunehmen und sich wandeln. Wenn Basel nicht wächst, müssen immer weniger für immer mehr bezahlen, die Aufgaben des Staates sowie die Sozial- und Gesundheitskosten wären nicht mehr zu berappen. Der Schweizer Arbeitsmarkt sei auf einen vergleichsweise hohen Anteil von Expats angewiesen, meint Morin. «Neben vielen Europäern werden Amerikaner, Asiaten und Latinos in unseren Metropolen und Städten deutlich zunehmen», sagt er.

Der Regierungspräsident schlägt die Multikultigesellschaft als Lösung vor. Zuwanderer sollen ein immer wesentlicherer Teil unserer Gesellschaft werden, «in Bezug auf Nachwuchs oder aber auch als Arbeitskräfte». Und Morin erinnert an die Tatsache, dass Ballungszentren eine Sogwirkung haben. «Die Alternative wäre ja nur eine Dezentralisierung, und diese würde die Zerstörung von Grünraum in der Schweiz bedeuten. Da stelle ich mich klar dagegen», hält der Regierungspräsident fest.

Was das Referat nicht behandelte, war, ob 40 Jahre ausreichen, um Basels Infrastruktur auf eine solche Grossstadt-Region vorzubereiten. Und ganz nebenbei, ob sich im Baselbiet eine politische Mehrheit findet. Doch Träumen ist erlaubt, auch von einem Basel mit der Ausdehnung und dem Einfluss wie im Mittelalter.

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