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Grönemeyer und menschliches Kapital

Bei der Basler Handelskammer treffen sich die Regio-Kapitalisten und verwirrte Sozialisten zu Bier und Wein.

MeinungSerkan Abrecht
Elisabeth Schneider-Schneiter, Patrick Warnking und Martin Dätwyler (v.l.n.r.) schauen das HKBB-Propaganda-Video. Fotos: Nicole Pont
Elisabeth Schneider-Schneiter, Patrick Warnking und Martin Dätwyler (v.l.n.r.) schauen das HKBB-Propaganda-Video. Fotos: Nicole Pont

Hier kommen sie alle zusammen, die überzeugten Kapitalisten der Region. Ich meine das nicht abschätzig. Ich glaube, unsere Leser wissen das. Und doch ist der Neujahrsempfang der Handelskammer beider Basel (HKBB) mit seinen Hundertschaften an Anzugsträgern ein merkwürdiger Anlass. 900 Gäste haben sich angemeldet, wie Präsidentin Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP) stolz am Podium verkündet. Nach einem kurzen Einspieler der HKBB betritt sie das Podium, und man hofft, dass es nach diesem misslungenen Filmchen nur noch besser werden kann.

Darin geht es mehrheitlich darum, dass HKBB-Direktor Martin Dätwyler auf irgendwelche Dinge zeigt und von Innovationen spricht, Luca Urgese (FDP), der bei der Handelskammer arbeitet, künstlich in die Kamera lächelt und Davidoff-Chef Beat Hauenstein das höchst umstrittene Rahmenabkommen mit der EU anpreist, während er von einem Teleprompter abliest, was dem Basler Journalisten Peter Knechtli natürlich sofort auffällt. Bei seiner Lobhudelei auf die EU steht der Mann vor einem Humidor voll mit teuren Zigarren – was für ein passendes Bild für diese Rahmenabkömmler. Schneider-Schneiter zitiert in ihrer Rede aus Herbert Grönemeyers «Mensch» und missbraucht dafür den Song, um das «menschliche Kapital» zu preisen. Dass mir eine CVPlerin einen Ohrwurm verpasst, kommt auch nicht alle Tage vor.

Hans-Peter Wessels (M.) mit Baschi Dürr (l.) und «Papa» Werner Blatter.
Hans-Peter Wessels (M.) mit Baschi Dürr (l.) und «Papa» Werner Blatter.

Nach der Rede stelle ich Adil Koller (SP) mein neues HKBB-Motto vor: «Sie brauchen keine Selbstbestimmung, Sie brauchen keine soziale Absicherungen, Sie brauchen nur Geld. Kommen Sie zur HKBB.» – «Du bist ja richtig kapitalismuskritisch.» – «Ich habe meine Momente.» Koller bugsiert mich an einen Tisch, wo Juso-Chef Nino Russano steht, und lässt mich allein. So stark ist mein «Moment» aber doch nicht, dass ich meinen Abend mit überzeugten Sozialisten (was macht der eigentlich bei der HKBB?) verbringe.

Am Bierstand stehen bereits die Magistraten Baschi Dürr (FDP), Hans-Peter Wessels (SP) und Christoph Brutschin (SP). «Warten Sie», sagt Wessels, «ich hole zuerst ein Bier, und dann dürfen Sie ein Foto von mir machen.» Mit drauf kommt auch noch Journalist Werner Blatter, der glatt als Dürrs Vater durchgehen könnte, wie mir an diesem Abend auffällt. Luca Urgese gibt es übrigens nicht nur auf der Leinwand zu sehen. Auch in Original und High Definition ist er anzutreffen.

Bürgerliche Boygroup: Der «hippe» Balz Herter, Luca Urgese und Joël Thüring (v.l.n.r.).
Bürgerliche Boygroup: Der «hippe» Balz Herter, Luca Urgese und Joël Thüring (v.l.n.r.).

Ich zettle eine Diskussion zwischen ihm und SP-Fraktionschef Thomas Gander an, nur um mich schelmisch grinsend davonzuschleichen und mit Balz Herter (CVP) und Joël Thüring (SVP) ein Bier zu trinken. Herter will die CVP auf «hip» trimmen und geht mit gutem Beispiel voran. Er hat sich einen modischen Bart wachsen lassen und trägt auch keinen dieser profanen Anzüge von der Stange. Ich sage Thüring, dass er sich ein Beispiel an Herter nehmen soll. Er schaut aber nur auf seinen dunklen Anzug und seine Lackschuhe und zuckt mit den Schultern.

Mittlerweile hat sich Jérôme Thiriet (GB) dazugesellt, und Gander und Urgese haben aufgehört zu streiten. Ich frage Thiriet, als Chef der Kurierzentrale notabene erfolgreicher Unternehmer, weshalb er nicht bei der FDP mitmischt. Urgese nickt zustimmend. Gander ist neuerdings Angestellter bei Thiriet. Aber nicht als Velokurier, sondern im Büro. Beflissen fragt er, ob er seinem Chef etwas zu trinken holen soll. Doch Thiriet trinkt nur Wasser. «Der Kater lohnt sich in meinem Alter nicht mehr.»

Zwei «Gwärbler» scheinen sich zu mögen: Sabine Pegoraro und David Weber.
Zwei «Gwärbler» scheinen sich zu mögen: Sabine Pegoraro und David Weber.

Auch Zolli-Direktor Olivier Pagan ist eingetroffen. Er trägt eine hübsche Krawatte mit Krokodilen und einen Lions-Club-Button am Revers. Ganz der Zolli-Chef. Er war übrigens Tierarzt in der Armee und freut sich über meine Kolumnen. Ich danke ihm und sage, dass ich mich über ein Ozeanium freuen würde. «Das ist nun vom Tisch.» – «Ein schöner Hai wäre doch was für den Zolli.» – «Nein, wir konzentrieren uns ganz aufs neue Vogelhaus.» – «… aber ein paar Mantarochen wären ja schon spektakulär.» – «Vögel, Herr Abrecht! Vögel!»

Gerne hätte ich noch Patrick Warnking, Chef von Google Schweiz, gefragt, ob die meine Daten auch wirklich löschen. Aber der Mann ist leider schon gegangen. Alt-Regierungsrätin Sabine Pegoraro(FDP) gönnt sich derweil mit Gewerbeverbands-Sprecher David Weber einen Drink. Ich mache auch noch mit, frage mich aber, ob ich nicht Thiriets Beispiel folgen soll. Zu spät: Prost auf die Regio-Kapitalisten.

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