Generation Komfort

Gruppendruck oder weshalb man beim Klimastreik nicht mitmachen sollte.

Helft der Jugend, sich selbst zu hinterfragen. In Massen marschierten Basler Jugendliche am Freitag einer Meinung hinterher.

Helft der Jugend, sich selbst zu hinterfragen. In Massen marschierten Basler Jugendliche am Freitag einer Meinung hinterher.

(Bild: Dominik Plüss)

Serkan Abrecht

Dezemberabend. Zum ersten Mal schneit es richtig in Basel. Eine feine Schicht Pulver sammelt sich auf den Dächern der ehemaligen Klosterkirche. Drinnen gibt es eine Abschiedsparty. Die Künstler mit ihren Ateliers müssen ausziehen, weil das Gebäude umgebaut wird. Im Eingangsbereich wird geraucht. Vor der Tür zum Saal, aus dem schon dröhnende Elektromusik und das Lachen von jungen Menschen nach draussen dringt, steht eine Türsteherin. Eine junge Frau, vielleicht knapp 20 Jahre alt.

«Bevor ihr hineindürft, muss ich euch auf die Regeln aufmerksam machen. Es ist nicht erlaubt, Leute wegen ihres Geschlecht, ihrer sexuellen, religiösen und politischen Ausrichtung und ihrer Herkunft zu diskriminieren. Auch Trans- und Homophobie ist nicht erlaubt. Habt ihr verstanden? Gut. Viel Spass.» Sie öffnet die Tür, und eigentlich will ich erwidern: «Als wäre es überall in der Stadt erlaubt, wahllos Menschen zu diskriminieren.» Ich schweige. Ich bin mit Freunden hier.

Der Abend zieht sich relativ harmlos hin, bis mich ein blondes Mädchen bei einer Rauchpause anspricht. «Du arbeitest doch bei der BaZ? Was machst du hier?», fragt sie mich erbost. «Trinken», antworte ich lapidar. Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor, aber ich finde keinen Namen dazu. «Hier hast du nichts zu suchen. Wir wollen dich hier nicht.» Weshalb nicht? «Wegen deiner politischen Ausrichtung.» Ich sage ihr, dass sie mich in Ruhe lassen soll. Ich sei nicht beruflich unterwegs. Sie läuft in die Mitte der Eingangshalle und verkündet jedem, der es hören will, dass ich bei der Basler Zeitung arbeite.

Klimaerwärmung und Bush

Dutzende Augen auf mich gerichtet. Hasserfüllte Gesichter. Ein junger Mann, gut einen Kopf kleiner als ich, springt mit drohendem Blick herbei. Meine Freunde bemerken den Rummel. Einer stellt sich zwischen mich und den wütenden Linken. «Der soll von hier verschwinden!» Der Kollege versucht zu beschwichtigen: «Lasst ihn in Ruhe. Er ist privat hier. Ich bin ja auch nicht einverstanden mit dem, was er schreibt.» Ich nehme ihm den letzten Satz nicht übel. Er muss das sagen.

So viel zum Zustand der jüngeren Gesellschaft in Basel. Über tausend Schülerinnen und Schüler marschierten am Freitag durch die Strassen, um gegen die Klimaerwärmung zu protestieren. Trotz Warnung des Erziehungsdirektors, dass man für dieses Gebaren unentschuldigte Absenzen aussprechen werde – den Jugendlichen ist es egal. Zu stark ist das Bedürfnis, etwas tun zu müssen – für ihre Zukunft in einer Welt, die sonst vor die Hunde gehen würde.

Ich ging selbst auf die Strasse. Um gegen die US-Truppen im Irak und Afghanistan zu protestieren. Gegen Israel und für Palästina. Der Irakkrieg politisierte meine Generation – und viele meiner Bekannten denken und leben heute noch so wie vor zehn Jahren. Weil sie sich keine Gedanken gemacht haben. Nie darüber nachgedacht haben, dass das meiste, was wir über den Nahost-Konflikt zu wissen dachten, nur antiamerikanische Propaganda war. Dass die USA dort gegen einen wahnsinnigen Massenmörder vorgingen – es war uns egal.

Der linke Pfad

Saddam Hussein war ein kleineres Übel als George W. Bush. Mir war damals auch nicht bewusst – und es wäre mir auch egal gewesen –, dass ich mich mit Menschen solidarisierte, deren politische Priorität die Vernichtung der Juden im Nahen Osten ist.Angekommen an einer Kreuzung marschierten einige Mitschüler nach links, und wir gingen ohne zu hinterfragen wie Lemminge hinterher, ohne zu schauen, was denn der mittlere oder der rechte Pfad für uns zu bieten haben könnte. Der linke Pfad war einfach schön. Geschmückt mit Moral, Humanismus, Liebe, Toleranz und gepflastert mit den roten Steinen des «besseren», alternativen Lebensstils.

Die Geschichte wiederholt sich. Ich fühle mich beim Anblick dieser Jugendlichen an meine Teenager-Zeit erinnert. Nicht hinterfragen. Wenn sich alle über Bundesrat Blocher lustig machen, muss ich das auch. Sonst falle ich auf. Wenn alle sagen, in zehn Jahren würden unsere Polkappen schmelzen und wir alle elendiglich ersaufen, dann schmelzen die Polkappen auch in zehn Jahren – und das will niemand.

Wenn eine junge Grünen-Grossrätin zur Demo aufruft und Bilder von Eisbergen auf Facebook stellt, die sich angeblich in zehn Jahren komplett aufgelöst haben, dann fühlen sich die Jugendlichen bestätigt in ihrer Meinung. Bestätigt, das Richtige zu tun. Dass die Bilder, die sie geteilt hat, gar nicht zehn Jahre auseinanderliegen und von völlig unterschiedlichen Orten auf dieser Welt stammen – das wird nicht hinterfragt. Zu schön ist die Einfachheit der Botschaft.

Die Klimaerwärmung findet statt, das bestreitet niemand, der bei klarem Verstand ist. Nur die Ursachen und die jeweiligen Massnahmen gilt es zu hinterfragen. Die USA haben Menschenrechtsverbrechen begangen. Verurteilungswürdig. Aber es gilt, die Relationen zu wahren. Die Hintergründe zu kennen. Wieder funktioniert nur die Einfachheit der Botschaft.

Toter Fisch

Man teilt auf Facebook und Instagram Videos von einem aufgeschlitzten Fisch, in dessen Magen sich Mikroplastikkügelchen befinden, und schaukelt sich dann zu einem gemeinsamen Hass auf internationale Konzerne hoch. Dass man den Fisch zuerst töten und aufschneiden musste, damit man die winzigen Plastikkügelchen in seinem Bauch sieht, weil der Fisch die vielleicht sonst einfach ausgeschissen hätte – daran denken die Jungen nicht. Mikroplastik heisst aus einem bestimmten Grund nicht Makroplastik. Dasselbe mit dem herzzerreissenden Video eines verhungernden Eisbären in einer eislosen Steppe und dass an dessen Leiden der Klimawandel schuld sei – der Bär war einfach krank.

Es ist eine teils plumpe Propaganda, die auf unsere Jungen einwirkt, und es ist trotzdem verständlich, und es ist leicht, dass sie sich von ihr mitreissen lassen – denn sie ist konformistisch. Es ist schwieriger, in einem urbanen und vor allem kleinen Milieu wie Basel mit 16 oder 18 Jahren die Position zu vertreten, dass unsere Welt nicht wegen Dieselautos zugrundegehen wird. Einfach ist, sich für das einzusetzen, was bereits Freunde, Familien und Lehrer für richtig halten.

Krieg, Frieden, Death to America

Hier wieder die Parallele zu meinen Jugendjahren: Berichte von Bushs Lüge zu den angeblichen Massenvernichtungswaffen und den Foltergefängnissen Abu Ghraib und Guantánamo bestärkten uns nur noch mehr im Hass auf die USA. Dass das irakische Regime über Jahrzehnte hinweg Hunderttausende Menschen tötete und Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausübte, wurde ausgeblendet. Krieg ist schlecht, Frieden ist gut und Death to America. Kiffen war eine Lebenseinstellung. Die SVP zu hassen ebenso. Meine Ex-Freundin kam aus einem ähnlichen Milieu. Meine Mutter wählte in meiner Jugend noch konsequent links. Orangen aus Israel waren zu Hause tabu.

Meine ideologische Verblendung gipfelte mit dem Gaza-Konflikt 2008/ 2009. Es war in aller Munde, dass Israel und seine Juden dasselbe täten, was die Nazis mit ihnen getan haben. Beim Mittagessen mit meinem älteren Bruder sagte ich einmal: «Eigentlich sollte man ganz Israel zerbomben.» Sein Blick spiegelte Wut und Enttäuschung. Ein erstes Mal erklärte mir jemand, wer diese Hamas – mit denen sich Teile der damaligen Szene solidarisierten – wirklich ist, was sie tut, was sie will. Ich begann zu hinterfragen. Noch nicht öffentlich, nur für mich alleine.

Sensibilisieren, nicht bestrafen

Das sollten auch die Jugendlichen tun – selbst wenn es schwierig ist. Früher war es üblich, sich gegen die Ideologie des Elternhaus zu stellen. Heute schwatzen die Jungen nach dem Mund ihrer «Atomkraft? Nein danke»-Eltern. Dass die Herstellung von Solarpanels und E-Autos massiv umweltschädlich ist, wird verschwiegen – von ihrem Umfeld, gewissen Medien und in ihren Komfortzonen auf Social Media.

Junge sind grün, aber sie wissen nicht, wie leistungsschwach alternative Energie ist. Junge sind Feministen, aber sie wissen nicht mehr, wer Alice Schwarzer, Alice Paul und Lucy Burns sind. Sie haben sich der Einfachheit des Solidarisch-Seins hingegeben und sind durch die Strassen gezogen. Mit ihnen linke Parlamentarier, die ihren jungen Geist schamlos ausnutzen, um sich mit dem Einsatz für die Rechte der jungen Protestierenden selber zu profilieren.

Was tun? Man darf die Schülerinnen und Schüler nicht bestrafen. Ihre Absenzen gehören entschuldigt. Aber die massive Anzahl der teilnehmenden Demonstranten sollte ein Zeichen sein. Nicht (nur) für den Klimaschutz. Sondern sie sollte auch ein Weckruf für die Gesellschaft sein, dass die Jungen im Umgang mit Informationen, politischer Propaganda und Fake News – nicht nur von rechts – sensibilisiert werden müssen. Das Lemming-Verhalten von letztem Freitag ist vielsagend.

Ein Schulunterricht, der aktuelle Konflikte auf der Welt, gesellschaftliche Themen wie Political Correctness oder eben die Klimaerwärmung sachlich-neutral thematisiert und auf einer klasseninternen Debattenkultur basiert, muss stattfinden. Das hat zu meiner Zeit gefehlt.

Basler Zeitung

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