Freiheit für die Freie Strasse

Der zentralen Einkaufsstrasse Basel geht es nicht gut, sie serbelt, und das kann nicht sein.

Ein dunkler Schatten liegt auf Basels Flaniermeile.

Ein dunkler Schatten liegt auf Basels Flaniermeile.

(Bild: Kostas Maros)

Markus Wüest

Seit am Freitag vor einer Woche bekannt wurde, dass immer weniger Schweizer durch die angebliche Freie Strasse der Stadt flanieren, hat uns das beschäftigt. Dass immer mehr Mieter je eher, desto lieber wegziehen möchten und manche Geschäfte fast schneller wieder schliessen, als sie aufgehen, kann ja die BaZ auch nicht unberührt lassen. Diese angebliche Prachtstrasse, schon sehr früh in den Annalen der Stadt erwähnt, schon früh explizit als Strasse und nicht etwa als Gasse, ist ein Aushängeschild, ein Pars pro Toto. Wie es der Freien Strasse geht, so darf man sagen, so geht es Basel, mindestens der Innenstadt. Und mindestens aus Sicht des Gewerbes.

Die Theorien zu dieser Krankheitsmeldung – auch bei den online-­Kommentatoren, nicht nur bei uns hier auf der Redaktion – sind in den vergangenen Tagen ins Kraut ­geschossen. Die einen sind überzeugt: Würde man wieder mit dem eigenen Schlitten bis vor die Geschäfte fahren können – es käme alles gut. Die anderen sind ebenso überzeugt: auf keinen Fall! Die Parkhäuser sind nah genug, die Distanzen gering, daran kann es unmöglich liegen.

Fest steht: Diese Strasse hat derzeit den Charme eines defekten Kühlschranks, den man möglichst rasch räumen muss, bevor die letzten, guten Waren verderben. Selbst während der letzten Fasnacht ist mir das aufgefallen. Kaum eine Clique macht in der «Freie» länger halt als unbedingt nötig. Alle scheint es weiterzuziehen. Ich war viele Jahre als Berichterstatter während des Stadtlaufs an der Freien Strasse. Letztes Jahr einfach wieder mal als Zaungast dabei. Selbst da kam mir «d Freie» leerer vor als sonst. Immerhin: Zur Weihnachtszeit sieht man die Strasse in einem ganz ­anderen Licht. Die traditionelle ­Beleuchtung tut ihr sichtlich gut.

Aber sonst? Sind Sie schon mal an einem Sonntagnachmittag durch diese alte Lebensader einer alten Stadt gegangen? Tot. Toter als tot. Denn wenn die Läden geschlossen sind, passiert auf den 500 Metern zwischen Bankverein und Märtplatz gar nichts. (Es gibt drei Ausnahmen von dieser Regel: Sie heissen «Bummelsunntig». Dann grüsst man sich dort sogar freundlich und lüpft den Hut.)

Was lässt sich tun? Denn wir wollen nun nicht in Nostalgie verfallen, Knopf, Papyrus, Füglistaller, Rutschbahn im Franz Carl Weber, Botty: War schön, war gut. Ist vorbei.

Also blicken wir in die Zukunft. Und fangen mit einer Marginalie an. Eine Marginalie im räumlichen Sinn. ­Etwas, das am Rand steht also. In diesem Fall am äussersten Rand der Freie Strasse. Genauer: am Rand des Marktplatzes. Dort, wo der Interdiscount bis vor kurzem Fotoapparate, Tumbler, Epiliergeräte und Drucker feilbot, soll schon bald ein Hotel hinkommen. Also Menschen. Also Menschen, die unsere Stadt besuchen kommen und Zeit haben, sie sich ausgiebig anzusehen. Und es ist zu hoffen, dass diese Transformation von Elektrogrosshandel zu Herberge einen positiven Effekt auch auf die Freie Strasse haben wird.

Denn woran sie meines Erachtens am meisten krankt: An Menschen, die mit Genuss verweilen. Wenn doch die Autos schon weg sind, wie sich das für eine Kernstadt heute gehört, müsste man sie doch in Beschlag nehmen. Rausstuhlen, hinpflatschen, diskutieren, schwadronieren, jubilieren – ­musizieren? Der arme «Schlüssel» ist derzeit der einzige Lichtblick im langen, kargen Flur. Das müsste ändern. Anstatt des 5317. Kleider­ladens täten drei weitere Hotels, 14 Restaurants und mindestens eine Musik-Bar not. Der Schlüssel könnte der Schlüssel sein.

Leben müsste Einzug halten. Das heisst, die Durchmischung müsste anders aussehen. Nichts gegen den Apple-Store – immer voll –, nichts gegen Zara – immer voll –, nichts gegen eine gute Buchhandlung, einen Vollshoppingladen wie den Pfauen, aber es braucht nicht more of the same, das bringt wahrscheinlich keine Heilung. Im Grunde ist es das Tempo, das sich verändern muss. Die Verweildauer. Also nicht hopphopp mit dem dicken Portemonnaie rein und, zack, zack!, mit den vollen Einkaufsguggen raus und schnell, schnell heim. ­Sondern geniessen. G e n i e s s e n.

Die Freie Strasse mag, vor allem im untern Teil, nicht von den schönsten Häusern ever gesäumt sein, aber wüst ist sie beileibe auch nicht. Wäre der Belag ein anderer, wäre man vor rasenden Velölern und irren Trottirowdys sicher, man könnte durchaus Spass an der Sache kriegen.

Die «Steine» ist die Unterhaltungsmeile, unbestritten. Da geht was. Da passiert was. Der Barfi ist der Treffpunkt. Die Gerbergasse entwickelt sich zu einer kleinen Gastromeile. Und die Freie Strasse braucht dringend eine andere Identität als bloss die «Ladenstrasse», sonst geht es nur noch weiter mit ihr bergab.

Das wird was kosten. Aber bevor man stumpfsinnig weitere Millionen ins nahe Ausland verschenkt, und denen dann die Kunden auch gleich noch mittels staatlich finanzierter Tram­linien vor die Eingangstüren wesselt, könnte man ja für die Hiesigen was tun. Oder?

Und das Einkaufen, wenn wir schon am Träumen sind, müsste wieder zum Erlebnis werden. Schöne Läden mit Platz statt dauerreduziertem Ramsch, kompetentes, freundliches Personal, vielleicht Spezialläden wie ein richtig guter Schuhmacher, ein Comestibles, ein «Delicatessen», wie die Amerikaner sagen würden, eine Metzgerei, eine Galerie, Gott bewahr: ja, eine Galerie! Das wärs doch.

Pars pro Toto habe ich geschrieben. Wahrhaftig. Wir Basler müssten vielleicht ohnehin wieder ein bisschen mehr geniessen und schlendern und schneuggen. Statt dem Minipreis im Miniprix nachzujufeln.

Fast hätte ich geschrieben, es bräuchte eine Tramlinie, die die Freie Strasse abfährt. Die würde ja zu Bewegung führen. Aber vergessen Sie es wieder. Eine Schnapsidee, mehr nicht. Oder ein Bächlein. Ein Bächlein, dass das Gefälle nutzt und vom Bankverein zum Märtplatz plätschert.

Die Gedanken sind frei. Sei es auch diese Strasse wieder.

Basler Zeitung

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