Fotosammlung sucht neue Bleibe

Knapp neun Jahre nach Eröffnung der Fondation Herzog auf dem Dreispitz-Areal sind Ruth und Peter Herzog mit ihrer weltbedeutenden Fotosammlung dort ausgezogen und auf Heimatsuche.

Ansicht des Münsters: Dieses Bild (eine Kalotypie), das Henri Le Secq zugeschrieben wird, entstand um 1850 und gilt als eine der frühesten Aufnahmen aus Basel.

Ansicht des Münsters: Dieses Bild (eine Kalotypie), das Henri Le Secq zugeschrieben wird, entstand um 1850 und gilt als eine der frühesten Aufnahmen aus Basel.

(Bild: Sammlung Herzog)

Die gute Nachricht zuerst: Die Fotosammler Ruth und Peter Herzog bleiben ihrer Leidenschaft treu. Sie können auch nach fast vierzig Jahren fieberhafter Fotosuche das Sammeln nicht lassen. Nach dem Verkauf und der teilweisen Schenkung einer zweiten Tranche mit 30 000 historischen Schweizer Fotografien an das Landesmuseum in Zürich vor rund zwei Jahren – die erste Tranche mit 70 000 Bildern ging bereits 1994 an dieselbe Institution – haben sich die Herzogs schon wieder neue, bedeutende Schweizer Fotografien für ihre Fondation erstanden und das Geld, das sie beim Verkauf erhalten hatten, in dieselbe Materie reinvestiert.

So erstanden die Herzogs unter anderem beeindruckende Porträts aus einem Entlebucher Dorf von Karl Meuser, ein Bild des Basler Münsters (siehe oben), das Henri LeSecq (1818–1882) zugeschrieben wird und wohl eine der ersten Fotografien aus dieser Stadt ist. Daneben legen sie den Sammlungsschwerpunkt auf frühe Farbfotografie und Schnappschüsse.

Die Schweizer Fotografie macht nur einen Teil der Sammlungstätigkeit aus. Immer mehr, so erzählt Peter Herzog, hat es ihm auch die Wissenschaftsfotografie angetan, deren Ergebnisse heute Kunstcharakter haben. Als Beispiel dafür erwähnt er eine Serie von Schneekristall-Aufnahmen des Amerikaners Wilson A. Bentley (1865–1931), die um 1900 entstanden sind oder auch verschiedene frühe teleskopische Fotografien des Weltalls.

Transformation

Diese Bilder zeigen die Herzogs ihren Besuchern in ihren Privaträumen an der Missionsstrasse. Bis im Mai letzten Jahres konnten sie dies an der Oslostrasse 8 auf dem Dreispitz tun. Quasi über Nacht verliessen sie die 200 Quadratmeter grossen Räumlichkeiten, die vom Büro Herzog & de Meuron gestaltet (Jacques Herzog ist Peters Bruder) und im April 2002 im Beisein zahlreicher Prominenz eingeweiht wurden. Neben zwei Ausstellungsräumen stand auch ein dritter Raum für die Aufbewahrung der Fotografien in Kompaktus-Anlagen sowie für eine Präsenzbibliothek und einen Arbeitstisch zur Verfügung.

Grund für diesen fluchtartigen Wegzug seien die Bauarbeiten im und um das Gebäude herum gewesen, sagt Herzog. Die Christoph Merian Stiftung (CMS) erstellt neue Atelierwohnungen und beginnt mit der Umgestaltung des Areals. So findet die allmähliche Transformation zum «Campus des Bildes» auf dem Dreispitz ohne die bedeutendste Sammlung historischer Fotografie in der Schweiz statt. In den ehemaligen Räumen der Herzogs hat sich inzwischen – Ironie der Geschichte – eine Fotogalerie eingenistet. Und ab Ende Mai will die CMS gleich daneben mit «Oslo10» jungen Kuratoren einen Raum für Experimente zur Verfügung stellen.

Es war aber auch eine Flucht auf Raten des Sammler-Ehepaars. Bereits im Februar 2009 hatte Peter Herzog gegenüber der BaZ seine Pläne für einen Umzug angedeutet. Neben den drohenden Bauarbeiten war es vor allem die periphere Lage des Areals, die ihm Kummer bereitete. Gleichzeitig dachte Herzog auch laut darüber nach, die Sammlung, die rund 300 000 Bilder umfasst, auf ein «überschaubares Mass» zu verkleinern, auf etwa 3000 wichtige Bilder und 300 Alben. Er müsste zwar Abschied nehmen von seiner Idee einer «Alexandria Bibliothek», könnte aber dennoch über eine gültige Geschichte der Fotografie verfügen.

Generell zeigte sich Herzog damals enttäuscht: Enttäuscht darüber, dass Kosten und Umfang der Tätigkeit der Fondation in der Heimatstadt weniger gebührend gewürdigt würden als anderswo. Ernüchtert darüber, dass der Stiftungsrat «trotz grosser Bemühungen» weniger bewirken konnte als erhofft.

Provisorium

Angesichts der aktuellen Situation ist die Verkleinerung der Sammlung wieder eine Option für die Herzogs. Ihre Sammlung ist derzeit provisorisch in den sicheren Archivräumen der UBS untergebracht und in den Kompaktus-Anlagen, die sich beim Transportunternehmer Josy Kraft auf dem Dreispitz befinden.

Die Basler Kulturpreisträger des Jahres 2000 suchen nun dringend nach neuen Räumlichkeiten. 300 bis 400 Quadratmeter Fläche sollen es sein, wenn möglich in der Nähe des Stadtzentrums. Kürzlich standen sie kurz vor der Vertragsunterzeichnung für ein neues Sammlungsdomizil, der Deal platzte aus formalen Gründen in letzter Minute. Nun hoffen die Herzogs, dass das berühmte Basler Mäzenatentum in die Bresche springen wird. «Sollten wir nichts finden, müssen wir die Sammlung auf ein Mass zurückstutzen, das wir privat bewirtschaften können.»

Attraktion

So bleibt es zunächst beim Provisorium. Das macht die Bewirtschaftung der Sammlung nicht leichter. Immerhin bringt es den Vorteil mit sich, dass bekannte Wissenschaftler und Fotohistoriker zu Besuch kommen und sich die Bilder auf dem Wohnzimmertisch anschauen können oder sich Ausstellungsmacher aus Köln (Museum Ludwig) und Essen (Folkwang) direkt im Haus nach Leihgaben erkundigen können.

Die grosse Attraktion für die Fotohistoriker ist derzeit eine Daguerreotypie von Charles Nègre (1820–1880), die den Fotografen in einem sogenannten Zauberspiegel zeigt, der sein Antlitz elffach wiedergibt – ein Fundstück erster Güte, das bei einer Auktion locker einen siebenstelligen Betrag lösen würde.Doch diese Aufnahme gehört zum Kern der Sammlung, den die Herzogs unbedingt erhalten wollen. Für die Zeit, so Peter Herzog, in der die Stadt endlich erkenne, dass sie eine wichtige Fotostadt sei.

Basler Zeitung

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