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Fernsehen macht aus Basel drei Dörfer

Die Dokuserie «SF bi de Lüt» wird der Stadt nicht gerecht. Die Bilder von Basel sind spektakulär, aber die Geschichten über die ausgesuchten Protagonisten sind harmlos.

Wenig Tiefe. Eddie Eymann könnte eine spannende Figur sein – die Zuschauer lernen ihn dennoch kaum kennen.
Wenig Tiefe. Eddie Eymann könnte eine spannende Figur sein – die Zuschauer lernen ihn dennoch kaum kennen.
Matthias Willi

Ob er sich ungerecht behandelt fühle? «Nein, das wäre übertrieben», sagt Hüseyin Akin. Akin ist einer von neun Baslern, die für die Dokuserie «SF bi de Lüt – Unsere Stadt» vor der Kamera standen. «Integration ist eine Frage von Respekt», sagte er in der ersten Folge, die vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde. Eine recht offensichtliche Aussage, findet auch Akin, der den Zuschauern des Schweizer Fernsehens (SF) das Kleinbasel näherbringen soll. «Alles andere hat man mir rausgeschnitten», sagt er.

Dabei hatte er viel zu erzählen. Akin weiss, wie es beim Fernsehen läuft: Zu Beginn der 90er-Jahre arbeitete er für die «Rundschau» als Journalist und später als Türkei-Korrespondent für das Schweizer Fernsehen. Dem dreiköpfigen Fernsehteam, das ihn begleitete, berichtete der 51-Jährige zum Beispiel von türkischen Migranten, die nur deutsch sprechen, wenn sie mit den Behörden zu tun haben. «Sonst gehen sie zum türkischen Coiffeur, zum türkischen Lebensmittelhändler, zum türkischen Metzger», sagt Akin.

Aussagen, die Zündstoff bergen. Und offensichtlich Themen, welche die Macher von «SF bi de Lüt» nicht interessierten. In den bisherigen beiden Folgen ist Akin eine Randfigur, die die Zuschauer zum Coiffeur mitnimmt und zu Rosario, dem Schuhmacher. Mehr ist da nicht. Dabei hat sich Akin in den letzten Jahren als Dokumentarfilmer einen Namen gemacht und sich immer wieder mit Migranten, ihren Geschichten, Sorgen und Problemen beschäftigt. «Es tut mir nicht weh», sagt Akin darüber, dass er bisher nur sehr wenig Bildschirmpräsenz hatte. «Aber es ist schade, dass das migrantische Basel fast keine Rolle spielt.»

Grossstadt spielt keine Rolle

Das ist eines der Probleme dieser Staffel von «SF bi de Lüt». Die spektakulären Bilder, die das SF von Basel geschossen hat, sind wunderschön. Aber die Geschichten, die über die ausgesuchten Protagonisten erzählt werden, sind im besten Fall harmlos. Dass Basel für Schweizer Verhältnisse eine Grossstadt ist, in der fast 200 000 Menschen leben, die an der Grenze zu Frankreich und Deutschland liegt, deren Lebensader der Rhein ist, dass es Jugendliche gibt, den Daig und eben Migranten – das alles spielt in den ersten beiden Folgen keine Rolle.

Martin Wittlin, der Abwart des Thiersteinerschulhauses im Gundeli, ist in den letzten beiden Wochen zum heimlichen Star der Sendung geworden. «Uns hat man gesagt, das interessiere die Leute nicht», sagt Wittlin über die ignorierten Erzählmöglichkeiten. Das SF-Team habe ihm erklärt, dass die Geschichte der Protagonisten aus den drei Quartieren Gellert, Kleinbasel und Gundeli nicht als die Geschichte einer Stadt erzählt werden sollen. Sondern wie die von Menschen aus drei Dörfern. Das merkt man der Sendung an.

Dennoch war «SF bi de Lüt» für Wittlin eine «tolle Erfahrung». Seit ihm im Film beim Anblick seines Schulhauses die Tränen in die Augen gestiegen sind, wird er überall angesprochen. «Sogar als wir übers Wochenende in unserem Häuschen im Entlebuch waren, haben mich die Leute erkannt.»

Ähnlich ergeht es Eddie Eymann. Der Zen-Mönch und Tramfahrer wird seit dem Beginn der Basler Version von «SF bi de Lüt» täglich Dutzende Male erkannt. «So oft wie in den letzten Wochen wurde mir noch nie ein schönes Wochenende gewünscht», erzählt er.

Die Grenzen des Formats

Er habe vor allem gehofft, etwas Werbung für den Tempel seiner Gemeinde zu machen. Ihm sei schon klar, dass man die Frage, warum ein in der Schweiz geborener und aufgewachsener Mensch wie er Zen-Mönch wird, nicht innert drei 45-minütigen Sendungen beantworten könne. «Aber man hätte ein paar Fragen aufwerfen können.» Wichtig ist Eymann, wie Akin und Wittlin auch, dass das SF-Team, das ihn begleitet hat, «sehr angenehm» war. «Die haben gute Fragen gestellt.» Nur schafften es wie bei Akin viele Antworten und Themenbereiche gar nicht erst auf den Bildschirm. Dem Vernehmen nach kam bei «SF bi de Lüt» als Experiment erstmals eine sogenannte Endschnittredaktorin zum Einsatz. Diese ist bei den Sitzungen des Produktionsteams dabei, vor Ort aber nicht. Sie soll aus der Perspektive des Zuschauers den Rahmen der Story im Auge behalten: Am Ende schneidet sie das Material, das ihr die Teams aus Basel in einer roh geschnittenen Fassung zurückbringen, zusammen – oder eben noch einmal ganz neu, wie es bei Teilen der Staffel der Fall ist.

Beim SF wird dementiert, dass es sich dabei um ein Experiment handle. Die Technik sei seit sechs Jahren und der ersten «SF bi de Lüt»-Sendung üblich. Davon abgesehen: «In den USA und in Deutschland ist das Usus», sagt SRF-Sprecher Marco Meroni dazu. Experiment hin oder her: Ob der angewandten Produktionstechnik ist es wenig erstaunlich, dass von der Equipe vor Ort eingefangene Zwischentöne verloren gehen. Wenn man Akin und Eymann glauben darf, dürfte sich die Endschnittredaktorin hauptsächlich auf eines konzentriert haben: dass sich von den vielen Zuschauern zur Primetime um 20 Uhr möglichst keiner erschreckt.

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