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Felle einspannen, Seile nachziehen

Kurz vor der Fasnacht arbeitet Walter Büchler in seiner Trommelbaufirma praktisch rund um die Uhr.

Der Basler Trommelbauer Walter Büchler baut eine Trommel mit flinken Händen in einer Stunde zusammen. Die BaZ hat ihm über die Schulter geschaut.

Das Schwungrad brummt. Es baut den nötigen Druck in der Metallfalzmaschine auf. Der alte Apparat stammt von der Firma Stebler aus Nunningen. Sie hatte es für die Herstellung von Büchsen und Kesseln gebraucht. Nun steht sie in Basel im Trommelbau-Atelier von Walter Büchler (56), der damit Metallbleche zu Trommelkesseln formt. Büchler führt die beiden Enden des gerollten Blechs auf eine Schiene. Mit dem Fuss betätigt er ein Pedal. Ein Stoss. Ein Druck. Ein lauter Schlag. Die beiden Enden sind der Länge nach fest ineinander verhakt. Der Trommelkessel in seiner Grundform ist fertig.

Zwischen 70 und 100 Trommeln fabriziert Büchler aus solchen Metallkesseln jährlich in seinem Atelier an der Allschwilerstrasse 34. Nochmal so viele produziert er aus Holzbrettern.

Neben der Schlebach AG ist die Firma Büchler Trommelbau heute in Basel die einzige, die Trommeln und Basstrommeln herstellt. In früheren Jahrzehnten gab es noch die Ateliers von Fredy Werber, Alfred Sacher und Ruedi Wyss. Sie alle sind verschwunden. Das Inventar von Wyss ging an die Schlebach AG. Die Firma Sacher fusionierte als André Steiner Trommelbau mit der Firma von Walter Büchler, und ging im Jahr 2003 vollständig in dieser auf.

Aus der Not entstanden

Zurzeit ist Walter Büchler praktisch rund um die Uhr beschäftigt. Wohin man in seinem Geschäft schaut – überall Trommeln; Trommeln aus Holz, Aluminium und Messing. Sie stapeln sich vorne im Ladengeschäft und hinten im Atelier: Jetzt, kurz vor der Fasnacht, wollen viele Tambouren noch ihr Instrument revidieren lassen: kaputte Strupfen und Tragriemen ersetzen, neues Fell einspannen, Trommelseil nachziehen.

35 Jahre ist es her, dass Büchler sein Geschäft eröffnete. Damals war es aus einer Not entstanden. Büchler hatte Maschinenbaumechaniker gelernt und als Flugzeugmechaniker gearbeitet. «Diese Branche ist immer wieder wirtschaftlichen Schwankungen ausgesetzt», sagt Büchler. «Zu meiner Anfangszeit als Flugzeugmechaniker war gerade eine Baisse; ich musste mich nach etwas Neuem umschauen.»

Zu kleines Atelier

An der Austrasse 45 eröffnete er eine bescheidene Werkstatt und baute dort die ersten Trommeln für einen kleinen Kundenstamm; daneben gab er Trommelstunden. «Es dauerte drei bis vier Jahre, bis ich in dieser Branche vollberuflich tätig sein konnte.»

Als die Nachfrage grösser und das Atelier zu klein wurde, wechselte er in die Nachbarliegenschaft Austrasse 43 und richtete dort zusätzlich einen Verkaufsraum ein. 1997 kam eine firmeninterne Schreinerei hinzu, die es ihm seither erlaubt, Trommelkessel aus Holz selber herzustellen. Und zwei Jahre später schaffte sich Büchler noch zwei Metall-Umform-Maschinen für das Aufziehen von Trommelfellen an.

Das stetige Wachstum der Firma machte 2009 einen erneuten Umzug nötig – diesmal gleich um die Ecke an die Leimenstrasse. Seit 2014 ist Büchler mit seiner Firma nun an der Allschwilerstrasse ansässig, wo ihm ein geräumiges Atelier zur Verfügung steht – während sich die Schreinerei noch am ursprünglichen Standort befindet.

Dägg-dä-dägg

Dägg-dä-dägg – dägg-dä-dägg. Mitarbeiter Lukas Hirt schlägt mit einem Schlegel laut und leise auf ein Trommelfell. Er hat das Instrument eines Kunden revidiert und kontrolliert nun, ob das Saitenband, das auf dem Resonanzfell liegt, richtig eingestellt ist. Danach stanzt er an einer Maschine Lederstrupfen und andere für Trommelaccessoires nötige Lederteile aus.

Hirts Arbeitskollege Reto Lippold sitzt mit einem Klebeband am Tisch daneben. Das Band ist für Tommelreifen bestimmt, die noch mit schwarzen, schräg liegenden Streifen bemalt werden müssen. Mit einer Schablone hat er die Markierungslinien bereits gezeichnet. Nun klebt er das Band als sichere Begrenzungslinie auf, um später die schwarze Farbe aufzutragen.

Handwerkliche Präzision und instrumentale Qualität: Sie sind entscheidend – und bei Büchler offensichtlich in hohem Masse vorhanden. Sonst hätte das weltweit auftretende Old Guard Fife and Drum Corps, die Garde des amerikanischen Präsidenten, nicht auf den Basler Trommelbauer gesetzt, als es darum ging, neue Trommeln anzuschaffen. Nach einem einjährigen Auswahlverfahren beschlossen die Amerikaner, 20 Holztrommeln von Büchler herstellen zu lassen. Dieser Entscheid hat auch andere ausländische Tambourenformationen aufhorchen lassen und bei Büchler zu weiteren Aufträgen geführt. Trotzdem ist die Produktion für das Ausland relativ bescheiden: Sie macht 10 Prozent aus. Die grossen Abnehmer sind mit 70 Prozent die Basler; in die übrige Schweiz verkauft Büchler 20 Prozent der von ihm hergestellten Trommeln.

Schön und wertvoll

Von einem Regal zieht Büchler ein unscheinbares, ja geradezu billig wirkendes Brett aus Birkenholz hervor. Es ist 2 Millimeter dick, 127 Zentimeter lang und 40 Zentimeter breit. Man kann sich kaum vorstellen, dass daraus einmal eine stabile Trommel werden soll. Es ist das darauf applizierte Furnierholz, das den Kessel zu dem macht, was er später sein wird: schön und wertvoll. Gefragt ist vor allem hübsch gemasertes Furnier aus Esche, Buche und Vogelaugen-Ahorn.

Die Kessel der Holztrommeln, die an der Fasnacht zum Einsatz kommen, sind normalerweise insgesamt 4 Millimeter dick. Paradetrommeln hingegen – sie müssen leicht sein und sind im Klang aggressiver – haben eine Dicke von bloss 2,5 Millimetern.

Vollkommenheit erlangt die Holztrommel aber erst durch die beiden Reifen, das Hanfseil, das narbenfreie Kalbfell, das Schloss, mit dem die Saiten angezogen werden, und durch die Strupfen und den Tragriemen aus Leder. Die Kosten? Für eine normale Aluminiumtrommel zahlt der Fasnächtler 1960, für eine Holztrommel 2150 Franken.

Mangelnde Pflege

Mit einer Trommel verhält es sich wie mit einem guten Schuh: Sie muss gepflegt werden. Doch das tun die wenigsten Trommler. «Die meisten pflegen das Kalbfell nicht», sagt Büchler. «Deshalb gehen auch so viele Felle kaputt.» Würde man das Fell ab und zu mit einem feuchten Lappen abreiben und die Trommel beim Gebrauch weniger satt spannen, gingen viel weniger Felle kaputt – die Verschwendung wäre geringer. «Aber die meisten Trommler denken einfach: Ich habe ja eine Fellversicherung.»

Anderes Verbrauchsmaterial kann auch durch sorgfältigste Handhabe und Pflege nicht vor Bruch bewahrt werden. Dazu gehören nicht nur Trommelschlegel, sondern ebenfalls Tambourmajorstöcke. Büchler sorgt auch hier vor: Neben Trommelschlegeln hat er stets ein breites Sortiment an selber gedrechselten Holzstöcken parat. Und daneben brummt das Schwungrad.

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