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«Es soll keiner Mutter so ergehen»

Angehörige sprechen von einer Pflegemisere im Basler Altersheim Vincentianum. Das Casavita-Heim reagiert.

Der Arzt Rolf Egli und seine Frau Verena rufen nach ihren Erfahrungen im Pflegeheim Vincentianum zur Sensibilisierung im Umgang mit Betagten auf. Foto: Florian Bärtschiger
Der Arzt Rolf Egli und seine Frau Verena rufen nach ihren Erfahrungen im Pflegeheim Vincentianum zur Sensibilisierung im Umgang mit Betagten auf. Foto: Florian Bärtschiger

Gegen vier Uhr morgens schloss die betagte Mutter die Augen für immer. Zu diesem Zeitpunkt hätte ihr Sohn sofort vom Altersheim Vincentianum am Nonnenweg telefonisch benachrichtigt werden müssen. So jedenfalls hatte es das Heim, das zur Gruppe der Stiftung Casavita gehört, mit den Angehörigen, Rolf und Verena Egli, vereinbart.

Doch an jenem Morgen blieb das Telefon stumm. Drei Stunden später beschlich den Sohn eine Vorahnung, sodass er selber zum Hörer griff. Das Personal des Heims kondolierte. Als Egli um eine Begründung bat, weshalb man ihn nicht wie besprochen umgehend informiert hatte, erklärte die zur Stunde Pflegebeauftragte lapidar: «Das wurde mir nicht rapportiert.» Dabei ist der Sterbeprozess in einem Alters­heim ein intimer Moment und das Regeln dieser Phase ein zentrale Aufgabe.

Schwierig für die Familie

Für Rolf und Verena Egli setzte diese Unterlassung – das Verpassen des letzten Moments – nur den Schlusspunkt an eine Reihe «menschenunwürdiger Erfahrungen in der Pflege einer Demenzkranken» im Vincentianum, an denen sich das Paar in Sorge um die Mutter aufrieb. Eglis trafen die Mutter beispielsweise im Hochsommer nahe am Hitzschlag im Winterpulli an und wurden vom Personal mit der Ausrede abgespeist, die an Demenz erkrankte Mutter habe das so gewollt. Eglis wurden Zeugen, wie ihrer schwerkranken Mutter das Essen halb liegend in der Seitenlage verabreicht wurde, anstatt sitzend, was das Erstickungsrisiko verringert hätte.

Rolf Egli kann den fachgerechten Umgang mit bettlägrigen Betagten beurteilen, hat er doch als Arzt für Innere Medizin Einblick in verschiedene Pflegeheime und ist in der Lage, Vergleiche zu ziehen. Seine Frau Verena verfügt als Pflegefachfrau über ein geschultes Auge für einen professionellen Umgang mit Betagten. Ihr Fazit: Im Vincentianum gebe es eine eigentliche Pflegemisere. Aber ganz alleine stehe diese Institution damit auch wieder nicht in der Altersheimlandschaft. Der heutige Kostendruck und der Personalnotstand evozieren geradezu solche Zustände, wie sie sagen.

Wochenlang hat sich dieses Paar Zeit gegeben, mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit zu treten. Dann sind sie zum Schluss gekommen: «Es soll keiner Mutter so ergehen wie unserer.» Eine unprofessionelle Pflege verletze schnell die Menschenwürde. Daher brauche es generell eine Sensibilisierung in der Altenpflege.

In Gewissensnot

Lange waren Eglis hin- und hergerissen im Entscheid, ob die vielen, teilweise kleinen Vernachlässigungen gegenüber ihrer Mutter tolerierbar seien oder ob die Kritikpunkte den Stress rechtfertigen würden, den man ihrer Mutter mit einer Umplatzierung zumuten würde. «Wir hatten ein schlechtes ­Gewissen gegenüber unserer Mutter», sagt Rolf Egli. Er könne sich vorstellen, dass er mit solchen Erfahrungen nicht alleine sei.

Um es vorwegzunehmen: Das Vincentianum hat sich aufgrund fehlender Kontaktaufnahme beim Todesfall von Mutter Egli entschuldigt. Geschäftsführer Philipp Ryser tauchte am Montag sogar zusammen mit der Heimleiterin unverhofft in der Arztpraxis von Rolf Egli auf, um dem «mea culpa» Nachdruck zu verleihen. «Wir haben einen Fehler gemacht, der nicht toleriert worden ist. Wir haben mit der Mitarbeiterin über den fatalen Fehlentscheid gesprochen», sagt Ryser gegenüber der BaZ.

Schockiert gabsich der Casavita-­Geschäftsführer darüber, dass Eglis noch zahlreiche weitere Beanstandungen auflisten konnten. Von weiteren Vorwürfen höre er zum ersten Mal, sagt Ryser, der auch erst jetzt zur Kenntnis nehmen musste, dass der Schmuck aus dem Zimmer der Betagten entwendet worden sei– der Ehering, eine Silber­kette und weitere, weniger wertvolle Gegenstände.

Für Rolf und Verena Egli war es weniger der Diebstahl selber, der zu beklagen war. Was die beiden verdutzte, war der Umgang der Heimleitung mit der Situation: «Er war routinehaft und von Desinteresse geprägt.» Eine ­Pflegeperson soll ihnen später zugeraunt haben: «Sie können froh sein, dass ich heute arbeite, dann ist die Pflege gut. Sie müssen reklamieren, sonst kümmert man sich zu wenig um die Bewohner.»

Wechselndes Personal

Viele Beanstandungen, die Eglis dokumentiert haben, weisen zwei Gemeinsamkeiten auf: Informationen zu den Bewohnern werden unter den Pflegenden mangelhaft ausgetauscht. Und das ständig wechselnde Pflegepersonal gibt sich in Zeitnot. Das sticht bei einem Beispiel besonders hervor, das Rolf Egli aufgelistet hat: «Die Haare meiner Mutter waren meist verfettet, und eine Mundpflege blieb häufig aus, was sich an der braun belegten Zunge zeigte.» Nach der Reklamation habe sich der pflegerische Zustand vorübergehend gebessert, sei aber alsbald wieder ins alte Muster verfallen. Auf die Bitte, die Zähne zu putzen, habe eine Pflegende eine Zahnprothesen-Schale ins Zimmer gebracht, im Unwissen darüber, dass die Mutter noch eigene Zähne hatte. «Das lässt doch auf mangelnde Kommunikation schliessen», sagt Verena Egli.

«Normalerweise gelangen solche Beanstandungen zu mir», sagt Casavita-Geschäftsführer Philipp Ryser. Er nimmt jedenfalls die Vorwürfe nicht auf die leichte Schulter: «Wir haben die Anlaufstelle Langzeitpflege in Basel aufgeboten. Sie soll uns einen Aufsichtsbesuch abstatten und eine Qualitätskontrolle vornehmen», sagt Ryser. Ein externer Blick in die Institution sei immer wertvoll und könne dazu führen, dass man die Prozesse anpassen könne.

Rechtzeitig reklamieren

Die Abteilung Langzeitpflege bestätigt den Auftrag der Stiftung Casavita. Die Institution sei aber nicht durch Beschwerden aufgefallen, sagt Linda Greber, Leiterin der Anlaufstelle. Ohnehin verzeichne man im Verhältnis zu den 3116 Pflegeplatzierungen wenig Beschwerden (siehe Box).

Eglis geht es weniger darum, nach dem Tod ihrer Mutter die Institution Casavita zu kritisieren. Der Entscheid, den Fall an die Öffentlichkeit zu tragen, soll vielmehr Mut machen, über menschenunwürdige Zustände rechtzeitig zu reklamieren. Es führe bei Angehörigen zu weniger Stress und keinem schlechten Gewissen. Die betagten Mütter und Väter würden es danken.

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