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Es liegt kein Gutachten vor

Präsidialdepartement bestätigt: Zu Raubkunst-Fall Glaser gab es keine historische Prüfung.

Alt Regierungsrat und aktueller Nationalrat Christoph Eymann (LDP) äusserte sich nicht zu den Vorwürfen.
Alt Regierungsrat und aktueller Nationalrat Christoph Eymann (LDP) äusserte sich nicht zu den Vorwürfen.

Nun ist es offiziell bestätigt: Christoph Eymann hat als Regierungsrat 2008 die Öffentlichkeit im Fall des Berliner Kunstsammlers Curt Glaser falsch informiert. Eymann wies nach angeblich «umfassenden und sorgfältigen Abklärungen» ein Gesuch von Glasers Erben um Rückgabe der 200 Werke aus dem Kunstmuseum zurück. Nun bestätigt das Präsidialdepartement: Ein Gutachten liegt nicht vor. Eymann nahm zu den neuen Entwicklungen keine Stellung

Curt Glaser war eines der ersten Opfer der Nazi-Verfolgung. Er verlor 1933 seine Stelle, die Gestapo besetzte seine Berliner Wohnung, und um die Flucht zu finanzieren – erst in die Schweiz und dann in die USA – musste Glaser seine Kunstsammlung verkaufen. 2004 stellten die Erben ihr Rückgabegesuch. 2008 hat der damals zuständige Erziehungsdirektor Eymann (LDP) aufgrund eines angeblichen Gutachtens von Anwalt Peter Mosimann und seinem damaligen Chefbeamten Michael Koechlin (heute Fraktionschef der LDP im Grossen Rat)das Gesuch abgelehnt.

Widersprüche der Regierung

Die «Rundschau» von SRF hat im November 2017 erstmals Ungereimtheiten an der offiziellen Version der Regierung publik gemacht. Diverse Berichte der BaZ brachten weitere bisher unbekannte Fakten ans Licht, welche der offiziellen Version diametral entgegenstehen. Am 9. Januar zeigten weitreichende Recherchen der Basler Zeitung, dass es wohl nie eine «umfassende und sorgfältige Abklärung» gab: Eymann, Koechlin und Mosimann waren offenbar nicht im Archiv des Kunstmuseums, nicht im Staatsarchiv, nicht in der Unibibliothek, nicht im Archiv der BaZ, nicht in den Archiven in Berlin. Denn überall dort, so zeigten wir damals, sind Unterlagen greifbar, die davon zeugen, dass Curt Glaser seine umfangreiche Sammlung verfolgungsbedingt veräussern musste und dass das Kunstmuseum sehr wohl wusste, dass es 1933 die Werke «zu billigen Preisen» erwerben konnte – kurzum: Eymanns Verlautbarung, wonach man im guten Glauben die Werke erworben habe, wie es in der Medienmitteilung der Regierung vom 19. Februar 2008 hiess, ist falsch.

Das Präsidialdepartement, welches heute für das Kunstmuseum zuständig ist, wirkte in seiner Stellungnahme zu den BaZ-Recherchen Anfang Jahr ebenfalls unglücklich. Unser Gesuch um Einsicht in das Gutachten, in die Unterlagen zur Prüfung des Rückgabegesuchs, löste ein tagelanges Hin und Her zwischen Regierungssprecher, Präsidialdepartement und Erziehungsdepartement aus. Selbst die Frage, ob überhaupt ein Gutachten oder eine Art Gutachten existiere, konnte das Präsidialdepartement nicht beantworten. Die Begründung: Die Unterlagen sind zerstreut und man wisse schlicht nicht, ob es ein Gutachten gebe oder nicht.

Melanie Imhof bestätigt fehlendes Gutachten

Nun ist das Präsidialdepartement der Angelegenheit nachgegangen. Die Sprecherin des Departements, Melanie Imhof, bestätigt: «Wir haben inzwischen die uns zur Verfügung stehenden Unterlagen zusammengetragen und gesichtet. Es liegt uns kein Gutachten vor.» 2008 hingegen war in den Medien noch von einem Gutachten die Rede. In der BaZ vom 21. Februar 2008 beispielsweise, in der Anwalt Mosimann die Ablehnung des Rückgabegesuchs weiter ausführte, hiess es: «Das Kunstmuseum und der Regierungsrat des Kantons Basel stützten sich in ihrer Rückweisung der Restitutionsforderung der Glaser-Erben auf ein Gutachten des Basler Anwalts Peter Mosimann.»

Während also grundlegende historische Recherchen ausblieben, konzentrierte sich Eymann damals auf juristische Fragen. In der Tat liegen diesbezüglich Briefwechsel vor, wie Sprecherin Imhof bestätigt: «Es liegt uns eine ausführliche anwaltschaftliche Korrespondenz zwischen dem Erziehungsdepartement und Anwalt Mosimann vor.» Den Schriftenwechsel will das Präsidialdepartement hingegen vorerst nicht offenlegen.

Eymann schweigt zu Vorwürfen

Noch 2008 beteuerte Eymann: «Das Kunstmuseum Basel hat (…) alle juristischen wie auch moralischen Aspekte dieser Rückgabeforderung geprüft.» Und: «Die Analyse und objektive Einschätzung der Geschichte, wie und unter welchen Umständen das Kunstmuseum 1933 die besagten Kunstwerke erworben hat (…) lässt trotz der Anerkennung und Würdigung der schwierigen und belastenden Auswirkungen des nationalsozialistischen Regimes auf Dr. Curt Glaser keinen anderen Entscheid zu als die Rückweisung der Restitutionsforderung des New Yorker Anwaltsbüros», wie es in der Medienmitteilung der Regierung weiter heisst.

Inwiefern Eymann «eine objektive Einschätzung der Geschichte» vornehmen und die «Umstände» des Kaufs sowie die «Anerkennung» und «Würdigung» der «belastenden Auswirkungen» der Verfolgung durch die Nazis beurteilen konnte, obwohl es keine historische Abklärung gab, lässt der alt Regierungsrat und heutige Nationalrat unbeantwortet. Gestern Vormittag stellte Eymann am Telefon einen Rückruf zwischen 13 und 14 Uhr in Aussicht. Koechlin ist ferienabwesend. Mosimann beruft sich auf das Anwaltsgeheimnis. Und Christoph Eymann, der sich schliesslich nicht mehr meldete, aber in dieser Angelegenheit im Austausch mit dem Präsidialdepartement steht, behauptete zuletzt Ende 2017, dass er nicht Stellung nehmen könne, weil er nicht über die Unterlagen verfüge.

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