«Es ist schwierig für Politiker, zurückzurudern»

Die Zürcher Linguistin Simone Pfenninger wehrt sich gegen die Kritik von Regierungsrat Christoph Eymann. Sie fordert in Sachen Frühfranzösisch einen Dialog zwischen Politik und Wissenschaft.

Erfolgreich: Simone Pfenninger wurde für ihre Studie mit dem Mercator-Preis 2015 ausgezeichnet.

Erfolgreich: Simone Pfenninger wurde für ihre Studie mit dem Mercator-Preis 2015 ausgezeichnet.

Thomas Dähler

Sie haben, Frau Pfenninger, im Rahmen des Projekts «Beyond Age Effects», eine Studie zum Fremdsprachenunterricht verfasst. Was entgegnen Sie dem Präsidenten der Erziehungs­direktorenkonferenz (EDK), wenn er sagt, diese Studie sei qualitativ unge­nügend?
Simone Pfenninger: Es wird hier eine Debatte geführt, die sehr stark emotionalisiert ist und persönlich wird. Damit wird ein sachlicher Dialog schwierig. Es handelt sich bei meiner Studie um Langzeituntersuchungen, die nicht erst durch die gegenwärtige politische Debatte ausgelöst wurden. Aber es wäre wichtig, dass darüber ein Dialog zwischen Bildungspolitikern und der Wissenschaft geführt wird.

Sie haben für Ihre Studie einen Preis erhalten, mit dem junge Forschende für hervorragende wissenschaftliche Leistungen von gesellschaftlicher Relevanz ausgezeichnet werden.
Ja, für diese Arbeit wurde mir der Mercator-Preis 2015 verliehen. Artikel zu dieser Studie wurden auch in renommierten Zeitschriften veröffentlicht. Ausserdem verleiht mir die Universität Zürich dieses Jahr dafür die Habilitation. Der grosse Vorteil der Langzeitstudie ist, dass sie auf einem Vergleich zwischen Früh­lernenden und Spätlernenden basiert. Es ist dies die einzige Studie, die auf einer genügenden Kontrollgruppe von Spätlernenden basiert. Wir haben die Gelegenheit des Wechsels der Bildungsmodells ergriffen und zwischen Gymnasiasten verglichen, die nach altem System spät eine Fremdsprache erlernt haben und jenen, die mit der Frühfremdsprache aufgewachsen sind. Heute wäre der Start eines solchen Projekts nicht mehr möglich, weil es die Spätlernenden nicht mehr gibt.

Regierungsrat Christoph Eymann hat darauf hingewiesen, dass Ihre Ergebnisse keinen Eingang in die von der EDK in Auftrag gegebene dänische Studie über das gleichzeitige Erlernen mehrerer Fremdsprachen gefunden haben.
Ich habe mich persönlich bei einer der vier Autorinnen und Autoren des Berichts erkundigt. Diese hat mir gesagt, sie hätten nur Studien bearbeitet, die sich dezidiert mit der Drei- oder Viersprachigkeit beschäftigt haben. Meine Studie aber beschäftigt sich mit Faktoren, die das Erlernen einer Fremdsprache beeinflussen.

Sie haben sich demnach nicht mit mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern beschäftigt?
Nein, der Fokus liegt auf dem Altersfaktor im schulischen Kontext. Das muss man auch gut auseinanderhalten. Ich kenne den Bericht aus Dänemark. Mit Alterseffekten setzt er sich in der Tat nicht im Detail auseinander. Nur an einer Stelle in der Schlussfolgerung zum Beispiel enthält der Bericht aus Dänemark Bemerkungen zum Alter zu Lernbeginn. Dort besagt er, dass Spätlernende eine Fremdsprache besser oder gleich gut erlernen.

Wie allgemein gültig sind die Aussagen aus Ihrem Projekt «Beyond Age Effects»?
In unserer Studie haben wir Gymnasiasten verglichen, die ab acht Jahren Englischunterricht hatten, und solche die erst ab 13 Englisch lernten. Gymnasiasten deshalb, weil sie über eine genügend lange Zeit beobachtet werden können. Die Studie ergab, dass die Spätlernenden die Frühlernenden schon nach kurzer Zeit einholen, nicht nur in Bezug auf Hörverständnis und mündliche und schriftliche Fähigkeiten, sondern auch bezüglich Lernstrategien und Motivation.

Ist es nachteilig, sich bei den Unter­suchungen auf Gymnasiasten zu beschränken?Nein, das ist es nicht, denn wenn sich bei schulisch starken und hoch motivierten Schülerinnen und Schülern keine Erfolge einstellen, ist das umso aussagekräftiger. Der Nachteil meiner Studie ist jedoch, dass sie sich ausschliesslich mit Frühenglisch befasst und deshalb nicht einfach auf das Frühfranzösisch übertragen lässt.

Die Berichte über Ihre Studie sind schon seit längerer Zeit öffentlich. Können Sie sich erklären, weshalb die Politik und namentlich die EDK die Studie nicht zur Kenntnis nimmt?
Das ist nicht nur in der Schweiz zu beobachten. Da werden Projekte in Auftrag gegeben, und die Resultate finden kaum den Weg in die Politik. Es ist schwierig für Politikerinnen und Politiker, zurückzurudern. Eine Korrektur wäre auch mit einem Gesichtsverlust verbunden. Die Entscheide für oder gegen eine Frühfremdsprache sind nach meiner Erfahrung immer auch politische Entscheide. Faktoren, die nur sehr wenig mit dem effektiven Erlernen einer Fremdsprache zu tun haben. Seinerzeit wurde auch gesagt, man wolle dem Trend, Kinder in den privaten Englischunterricht ausserhalb der Schule zu schicken, entgegenwirken.

Welche Rolle spielt die Art und Weise, wie die Fremdsprache unterrichtet wird? Der frühe Beginn hat auch dazu geführt, dass nur zwei bis drei Lektionen pro Woche auf dem Stundenplan stehen.
Das spielt in der Tat eine Rolle. Meine Studie richtet sich nicht grundsätzlich gegen das frühe Erlernen einer Sprache. Es gibt in Zürich etwa Schulen, die nach dem Prinzip der Vollimmersion – wo also einen ganzen Tag die Fächer in Englisch sind – unterrichten und gute Resultate erzielen. Doch davon sind die öffentlichen Schulen weit entfernt. Unsere Kritik richtet sich gegen die Praxis heute. Nicht das Alter ist entscheidend, sondern die Quantität, Qualität und Intensität des Unterrichts. Wichtig sind auch etwa kontextuelle Faktoren wie die Lehrperson und Klassengrösse oder die Lese- und Schreibfähigkeit in der Erstsprache.

Also wäre konzentrierter besser?
Es ist besser, eine Sprache konzentriert zu lernen. Der Kanton Thurgau möchte das jetzt so umsetzen: Er beginnt später, erst in der Oberstufe, dafür aber konzentrierter, möglichst jeden Tag. Wenn die zweite Fremdsprache erst später beginnt, werden Stunden frei, die für die erste eingesetzt werden können. Aus meiner Sicht würde ich jedoch mit Französisch beginnen und dort viel Zeit einsetzen. Englisch ist beliebter, wird nicht nur als Fremdsprache gelernt, sondern spielt auch eine Rolle als Lingua franca auf höherem Niveau und kann gemäss meiner Studie auf die Oberstufe verschoben werden.

Weshalb setzt sich der Immersions­unterricht in der Schweiz nicht durch?
Ich denke, das hängt zum Teil mit der kritischen Einstellung der Lehrkräfte zusammen. Diese befürchten, es könne sich negativ auf andere Fächer auswirken. Aber es gibt keine einzige Studie, mit der sich dies nachweisen liesse. Etwa Geografie auf Englisch: Darin läge jedoch eine grosse Chance. Oft sind solche Programme aber nur einer Minderheit von Schülerinnen und Schülern zugänglich.

Sie müssten doch interessiert sein, die Ergebnisse Ihrer Studie dem Präsidenten der EDK zu erklären?
Sie haben es ja gelesen: Das Interesse ist klein. Meine Studien sind alle öffentlich einsehbar. Wir sind auch für Gespräche sehr offen.

Würden Sie einer Einladung der EDK zum Gespräch Folge leisten.
Ja, absolut. Genauso, wie ich die Einladungen der Schulen annehme.

Basler Zeitung

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