«Es ist eine Katastrophe»

Der CS-Immobilienfonds wirft alle Mieter aus den Schorenweg-Hochhäusern.

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Martin Regenass

Der Schock sitzt tief: Der Immobiliendienstleister Wincasa hat am letzten Freitag sämtlichen Mietern der zwei Hochhäuser am Schorenweg 20/22 und 30/32 nahe dem Freibad Eglisee gekündigt, wie Onlinereports berichtete. «Es ist eine Katastrophe und eine Frechheit», sagt Doris Bouverat, die seit 54 Jahren in einem der beiden Blocks wohnt, der BaZ. Nachdem die 196 Parteien am letzten Freitag die Kündigung erhalten hätten, habe eine Rentnerin im Hauseingang einen Nervenzusammenbruch erlitten. «Ich erhalte Anrufe von Bewohnern, die über 90 Jahre sind, die seit Freitag nicht mehr schlafen können und weinen, weil sie nicht weiterwissen», sagt die langjährige Stellvertretung des Hauswarts.

Andere Bewohnerinnen, die namentlich nicht genannt werden wollen, sagen zum Rauswurf, der Knall auf Fall kam: «Ich fühle mich erschlagen.» Oder: «Es tut einfach nur weh.»

Verwalterin gibt sich empathisch

Diese bei den Mietern ausgelöste Gefühlslage ist auch bei der Wincasa-Niederlassung in Basel bekannt. Diese handelt im Auftrag des Credit Suisse Real Estate Fund Siat, einem Immobilienfonds der Credit Suisse Asset Management Schweiz AG. «Wir sind uns bewusst, dass diese Situation für Sie unerfreulich ist», heisst es in einem Begleitschreiben mit viel Empathie. In dem Schreiben, das auch der BaZ vorliegt, sind die Gründe für die Massenkündigung aufgeführt. So würden die 58 Jahre alten Wohnblocks nicht mehr die neusten Baustandards erfüllen. Einerseits entsprächen der Brandschutz und die Erdbebensicherheit nicht mehr den heutigen Anforderungen, andererseits sei die Energieeffizienz ungenügend und die Fassade veraltet. Weiter seien die Wohnungen und die Balkone sanierungsbedürftig. Da es sich um eine tief greifende Gesamtsanierung handle, könnten die Bewohner auch aus Sicherheitsgründen während der Renovation nicht in den Wohnungen bleiben.

Bouverat beurteilt den Zustand der Blocks anders. Dass sie wegen der Erdbebensicherheit saniert werden müssten, nähme sie den Eigentümern nicht ab. «Beim Erdbebenschutz richtet sich die Verwaltung nach neuesten Massstäben. Wenn man das so beurteilt, müsste man jedes zweite Haus in Basel abreissen», sagt die Rentnerin. Wie ein Blick in eine Wohnung zeigt, ist diese in einem guten Zustand. 2002 wurden Küchen und Bäder saniert. Die Mieten liegen für die Zwei- bis Dreizimmerwohnungen am Schorenweg 20/22 zwischen 1000 und 1700 Franken.

Bouverat nennt die preisgünstigen Mieten als Hauptgrund für die Kündigungen. «Die Eigentümer müssen etwas unternehmen, damit sie die Mietzinse erhöhen können», sagt die alt SVP-Grossrätin. Sie habe gehört, dass die Balkone in die Wohnungen integriert und die Küchen geöffnet werden sollen. «Die wollen eine Art Loggien mit rausgerissenen Wänden schaffen.» Bouverat sieht die Massenkündigungen vor dem Hintergrund der schärferen Mietgesetze, die das Stimmvolk letztes Jahr angenommen hat. «Es hat viele Rentner und auch 80- und 90-Jährige im Haus. Die Eigentümer haben Angst, dass sie diese Leute nach Inkrafttreten der strengeren Mietschutzgesetze nicht mehr aus der Wohnung bringen.»

Renditemaximierung als Grund?

Beat Leuthardt, Co-Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbands Basel, schätzt die Lage ähnlich ein. «In diesem Fall scheint es vor allem um eines zu gehen, nämlich um die Renditemaximierung.» Der BastA!-Grossrat habe klare Indizien, dass noch im letzten Frühling die Liegenschaftsverwaltung die Absicht hatte, die Sanierungen «wenn immer möglich» in bewohntem Zustand durchzuführen. «Davon haben die verantwortlichen Investoren in der Zwischenzeit offenbar Abstand genommen.»

Zum Vorwurf der Renditemaximierung durch höhere Mieten sagt Remo Fumagalli, Leiter der Wincasa-Filiale in Basel: «Die Wohnungen passen von ihrer Grösse und Ausstattung her weiterhin ins Hirzbrunnen-Quartier und werden ortsübliche Mietzinse aufweisen.»

Immerhin: Die Wincasa bietet den Gekündigten eine Entschädigung in Höhe von 750 Franken sowie Hilfe bei der Wohnungssuche an.

Basler Zeitung

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