Zum Hauptinhalt springen

«Es braucht mehr individuelle Vermittlung»

Basler Headhunter sieht grossen Handlungsbedarf für die RAVs beim Thema 50plus-Arbeitslose. Die Behörden ihrerseits verweisen auf mehrere Programme, die laufen.

Wer mit 50 oder mehr Jahren die Stelle verliert, hat grosse Mühe, wieder etwas zu finden. Viele werden zu Langzeitsarbeitslosen und etwa 600 der sogenannten 50plus werden pro Jahr in der Region Basel ausgesteuert, sobald die Bezugslimite von 18 Monaten Arbeitslosenkasse erreicht ist (BaZ berichtete). Oftmals ist der Suche nach einem neuen Job ein Lauf gegen die Zeit und für die Betroffene eine enorme Belastung.

Die BaZ hat viele Schreiben von Betroffenen erhalten, die alle die gleiche bedrückende Geschichte erzählen: Niemandem gibt einem eine Chance, sich auch nur mal im Rahmen eines Bewerbungsgespräches vorzustellen, einerlei wie viele Bewerbungen geschrieben werden – einige ältere Langzeitsarbeitslose berichten davon, dass sie gegen 400 Bewerbungen verschickt und dennoch nichts gefunden haben. Das Fazit der Betroffenen: Das Alter ist der entscheidende Faktor für die Absagen.

Arbeitgeber fürchten raschen Absprung von Ü50

«Meist kommen die Leute zu uns, wenn sie erkennen, dass es schwierig ist, wieder etwas zu finden und sie ratlos sind, was sie tun sollen», sagt Patrik Mohler. Als Teilhaber und Geschäftsführer des HR-Dienstleisters Arcuba Partner AG in Basel unterstützt er auch ältere, qualifizierte Arbeitslose bei der Suche nach einer neuen Stelle. Mohler hat Kontakte zu vielen Arbeitgebern. Er hält die Annahme, dass Arbeitgeber prinzipiell keine Stellensuchenden von über 50 Jahren mehr anstellen, für falsch. «Es ist sicher richtig, dass in den Personalabteilungen der Firmen gewisse Vorbehalte gegenüber älteren Arbeitslosen bestehen», sagt er. «Doch meistens liegt es an den speziellen Kenntnissen, die gesucht werden, auch wenn das Alter und die damit verbundenen höheren Sozialabgaben der Arbeitgeber eine Rolle spielen können.»

Zudem haben Arbeitgeber manchmal die Sorge, ein älterer Arbeitnehmer würde die Stelle wieder aufgeben, sobald er einen besser bezahlten Job bekommt, besonders wenn er für ein tieferes Gehalt arbeitet als vor der Arbeitslosigkeit. Auch Digital-Kenntnisse können ausschlaggebend sein, gerade für jene, die im IT-Bereich oder Branchen mit hohem Digitalisierungsgrad tätig sind.

Mohler rät, sich bei der Stellensuche nicht alleine auf das RAV zu verlassen. «Es ist entscheidend zu wissen, wo man steht und was man zu bieten hat und wo die Möglichkeiten respektive die eigenen Ziele liegen, die man erreichen möchte», sagt Mohler. «Viele trauen sich zudem nicht, ihr eigenes Netzwerk zu nutzen, um einen neuen Job zu finden. Ein Arbeitssuchender ist wie ein Verkäufer in eigener Sache.» Das Know-how, die Erfahrung und oft auch die höhere Loyalität mit dem Unternehmen seien Werte, die Arbeitgeber schätzen würden», sagt Mohler. «Entscheidend ist: Wer eine Stelle sucht, dem sollte unbedingt der verdeckten Arbeitsmarkt zugänglich gemacht werden. Diese Stellen also, welche nie publiziert werden und einen Anteil von ca. 60 Prozent der offenen Stellen ausmachen. Den Zugang zu diesem Arbeitsmarkt erhält man oft nur über entsprechenden Kontakte von Profis», so Mohler.

Meldepflicht als Verbesserung

Den Fokus auf jene Stellen zu legen, die unter der Hand oder zumindest ohne öffentliche Ausschreibung vergeben werden, hält Alessandro Tani für falsch. Der stellvertretende Amtsleiter beim Amt für Wirtschaft und Arbeit Basel-Stadt erinnert daran, dass nur ein Fünftel (20 Prozent) von Stellen über Kanäle wie das persönliche Netzwerk oder Social-Media-Plattformen vergeben werden. «Der verdeckte Arbeitsmarkt in der Schweiz ist eher klein», sagt Tani. «Rund 80 Prozent der offenen Stellen werden ausgeschrieben.» Eine Schweizer Besonderheit ist die Stellenmeldepflicht: Seit Juli 2018 müssen Firmen offene Stellen in Berufen, in denen die Arbeitslosenquote einen bestimmten Schwellenwert übersteigt, den RAV melden. Betroffen sind beispielsweise Bauberufe, Lageristen, Marketingfachleute, Kuriere sowie Service- und Küchenpersonal. Diese Massnahme führe dazu, dass weniger Stellen über Beziehungsnetzwerke vergeben werden und der Arbeitsmarkt so transparenter werde, sagt Tani.

Das mag für Basel zutreffen – doch in der Schweiz gibt es diesen verdeckten Arbeitsmarkt. Das AWA Zürich beispielsweise Das AWA Zürich hielt in einer Analyse von Ende Jahr 2017 fest, dass der verdeckte Arbeitsmarkt 70 Prozent ausmacht.

Vorwurf der reinen Dossierverwaltung

In den Schreiben, welche die BaZ von Ü50-Langzeitarbeitslosen erhalten hat, wird nicht an Kritik an der RAV-Effizienz gespart. Die staatliche Arbeitslosenvermittlung tauge nichts, heisst es etwa, oder sie sei zu schwerfällig und die Berater seien nichts weiter als blosse «Dossierverwalter».

Tani wehrt sich gegen diese Darstellung. Er sagt, dass für die Arbeitsvermittlung «zwei wichtige wirkungsvolle Instrumente» eingesetzt werden: einerseits die Beratung und Vermittlung durch die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, andererseits die arbeitsmarktlichen Massnahmen wie etwa Einarbeitungszuschüsse, Kurse, Assessments oder intensive Einzelcoachings. «Die Beratung von Stellensuchenden hat zum Ziel, sie für die Stellensuche zu motivieren und sie dabei zu unterstützen. Hier steht die Förderung der Eigeninitiative der Stellensuchenden im Vordergrund, nur subsidiär zu diesen Bemühungen kann die öffentliche Arbeitsvermittlung auch Vermittlungen vornehmen, also Stellensuchende und geeignete Stellen zusammenführen. Bei den arbeitsmarktlichen Massnahmen hingegen steht die Aktualisierung der Kompetenzen und Qualifikationen im Vordergrund.» Zudem gebe es RAV-Aussendienstmitarbeiter, die persönliche und wertvolle Kontakte mit den Arbeitgebern pflegen und versuchen, Arbeitslose zu vermitteln. «Das Thema ‹Arbeitslosigkeit 50plus› ist dem Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Basel-Stadt ein wichtiges Anliegen. Wir sind uns der besonderen Herausforderung bewusst, welche die Stellensuche ab dem fünfzigsten Lebensjahr mit sich bringen kann. Deshalb investieren wir in spezifische und wirkungsvolle Massnahmen, wie beispielsweise das seit anfangs 2018 neu eingeführte ‹Mentoring 50+›. Mentorinnen und Mentoren helfen dabei über 50-jährigen Stellensuchenden beim Entwickeln von neuen Bewerbungsstrategien, indem sie mitunter Coachs sind, als ‹Türöffner› agieren und offen ansprechen, was für die individuelle Stellensuche wesentlich ist.»

«Gezieltes Jobhunting ist erfolgversprechend»

Um eine rasche Rückkehr in die Erwerbstätigkeit zu unterstützen, sei es wichtig, Kompetenzen und Qualifikationen der Betroffenen zu aktualisieren, wo nötig zu ergänzen sowie das berufliche Netzwerk zu vergrössern», sagt Tani. Grundsätzlich besteht auch die Möglichkeit, externe Coaches beizuziehen.

Headhunter Mohler würde es angesichts der schwierigen Situation für zielführender halten, wenn die staatliche Vermittlung sehr früh im Suchprozess privatwirtschaftliche Profis aus der Vermittlung, mit grossem Netzwerk, beiziehen würden. «Es braucht für jeden Betroffenen eine individuelle Lösung, damit er so rasch als möglich wieder einen Job findet. Gezieltes Jobhunting aus dem Netzwerk heraus erweist sich schon heute als sehr erfolgversprechend, denn das grosse und tiefe Netzwerk von professionellen Vermittlern und Headhuntern ist oft der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Stellensuche». Eine rasche Reintegration in den Arbeitsmarkt hätte für alle nur Vorteile, sagt er.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch