Endstation Gare de Saint-Louis, bonsoir tristesse

Nach den Laserattacken fährt das BVB-Tram der Linie 3 wieder nach Frankreich. Ein Ausflug in Basels Peripherie.

Düster trotz Laternen: Place Mermoz an der Tramlinie 3. Foto: Martin Furrer

Düster trotz Laternen: Place Mermoz an der Tramlinie 3. Foto: Martin Furrer

Martin Furrer

Sie lassen es also wieder über die Grenze rollen, Schluss mit dem ängstlichen Wenden beim Burgfelderhof. Seit Mittwoch, zwanzig Uhr, führen die Basler Verkehrsbetriebe das 3er-Tram unerschrocken wie eh und je nach Saint-Louis.

Anfang Mai hatten sie den ­Betrieb zwischen der Schweizer Grenze und dem Gare de Saint-Louis eingestellt. Wegen «sicherheitsrelevanter Vorkommnisse» und «zum Schutz des Fahrpersonals und der Fahrgäste». Unbekannte hatten mit Laserpointern auf die Trams gezielt. Eine Wagenführerin war dabei am Auge verletzt worden.

Jetzt wagen sich die BVB zurück auf französisches Territorium. Ich steige ein am Aeschenplatz, halb neun. Der 3er fährt im milden Abendlicht den Kohlenberg hinauf, «Tod der Polis» hat jemand an die Mauer gesprayt. Das Tram lässt das Spalentor hinter sich, das Westfeld, die Waldighoferstrasse, immer weniger Passagiere sitzen im Wagen. Ich beginne zu frösteln, denn die Burgfelder Grenze kommt näher. Dahinter liegt es, das Territorium der Angst.

Schwarze Jacke

Ist die Luft tatsächlich rein, wie es die BVB behaupten? Ich schlage den Kragen hoch und mon­tiere in Gedanken eine schuss­sichere Weste. Um zehn vor neun befahre ich Feindesland.

Da blitzt rotes Licht auf. Nur eine Verkehrsampel. Haltestelle Saint-Exupéry, ein poetischer Name im unpoetischen Nichts. Ein Mann steigt ein und postiert sich vor dem Führerstand. Er trägt eine schwarze Jacke, auf der «Capri Sécurité» steht, und schwarze Schuhe mit dickem Profil. Ein zweiter Schwarzgekleideter gesellt sich zu ihm. Sie plaudern miteinander. Ausser mir sitzt bloss noch ein Fahrgast im Tram, bewaffnet mit einer Bierdose.

Eine Fahrt durch das nächtliche Saint-Louis. Video: Martin Furrer

Place Mermoz, Mietkasernen, ein Hauch von Urbanität in der Elsässer Provinz. Drei Jugendliche lümmeln an der Haltestelle herum. Einer trägt ein T-Shirt, auf welchem «Albania» steht. Als das Tram einfährt, stieben sie auseinander. Der 3er fährt am Einkaufszentrum Géant Casino vorbei, dessen Parkplätze um diese Zeit gähnend leer sind, und hält um 20.56 Uhr an der Gare de Saint-Louis. Neonlicht, Leere, Stille. Endstation. Bon­soir, tristesse.

Irrer Dialog

Der Mann mit der Bierdose steigt mit mir aus. Ich schaue mich um: Ein Auto steht einsam beim Parkplatz. Die Tür geht auf, ein Uniformierter kommt auf uns zu. Er schaut grimmig, seine Zahnlücke verleiht ihm etwas Aggressives, er gehört zur «Capri Sécurité».

Der Mann mit der Bierdose beginnt, mit dem Aufpasser zu reden. «War es wirklich nötig, wegen ein paar übermütiger ­Jugendlicher Ihren Sicherheitsdienst aufzubieten?» Der Uniformierte zuckt mit den Schultern. «Eine ganze Region lässt sich ­erpressen von Halbwüchsigen», fährt der Biertrinker fort.

Der Uniformierte sagt: «Die Jungen haben keinen Respekt mehr vor der Polizei.» Der Mann mit der Bierdose erwidert: «Es gibt immer Möglichkeiten, eine Situation zu deeskalieren.»

Der Uniformierte fängt nun an, von Französisch-Guayana zu erzählen: «Man trägt dort Pistolen, und wenn einem etwas nicht passt – peng!» «Ich bin Pazifist», sagt der Biertrinker. «Die heutigen Jugendlichen konsumieren Alkohol und handeln mit Drogen», sagt der Uniformierte.

Mittlerweile hat sich die Nacht über Saint-Louis gesenkt. Der 3er fährt zurück nach Basel. Das Tram ist menschenleer.

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