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Endstation Bahnhof SBB

Die Gestrandeten und ihre Schicksale – was der ICE-Unfall für Basler, Griechen und Russen bedeutete.

D. Sambar, D. Heitz und C. Keller
Aufgleisung des Unfallzugs: Ein Schienenkran im Einsatz beim Bahnhof Basel. (30. November 2017)
Aufgleisung des Unfallzugs: Ein Schienenkran im Einsatz beim Bahnhof Basel. (30. November 2017)
Georgios Kefalas, Keystone
Der Unfallzug wird aufgegleist: Gleisarbeiter am Bahnhof Basel.
Der Unfallzug wird aufgegleist: Gleisarbeiter am Bahnhof Basel.
Leserreporter 20 Minuten
Noch immer ist im Zugverkehr keine Normalität eingekehrt.
Noch immer ist im Zugverkehr keine Normalität eingekehrt.
Leserreporter 20 Minuten
SBB ohne Ende seit Wochen nur noch so zur Schule oder Arbeit.
SBB ohne Ende seit Wochen nur noch so zur Schule oder Arbeit.
Leserreporter
SBB ohne Ende seit Wochen nur noch so zur Schule oder Arbeit.
SBB ohne Ende seit Wochen nur noch so zur Schule oder Arbeit.
Leserreporter
Entgleiste Wagen eines ICE legen im Feierabendverkehr den Basler Bahnhof lahm. Ein Signalmast wird an eine Stromleitung gedrückt, was einen Kurzschluss auslöst. (29. November 2017)
Entgleiste Wagen eines ICE legen im Feierabendverkehr den Basler Bahnhof lahm. Ein Signalmast wird an eine Stromleitung gedrückt, was einen Kurzschluss auslöst. (29. November 2017)
Georgios Kefalas, Keystone
Der entgleiste Zug blockiert die Bahnhofseinfahrt in Basel.
Der entgleiste Zug blockiert die Bahnhofseinfahrt in Basel.
Gawin Steiner, Leserreporter
Insgesamt drei Wagen sind aus den Schienen gesprungen.
Insgesamt drei Wagen sind aus den Schienen gesprungen.
Leserreporter
Entgleist sind der Speisewagen und zwei weitere Wagen.
Entgleist sind der Speisewagen und zwei weitere Wagen.
Martin Regenass
Ein Blick aus dem entgleisten Zug.
Ein Blick aus dem entgleisten Zug.
Udo Werner, Leserreporter
Bei der Entgleisung ist ein Fahrleitungsmast und die Fahrleitung beschädigt worden.
Bei der Entgleisung ist ein Fahrleitungsmast und die Fahrleitung beschädigt worden.
Gawin Steiner, Leserreporter
Verletzt wurde nach ersten Angaben der SBB niemand. Die Passagiere hatten offenbar noch Zeit, Fotos zu machen.
Verletzt wurde nach ersten Angaben der SBB niemand. Die Passagiere hatten offenbar noch Zeit, Fotos zu machen.
Gawin Steiner, Leserreporter
Hier steht der Kopf des Zuges im Perron.
Hier steht der Kopf des Zuges im Perron.
Martin Regenass
Die Polizei sperrte das Perron, in den der Zug hätte einfahren sollen.
Die Polizei sperrte das Perron, in den der Zug hätte einfahren sollen.
Martin Regenass
Der Unfall hat auch Auswirkungen auf den innerstädtischen Verkehr in Basel. Die Trams sind überfüllt und die Strassen verstopft. Hier am Aeschenplatz warteten zusätzlich noch viele Fussballfans auf das Tram in Richtung Stadion, wo das Cupspiel zwischen dem FCB und dem FC Luzern stattfand.
Der Unfall hat auch Auswirkungen auf den innerstädtischen Verkehr in Basel. Die Trams sind überfüllt und die Strassen verstopft. Hier am Aeschenplatz warteten zusätzlich noch viele Fussballfans auf das Tram in Richtung Stadion, wo das Cupspiel zwischen dem FCB und dem FC Luzern stattfand.
Leserreporter
Kurz nach dem Unglück waren zahlreiche Ambulanzfahrzeuge am Bahnhof eingetroffen.
Kurz nach dem Unglück waren zahlreiche Ambulanzfahrzeuge am Bahnhof eingetroffen.
Leserreporter
Der Blick von der Peter-Merian-Brücke auf die Unfallstelle.
Der Blick von der Peter-Merian-Brücke auf die Unfallstelle.
Martin Regenass
Leere Perrons im Bahnhof kurz nach dem Crash. Nichts ging mehr.
Leere Perrons im Bahnhof kurz nach dem Crash. Nichts ging mehr.
Martin Regenass
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Die Blaulichter blinken unentwegt. Mehrere Fahrzeuge von Sanität, Feuerwehr und Polizei sind vor dem Bahnhof SBB positioniert. Es ist 18 Uhr – eine Stunde ist es bereits her, seit der ICE 75 von Hamburg-Altona bei seiner Einfahrt auf Perron 5 entgleist ist und den Bahnbetrieb zum Stillstand gebracht hat. Tausende von Menschen sind schon in die Trams geströmt, Hunderte stehen noch im Bahnhof herum.

Georgios Georgeopulos ist soeben aus Strassburg angekommen und schaut ratlos auf die Anzeigetafeln: «Ich hab keine Ahnung, wie ich nach Zürich komme. Gibt es einen Bus?» Ein Informationsmitarbeiter der SBB rät ihm, am Aeschenplatz das Tram nach Pratteln zu nehmen und dort in den Zug zu steigen. Diesen Rat hat auch Patrik Eichenberger erhalten. Trotzdem steht er jetzt wieder in der Schalterhalle. «Am Aeschenplatz herrscht das absolute Chaos. Es hatte so viele Leute; ich hatte keine Chance einzusteigen. Zudem war dort auch niemand, der mir hätte sagen können, welches Tram ich nehmen muss», so der Anwalt, der aus Paris gekommen ist und noch nach Langnau im Emmental muss. Er wartet nun auf einen Rückruf seiner Versicherung, die ihm ein Taxi nach Olten bezahlen soll.

«Fahrt nach Zürich 75.–»

In der Schalterhalle, vor den Rolltreppen zur Passerelle, steht Bernhard Zarnegin – an seiner Seite Mia; ruhig beobachtet die japanische Shiba-Inu-Hündin das Geschehen. Zarnegin wirkt wie alle etwas müde, aber nicht nervös, eher fatalistisch. Er will nach Zürich zurück. Seit sieben Jahren pendelt der Teppichhändler zwischen Basel, seinem Arbeits-, und Zürich, seinem Wohnort. In der einen Hand hält er einen Zettel, auf dem steht «Fahrt nach Zürich 75.–».

Es ist das erste Mal, dass ihm so etwas passiert. «Ich hoffe nun, dass ich noch drei weitere Personen finde, die mit mir in einem Taxi nach Zürich fahren.» Die Fahrt, so schätzt er, wird etwa 300 Franken kosten; das würde für alle vier Passagiere dann 75 Franken machen. Eine Dame, die er anspricht, winkt ab: «Das ist mir zu teuer.» Zarnegin ist trotzdem guten Mutes, dass es klappt. «Und falls nicht, nehme ich halt in Basel ein Hotelzimmer.» Es ist 18.20 Uhr – alle Anzeigetafeln auf den Perrons sind leer. Dominik Dürrenberger steht auf der Passerelle vor einem Abfallkübel und beisst in ein grosses Sandwich. Seit anderthalb Jahren pendelt der 23-Jährige täglich von Liestal nach Basel. Eigentlich möchte er um 18.47 Uhr den Zug nach Liestal nehmen. Doch sehr zuversichtlich, dass er um diese Zeit auch fahren kann, ist er nicht. Er bewahrt Ruhe. «Im schlimmsten Fall gehe ich wieder zurück ins Büro.»

Auch die 19-jährige Ilenia Giacalome, die täglich im Zug von Olten nach Basel und zurück fährt, bleibt ruhig. «Ich warte jetzt erst mal, sonst versuche ich jemanden zu erreichen, der mich mit einem Auto in Basel abholt.»

Empörte Russen

Fluchend und wild mit den Händen gestikulierend stehen Ludmilla und Heinrich Schatzmann, er von Beruf Zahnarzt, beim Reisezentrum der Schalterhalle. Der Russe, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt, ist ausser sich: «Ich war in Moskau und an vielen anderen Orten in der Welt. Aber ein solches Chaos habe ich noch nie gesehen!» «Unfassbar, eine Katastrophe», ergänzt seine Frau. Doch wie es so ist in diesen Ausnahmesituationen, hat sich des herumirrenden Paars, das mit dem Zug aus Köln anreiste und am Badischen Bahnhof im Chaos stecken blieb, ein unerwarteter Helfer in der Not angenommen. Er heisst Lorenz Klauser, ist 74 Jahre alt und lebt in Basel. «Mir fiel auf, wie überfordert sie waren», sagt der liebenswürdige Rentner zur BaZ. «Da dachte ich mir, sie könnten meine Hilfe vielleicht gebrauchen.»

Klauser führt die Schatzmanns – ihr Reiseziel lautet Bern – durch die Menschentraube hinaus auf den Centralbahnplatz. «Ich bestelle euch ein Taxi. Auf diesem Weg kommt ihr am schnellsten ans Ziel.» Doch das ist leichter gesagt als getan. Der Andrang auf den motorisierten Zugersatz ist gewaltig. Mehrfach nehmen die russischen Gäste mit ihrem Gepäck in einem der heranfahrenden Taxis Platz, um dann wieder weggescheucht zu werden. «Ich habe eine andere Bestellung», heisst es schroff. Ein anderer Taxifahrer empört sich gegenüber dem Journalisten: «Ich hatte soeben Kunden, die ernsthaft den Preis drücken wollten. Wie frech ist denn das?»

Beim vierten Anlauf klappt es schliesslich mit der Transportmöglichkeit in die Bundesstadt. Die Schatzmanns bedanken sich bei ihrem «Engel» Klauser – und drücken ihm zum Abschied eine Zehnernote in die Hand.

In den überfüllten Trams war die Stimmung derweil enorm angespannt. In einem 14er kam es am Aeschenplatz sogar zu einer Schlägerei, wie Mitarbeiter der BaZ beobachteten.

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