«Einige Velofahrer verhalten sich rücksichtslos!»

Velofahrer foutieren sich in der Innenstadt um die Fahrverbote. Mike Cavin hat deren Fehlverhalten protokolliert – auch Baschi Dürr ist empört.

Mike Cavin ärgert sich über Velofahrer in der Fussgängerzone. Hinter ihm fahren gleich zwei Rowdys durch die Hutgasse. Foto: Dominik Plüss

Mike Cavin ärgert sich über Velofahrer in der Fussgängerzone. Hinter ihm fahren gleich zwei Rowdys durch die Hutgasse. Foto: Dominik Plüss

Alexander Müller@mueller_alex

Der Niedergang der Freien Strasse war an dieser Stelle zuletzt mehrfach ein Thema. Weniger Passanten sind dort unterwegs als in früheren Jahren, hat eine Studie gezeigt. Das hat Auswirkungen auf den Geschäftsgang der Läden. Neben dem hohen Preisniveau der Schweiz, der Konkurrenz durch Onlineshops und der restriktiven Verkehrspolitik stach aus den vielen Zuschriften, welche die BaZ erreichten, vor allem ein Grund hervor, der immer wieder genannt wurde: das Rowdytum der hiesigen Velofahrer, das den Shoppern den Spass vermiest.

Dass die Freie Strasse seit einigen Jahren eine Fussgängerzone ist, in der ein generelles Velofahrverbot gilt, scheint viele Velofahrer nämlich wenig zu kümmern. Auch in den anderen Fussgängerzonen in der Innenstadt zeigt sich das gleiche Bild.

Mit Stift und Notizblock

Einer, der sich über die Gesetzlosigkeit der Velofahrer ärgert, ist Mike Cavin. Der 52-Jährige wünscht sich eine Fussgängerzone, die diesen Namen auch wirklich verdient. Darum hatte er beschlossen, aktiv zu werden und die Missstände zu dokumentieren. Mit Stift und Notizblock stellte er sich stundenweise in verschiedene Ecken der Basler Innenstadt und begann die Verkehrsregelverletzungen der Velofahrer zu zählen.

In der Freien Strasse zählte er am vorletzten Montag zwischen 8 und 9 Uhr 68 Velofahrer, die in Richtung Marktplatz gefahren sind, anstatt ihr Velo wie vorgeschrieben zu schieben. In der Gegenrichtung missachteten weitere 15 Velofahrer auch die signalisierte Einbahnstrasse. In der Stunde zuvor beobachtete er 57 Velofahrer, die verbotenerweise den Rheinsprung befahren haben.

Der arbeitslose Verkäufer hat während der ganzen Woche in vielen weiteren Stunden das Verhalten der Zweiradfahrer in der Innenstadt beobachtet und penibel dokumentiert. Wo auch immer er zu zählen begann, traf Cavin reihenweise auf gesetzlose Velofahrer in der Fussgängerzone – manchmal sogar auf den Trottoirs, ohne Hände am Lenker oder nachts ohne Licht.

Gefahr für Kunden

Am gefährlichsten findet der gebürtige Zürcher das Verhalten am Spalenberg: «Dort sausen die Velofahrer direkt vor den Läden vorbei. Wenn die Kunden auf die Strasse treten, kommt es schnell zu brenzligen Situationen.» Ein entspanntes Nebeneinander von Fussgängern und Velofahrern könne er, der selbst viel mit dem Velo unterwegs sei, nicht erkennen. Als die BaZ Cavin in der Schneidergasse traf, war es für den Fotografen ein Leichtes, das Fehlverhalten der Velofahrer zu dokumentieren. In den wenigen Minuten des Fototermins fuhren rund ein Dutzend Velofahrer verbotenerweise an Cavin und dem Fotografen vorbei.

Für den 52-Jährigen ist klar: Die Polizei muss mehr Kontrollen durchführen. Er hat darum seine persönliche Verkehrszählung verschiedenen Politikerinnen und Politikern in der Stadt zukommen lassen. Die E-Mails sind unter dem Betreff «Verhaltensgestörte Velofahrer in der Stadt Basel» via CVP-Grossrätin Beatrice Isler letztlich auch beim Basler Sicherheitsdirektor Baschi Dürr gelandet.

Der Basler Sicherheitsdirektor (FDP) ist ein Mann der bedachten Worte. Dass er aber auch anders kann, belegen E-Mails, die der BaZ vorliegen. Dürr nimmt in einer Antwort gegenüber Isler Stellung: «Ohne pauschalisieren zu wollen, stelle ich als Fussgänger, Vater und bekennender Nichtvelofahrer immer wieder fest, wie rücksichtslos sich einige Velofahrer (vermeintlich immer die Guten im Verkehr!) gegenüber Fussgängern verhalten. Den sogenannten Langsamverkehr als konfliktfreie Einheit zu betrachten, erachte ich denn auch als normativ wie faktisch falsch.»

Seine Kantonspolizei kontrolliere zwar Velofahrer regelmässig. Er stellt aber fest, dass Velokontrollen deutlich mehr emotionalisieren als Autokontrollen – auf beiden Seiten. «Die Beige mit den Aufforderungen, endlich etwas ‹gegen die Velos› zu tun, sowie jene mit den Reklamationen, ob wir denn nichts Besseres zu tun hätten, als auf die armen Velofahrer loszugehen, zählen zu den beiden höchsten überhaupt auf meinem Pult.»

Beatrice Isler gehörte mit ihrer Anfrage ebenfalls auf die erste Beige von Dürrs Pendenzen. Sie ärgerte sich ebenfalls über das Verhalten der Velofahrer und leitete dem Sicherheitsdirektor eine Verkehrszählung der besonderen Art weiter.

Wie häufig die Polizei Velofahrer kontrolliert, kann Mediensprecher Toprak Yerguz nicht sagen: «Wir erfassen diese Kontrollen nicht in einer eigenen Statistik.» Die Kontrolltätigkeit der Polizei richte sich «vornehmlich nach Aspekten der Verkehrssicherheit». Aus Sicht der Polizei werden die Fahrverbote «von vielen Velofahrern grundsätzlich eingehalten». Yerguz räumt aber ein, dass der Patrouillendienst beispielsweise in der Freien Strasse immer wieder Übertretungen feststellt, «die eine Ermahnung oder Busse zur Folge haben».

Dass die Polizei Velofahrer zu wenig kontrolliert, glaubt Marc Kipfer, Mediensprecher der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU), nicht. Kipfer spricht von der «Kontrollerwartung», die entscheidend sei. «Für uns ist wichtig, dass die Polizei kontrolliert und auch darüber redet», sagt er. Auch eine Ankündigung der Kontrollen sei sinnvoll. «Die Leute müssen wissen und spüren, dass sie erwischt werden können.»

Velofahrer zu faul

Mehr Kontrollen hält auch Andreas Stäheli von Fussverkehr ­Region Basel nicht für sinnvoll. Er verortet die Gründe für das Verhalten der Velofahrer in deren Bequemlichkeit. Viele seien schlicht nur «zu faul, um ihr Velo ein Stück zu stossen». Er appelliert an die Eigenverantwortung und die Vernunft der Velofahrer. Und er ist sich sicher, dass sich die Konfliktsituation zwischen dem Fuss- und dem Veloverkehr in der Freien Strasse nach deren Umbau, der im Jahr 2020 beginnen soll, verbessern wird. Dann verschwindet die bauliche Trennung zwischen Fahr- und Gehbereich, und die Strasse wird durchgängig mit Alpnacher Quarzsandstein-Platten belegt.

Auch bei der BfU ist man überzeugt, dass bauliche Anpassungen eine Veränderung des Verhaltens herbeiführen können: «Das Strassenbild muss ohne Signalisation zu erkennen geben, ob und wie eine Strasse befahren werden darf», sagt Kipfer. Ideal sei es, wenn Fussgängerzonen als einheitliche Fläche gestaltet sind, die eher Platz- als Strassencharakter aufweisen.

Das hilft diesem Teil der urbanen Velofahrer, der wenig bis keine Kenntnisse über die Strassenverkehrsregeln hat. Denn wer keine Fahrprüfung gemacht hat, musste sich nie vertieft mit den Verkehrsregeln auseinandersetzen. Personen aus dem nahen und fernen Ausland, aber auch aus dem Inland seien sich der Verkehrsregeln in der Schweiz oft nicht bewusst, sagt Stäheli. «Sie fahren darum zum Beispiel auf dem Trottoir oder in Fussgängerzonen. Sie haben nie gelernt, wie man in einer Stadt Velo fährt.»

Basler Zeitung

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