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Eine Industrie und ihre Stadt

Nach den Milliardengewinnen ist vor der Abstimmung zur Steuervorlage 17.

Frage der Betrachtungsweise: Alles, was unten gross erscheint, wirkt vom Roche-Turm aus klein.
Frage der Betrachtungsweise: Alles, was unten gross erscheint, wirkt vom Roche-Turm aus klein.
Keystone

Zählt allein die Staatskasse, gibt es Millionen Gründe, sich eine Pharmaindustrie bei bester Gesundheit zu wünschen. Die beiden grossen Pharmakonzerne Novartis und Roche haben in dieser Woche mit einer Normalität, die erschrecken kann, Milliardengewinne verkündet. Womöglich spielte ein wohlwollendes Lächeln auf dem Gesicht des ein oder anderen Anlegers in der Region, weil die erneute Erhöhung der Dividenden von Roche und Novartis gerade gelegen kommt. Oder bei der Verwaltung, weil die Steuermillionen wie gewohnt verbucht werden können. Einmal mehr bereits einkalkuliert. Und das in schöner Unbeschwertheit? Nur vermeintlich.

Die Abhängigkeit der Region von den Life Sciences ist gross. Wer von einem Klumpenrisiko spricht, hat nicht unrecht. Wer davon spricht, dass die Pharmaunternehmen wirtschaftlich ein Glücksfall für die Region sind, liegt ebenfalls nicht falsch. Wer jedoch klagt, dass die Politik auf die Pharma zu grosse Rücksicht nimmt, wird dafür höchstens vordergründig kritisiert. Wer ein persönliches Unbehagen angesichts hoher Medikamentenpreise und Milliardengewinne bei den Unternehmen hegt, ist schon mittendrin in einer Diskussion, die durch Nachrichten wie den Abbau von über 2000 Stellen bei Novartis befeuert wird. Eine Diskussion, die am 10. Februar mit der Abstimmung über die kantonale Steuervorlage in eine weitere Vertrauensfrage mündet.

Gefährliche Gewöhnung

Bei der Pharma vor der eigenen Haustüre genau hinzuschauen lohnt sich. Nicht nur wegen der nahen Abstimmung. Und nicht nur für Journalisten. Die Konzerne tragen nach aussen vielleicht vertraute Namen, aber haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig neu erfunden. Roche, Novartis und Lonza, um nur die drei grössten zu nennen, verändern ihr Gesicht. Ihre Anpassungsfähigkeit garantiert ihnen ein längeres Leben. Ihre Flexibilität ist ein Geheimnis des gewohnten Erfolges.

Vieles ist selbstverständlich in dieser Stadt, in dieser Region. Zu selbstverständlich für eine Beziehung. Eine gefährliche Phase: Besser, Stadt und Firmen lernen sich neu kennen und schätzen.

Die gepflegte Langeweile im Verhältnis von Industrie und ihrer Heimat ist wünschenswerter als die teilweise spürbare Aversion vergangener Tage. Düstere Erinnerungen an Schweizerhalle sind noch nicht ganz verblasst. Früher war mehr Gestank, sagte neulich ein Kollege aus Zürich mit Basler Wurzeln durchaus verharmlosend und im Wissen, dass sich die Industrie verändert hat. Zusammengefasst: weniger Geruchsbelästigung, weniger Fokus auf die Schweiz. Bezeichnenderweise ist die Amtssprache auf dem Campus und im Roche-Hochhaus schon lange Englisch. Gesundheit ist je länger, desto mehr ein globales Geschäft.

Die prägenden Köpfe kommen obendrein oftmals nicht aus der Schweiz: Generell haben die grossen Firmen je länger je weniger Schweizer in der Firmenleitung. Das beklagen hinter vorgehaltener Hand selbst Schweizer Spitzenmanager aus der Industrie. Bei heiklen politischen Themen und Abstimmungen führt das immer wieder dazu, dass die Stimme der Wirtschaft dünn wird. Zu dünn. Zum gegenseitigen Verständnis trägt das gewiss nicht bei.

Beziehungsarbeit lässt sich nicht erzwingen. Beide Seiten müssen sie wollen. Längst nicht immer hat sich in den vergangenen Jahren der Eindruck gefestigt, dass das überhaupt im Interesse von Bevölkerung und Unternehmen ist. Ein Versäumnis mit wachsendem Risikopotenzial – im Bewusstsein gesagt, dass diese kleine Welt mit den grossen Unternehmen nicht am Jurabogen, den Vogesen und dem Südschwarzwald endet. Die Nordwestschweiz steht im Wettbewerb der Regionen, und die Konkurrenz spielt nicht nur in Zürich und am Arc lémanique. Je mehr sich die Unternehmen global ausrichten, desto wichtiger ist es für die Region, dass deren Wurzeln gepflegt werden, gerade wegen der gemeinsamen Erfolgsgeschichte.

Wie sehr die Life Sciences Teil der Identität dieser Stadt sind, muss man schon in Zürich oder Bern anhand von Beispielen erklären. Die Schweiz beherbergt drei Unternehmen unter den 35 wertvollsten Firmen der Welt. Zwei davon sitzen in Basel. Roche mit Platz 24 und Novartis mit Platz 31. Nirgendwo sonst in Europa kann eine Stadt das von sich behaupten.

Doch Roche und Novartis sind nur die Spitze einer ganzen Industrie. Neben Big Pharma sind in der Region 800 grössere und kleinere Firmen entstanden, die alle das Leben auf die eine oder andere Weise lebenswerter machen möchten – gegen Bezahlung selbstverständlich. Welche klingenden Namen sind die Keimzellen der heutigen Unternehmen? Welcher Name ist nur noch eine Erinnerung und forscht, produziert, verkauft schon lange nicht mehr? Welche Unternehmen gibt es heute noch? Ein Studentenprojekt für die Handelskammer beider Basel hat das im vergangenen Jahr in verdienstvoller Fleissarbeit aufgelistet.

Die Visualisierung mittels bunter Punkte auf www.lifesciencesbasel.com ist mehr als eine Spielerei, weil sie nicht nur ein Stück Wirtschaftsgeschichte konserviert, sondern die heute geballte Präsenz der Life Sciences vor Augen führt. Vorgestellt wurde das Projekt im 38. Stock des Roche-Turms auf 162 Meter Höhe in der Pebbles Lounge. Wer auf deren Terrasse steht, hat einen privilegierten Blick. Alles, was dort unten gross erscheint, wirkt von oben klein.

Life Sciences in der Region, das ist eine Ansammlung von Patenten, Arbeitsplätzen, und das ist eine Wertschöpfung, die ihresgleichen sucht in Europa. 33 000 Arbeitsplätze bieten allein diese Unternehmen. Das sind zwei Drittel aller Beschäftigten in den Life Sciences in der Schweiz. Die Anzahl indirekter Jobs liegt noch um einiges höher.

Sandoz und die Eigenständigkeit

Einer der klingenden Namen in der Branche ist die 1886 gegründete Sandoz. Die Hochzeit mit Ciba-Geigy zur Novartis ist inzwischen 23 Jahre her. Sandoz sei heute noch ein klingender Name und ein starker, sagte ein Novartis-Mann diese Woche im Gespräch auf dem Campus. Vermutlich hat er das herausgeschlüpfte «noch» nicht einmal bemerkt. Eine kleine Beobachtung nur, und doch nicht ohne Bedeutung: In einer Zeit, in der bei Novartis kaum mehr etwas an die Ära Vasella erinnert, soll Sandoz in den nächsten 18 Monaten als eigenständige Einheit innerhalb der Novartis organisiert werden, sagte deren Chef Vas Narasimhan diese Woche. Anders gesagt: Sandoz soll (wieder) auf eigenen Füssen stehen. Was danach kommt, ist offen. Sandoz symbolisiert wohl wie wenige Firmen den Wandel in der Branche.

Am 10. Februar stimmt Basel über eine Steuervorlage ab, die für alle Unternehmen richtungsweisend wird, nicht nur für Big Pharma, aber ganz besonders für die beiden Grossen. Eine Ablehnung käme einem Bruch gleich. Ein Ja auf kantonaler Ebene wäre nur ein erster, aber wichtiger Schritt. Auf nationaler Ebene steht die Steuerfrage im Mai zur Abstimmung. Die Entscheidung in Basel wird damit zum Signal – ein Signal, an das sich die Unternehmen erinnern sollten, wenn es wieder um Standortfragen geht.

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