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Ein Bäumchen in der guten Stube

Ob bei Armen oder Reichen – ein Weihnachtsbaum gehörte fast immer dazu.

Weihnächtliche Stimmung. In Basels herrschaftlichen Häusern stand der Weihnachtsbaum in der Visitenstube. Das lässt sich noch bis 6. Januar in der Christbaumausstellung im Haus zum Kirschgarten anschauen.
Weihnächtliche Stimmung. In Basels herrschaftlichen Häusern stand der Weihnachtsbaum in der Visitenstube. Das lässt sich noch bis 6. Januar in der Christbaumausstellung im Haus zum Kirschgarten anschauen.
HMB, Natascha Jansen

So wie wir ihn heute kennen, den Weihnachtsbaum, ist er erst in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts von Deutschland her nach Basel gekommen. Und vorerst auch nur in einzelne Haushalte. Als dann 1844 ein grosser Lichterbaum in der Zunft zu Gartnern an der Weihnachtsfeier für Schüler und Lehrlinge aufgestellt wurde und zahllose Zuschauer anlockte, fand er immer mehr Einzug in die Privathaushalte. Damals betrachtete man Weihnachten als kirchliches Fest. Die Bescherung fand erst an Neujahr statt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich Weihnachten als das grosse Fest des Schenkens durch.

Johann Peter Hebel (1760–1826), Dichter von «z Basel an mim Rhy» und zur Hälfte in Basel, zur Hälfte in Deutschland aufgewachsen, beschreibt in seinem Gedicht «Die Mutter am Christabend», dass diese bereits damals ein Tännchen schmückte, das von der Decke herabhing.

In den herrschaftlichen Häusern stand der Baum an Heiligabend in der Visitenstube, oft auf einem Tisch, reich geschmückt mit Glaskugeln, Vögeln, Engeln, Rauschgold und vielem anderen. Auch eine kleine Rute mit vergoldetem Griff und roter Schleife als Mahnung zum Gehorsam gehörte zum gängigen Schmuck. Dazu kleine Spielsachen, welche die Kinder dann abschneiden durften.

Singen spielte wichtige Rolle

Nachdem der Baum ausgiebig bewundert worden war, sang man gemeinsam Weihnachtslieder, beispielsweise des Basler Theologen Karl Rudolf Hagenbach (1801–1875) nach Melodien von Carl Maria von Weber und Mendelssohn. Da das Singen damals eine wichtige Rolle spielte und die Kinder früh geschult wurden, muss es wunderschön geklungen haben.

Beliebt waren auch die zweistimmigen Lieder von Abel Burckhardt (1805–1882), Pfarrer in Gelterkinden und zweiter Pfarrer am Münster, deren Texte in Mundart auf Kinder zugeschnitten waren. Auch «Ihr Kinderlein, kommet» aus dem 18. Jahrhundert war gerade in der Biedermeierzeit sehr beliebt. Danach folgten der grosse Auftritt jedes einzelnen Kindes mit der Darbietung eines Gesangs- oder Musikstückes sowie verschiedener Verse und schliesslich die grosse Bescherung und das Weihnachtsessen.

Mit Äpfeln und Nüssen

Auch die einfachen Fischer- und Handwerkerfamilien, beispielsweise in Kleinhüningen, leisteten sich wenn immer möglich einen kleinen Baum, geschmückt mit Äpfeln, vergoldeten Nüssen und vielleicht noch Gutzi. Oft arbeitete die Mutter als Waschfrau, damit die Familie überleben konnte. Möglicherweise hatte sie in aller Frühe mit dem Leiterwagen über die Mittlere Brücke gehen müssen, um in einem herrschaftlichen Haus noch die frisch gewaschenen Tischtücher für den Abend abzuliefern. Mit dem Fleisch, dem Zucker und dem Mehl, die sie in der Regel erhielt, versuchte sie, ihrer Familie ein feines Mahl zuzubereiten. Um fünf Uhr abends ging die ganze Familie in die Dorfkirche, um anschliessend in der Stube zu feiern und die selbst gemachten Geschenke auszutauschen.

Kinder aus Handwerkerfamilien mussten wohl dennoch oft auf einen Weihnachtsbaum verzichten. So beschreibt beispielsweise Theobald Baerwart (1872–1942), der Basler Mundartdichter, dessen Eltern eine Bäckerei an der Maulbeerstrasse im Kleinbasel besassen, dass die Eltern auch an Heiligabend bis spätabends arbeiteten und keine Zeit hatten, eine Tanne zu besorgen und zu schmücken. Und wenn sie ausnahmsweise einmal einen Baum hatten, waren alle zu müde, ihn anzuschauen. Denn auch die Kinder mussten an Heiligabend Weggli ausliefern, stapften frierend durch den Schnee und schauten sehnsüchtig in die hell erleuchteten Weihnachtsstuben.

Weihnachten im Waisenhaus

Zudem beschreibt Baerwart das Schmücken des Weihnachtsbaumes als ziemlich anstrengend. Um die Apfelstile musste ein Faden gebunden und in die Gutzi oder Quittenpästli ein Loch für denselben gebohrt und dieser durchgezogen werden. Das Schlimmste sei das Anbringen der Kerzen gewesen; man habe Wachs auf die Äste getropft und die Kerze «daraufgepappt».

Einer Beschreibung aus dem Jahr 1914 zufolge versammelten sich im Waisenhaus Kinder, Lehrer wie auch Hausangestellte in der Kirche, wo man ein Transparent mit der Heiligen Familie aufgestellt hatte. Der Waisenhauspfarrer hielt eine Predigt, und man sang gemeinsam. Danach erhielten die Kinder einen Teller mit Birnen- und Apfelschnitzen, Nüssen, einigen Änisbrötli und einen Apfel mit einem Kerzlein darauf. Ein Weihnachtsbaum mit Weihnachtsgutzi und Kerzen stand in der Mitte der Schulstube.

Im alten Basel bemühte man sich auch, Minderbemittelten, vor allem Kindern, ein Weihnachtsfest zu bescheren. Im Winter 1830/31 veranstaltete der Basler Pfarrer Theophil Passavant (1785–1864) zum ersten Mal einen sogenannten Sonntagssaal; 1832 wurde dann die entsprechende Vereinskommission gegründet. Auch Abel Burckhardt gehörte zu den Mitwirkenden.

Die Idee dahinter war, armen Kindern aus Arbeiterfamilien, merkwürdigerweise ausschliesslich Knaben sowie Lehrlingen und Gesellen, während der kalten Jahreszeit einen Aufenthaltsort zu bieten. Dort wurde gesungen, gezeichnet, geschrieben und Geschichten wurden erzählt. Und es wurde diesen jungen Menschen ein wirkliches Weihnachtsfest beschert.

An den gemeinsamen Feiern verteilte Pfarrer Abel Burckhardt jeweils einen Papierbogen mit einem Weihnachtslied, sammelte diese während einiger Jahre und fasste sie 1850 erstmals zu einem Liederbuch zusammen. Die Sonntagssäle Basel existierten bis 1991.

Die Kundenweihnacht

Auch an die reisenden Handwerker, die «Kunden», dachte man damals. Da sie ohne festen Wohnsitz waren, läuteten sie an Haustüren und baten um einen sogenannten Zehrpfennig oder einen Teller Suppe. So gründete der Christliche Verein Junger Menschen 1895 die «Kundenweihnacht», damit diese heimatlosen Männer Weihnachten nicht alleine verbringen mussten.

Aus dem Gründungsgedanken heraus blieb «die Kundi» bis 1985 ein reiner Männeranlass. Unterdessen sind alle willkommen, die einsam, heimat- und mittellos sind. Und noch heute nehmen jährlich an die 300 Menschen an dieser Feier teil.

Auch an Schiffer wird gedacht

Die Heilsarmee, 1865 in London entstanden und mittlerweile auf allen Kontinenten vertreten, sammelt nach wie vor mit ihrer Topfkollekte für Weihnachtsfeiern einsamer und bedürftiger Menschen sowie lokale und regionale Sozialfonds. Und noch heute besuchen die beiden Schiffseelsorger die Kapitäne und Matrosen in den Rheinhäfen, um ihnen über Weihnachten fern von zu Hause hinwegzuhelfen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Möglichkeiten, das Weihnachtsfest nicht alleine verbringen zu müssen. Denn so abgeklärt wir uns auch geben und wenn auch viele über den heutigen Konsumterror schimpfen, wenn es dämmert an Heiligabend, ist wohl niemand gerne alleine.

Aber es gab schon im alten Basel kritische Stimmen. So ist in der Zeitung Schweizerischer Volksfreund in einer Notiz von 1861 zu lesen, dass – so schön es auch sei, den Kindern ein Freudenfest zu bereiten – es eine Unsitte bilde, dafür junge Bäumchen zu fällen, und es ist von «gemeinster Gewinnsucht» die Rede und von «Waldfrevel».

Trotzdem schenkte die Gemeinde Todtnau im Markgräflerland der Stadt Basel im Jahr 1949 die stattliche Zahl von 500 Weihnachtsbäumen als Dank für die im Jahr zuvor erwiesene Hilfe im Grenzland.

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