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Dünne Trennlinie zur Denunziation

Wir sollen Strassen fegen, Fötzeli aufheben oder Hundekötel aus Rabatten klauben.

Wer «säulet», muss entlarvt werden.
Wer «säulet», muss entlarvt werden.
Keystone

«Politiker fordern Arbeitseinsätze anstatt Bussen für Abfallsünder», titelte die BaZ am 25. September. Da wären wir wieder, wir armen Sünder vor dem Herrn, und sollen Busse tun. Beziehungsweise eben nicht «tun» – also nicht bezahlen.

Wir sollen Strassen fegen, Fötzeli aufheben oder Hundekötel aus Rabatten klauben. Zur Veranschaulichung dieses gravierenden Kleinstadtproblems, des illegal entsorgten Mülls, müssen immer wieder die armen Bären, Wölfe, Füchse und neuerdings Krähen herhalten. Es gibt ja auch besonders viele Exemplare auf unseren 37 Quadratkilometern Stadtboden.

So gesehen, bin ich geradezu dankbar, dass das Amt für Umwelt und Anarchie (AUA!) mich vor einfallenden Wildtieren schützt. Da ist die Anschaffung von zwei – irgendwann war mal die Rede von vier – Abfallpolizisten ein Klacks. Gibt es eigentlich auch Abfallpolitessen ... auf jeden Fall sollte man nicht Erbsen zählen. Nun, die Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes beim Öffnen der Bebbisäcke darf man getrost in den Wind schlagen.

Ja, wer «säulet», muss entlarvt werden. Die Wahrheit schonungslos ans Licht der Pultlampe des Abfallseziertisches. Sei es in Form von weggeworfenen Medikamentenschachteln – dies hat den Vorteil, dass wir auch gleich wissen, woran der arme Sünder krankt – oder notfalls gar durch Genanalyse von Tempotaschentüchern oder ähnlichen Körperflüssigkeiten. Alles andere ist Gutmenschentum.

Erinnert an den guten, alten «Stürmer»

Apropos Gutmensch: Gerne gebraucht von gutbürgerlichen Kreisen, erinnert der Begriff ja etwas an den guten alten «Stürmer», genau, dieses Blättchen aus den 1930er-Jahren und an die Dialektik eines Joseph G. – der mit dem schlechten Fuss.

Apropos Hand und Fuss – da wären wir dann dort, wo mich der blank polierte Reitstiefel drückt. Ihr Herren Politiker! Ist euch denn jedes Mittel recht, um Aufsehen zu erregen? Ganz der Tradition des Benennens, Anprangerns und aus dem Dunkel Hervorzerrens verpflichtet? Werdet ihr nicht rot im Gesicht, wenn ihr allen Ernstes behauptet, diese kleine Provinzstadt leide massgeblich unter Littering und/oder Lärm? Habt ihr gar nichts aus der jüngsten Geschichte gelernt? Wie sollen die Abfallsünder denn zum Dienst antreten? Mit einem Kartonschild um den Hals: «Ich bin am Ort das grösste Schwein ...»? Denn das mit dem Schweinchen mit rosa Schnauze hat ja das AUA erfunden.

Ja ja, das sei jetzt übertrieben, sagt ihr. Aber wer macht die Unterscheidung und wie dünn ist die Trennlinie zur Denunziation und zum Verrat? Ist das «gesunde Volksempfinden» verletzt? Wie soll denn die Strafarbeit verrichtet werden? Auf Knien? Mit dem Zahnbürschtli den Strassenbelag fegen? Es reicht schon, wenn sich eine Behörde diesen Auftrag zur Diffamierung ohne Auftrag gleich selbst erteilt und die Rechtfertigungen für diese dummdreiste Idee mit der Abfallpolizei wie ein Mantra wiederholt. Um letztlich davon abzulenken, dass dies eine klare Verletzung des Datenschutzes darstellt, also nicht rechtsstaatlich ist.

Darüber hinaus gefährdet der unterschwellige Aufruf zum Anschwärzen den brüchigen sozialen Frieden aufs Übelste. Zu guter Letzt: Gibt es auch Strafen für den Mist, den Politiker von sich geben – und wie sehen diese aus? Auch wenn diese Forderung von bürgerlichen Freunden stammt, oder vielleicht eben gerade deswegen, muss ich euch fragen: Schämt ihr euch nicht?

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