«Die Tradition ist ein Anker, der Halt gibt»

Die Universität feiert ihr 555-jähriges Bestehen, die Wissenschaften und ihre neue Rektorin Andrea Schenker-Wicki.

Über 400 Vorgänger. Mit Andrea Schenker-Wicki übernimmt erstmals eine Frau die Führung der Uni Basel.

Über 400 Vorgänger. Mit Andrea Schenker-Wicki übernimmt erstmals eine Frau die Führung der Uni Basel.

(Bild: Kostas Maros)

BaZ: Andrea Schenker-Wicki, ab dem 1. August stehen Sie als Rektorin der Uni Basel vor. Ihren Einstand feiern Sie dann im September an der Uni-Nacht – ein Fest der Wissenschaft, an dem bei Experimenten mitgemacht, Vorträgen gelauscht und anschliessend in der Disco geschwitzt werden kann. Tanzen Sie mit?Ja, warum nicht – wenn mich jemand dazu auffordert! Die Disco der Skuba (Studentische Körperschaft der Universität Basel; die Red.) ist mein Highlight der Uni-Nacht. Ich freue mich sehr darüber, dass unsere Studentinnen und Studenten einen solchen Anlass organisiert haben und die jungen Leute ihre Lebensfreude dadurch zum Ausdruck bringen.

Falls niemand Sie zum Tanzen auffordert, bei welchem Lied gäbe es dennoch kein Halten mehr für Sie?«Dreamer» von Supertramp! Wenn alle Arme in die Höhe gehen, erinnert mich dies sehr an meine Jugendzeit. Die Hymnen der Siebziger und Achtziger, das ist die Musik meiner Generation. Wenn ich arbeite, höre ich aber bevorzugt Klassik; die Klavierkonzerte von Beethoven zum Beispiel.

Sie scheinen, so kurz vor Ihrem Amtsantritt, gar nicht nervös zu sein.Bin ich auch nicht – oder vielleicht ein wenig. Ich freue mich vor allem, und es ist mir eine grosse Ehre, dieser ­traditionsreichen Universität als Rektorin vorstehen zu dürfen. Als Erstes werde ich die Universität und ihre Angehörigen kennenlernen, und dann werden wir uns gemeinsam überlegen, wie wir die Universität im internationalen Wettbewerb noch besser positionieren können.

Was macht die Uni Basel so besonders?Sie gehört nach den beiden ETH in Zürich und Lausanne sowie zusammen mit der Universität Zürich zu den besten Forschungs-Universitäten, nicht nur in der Schweiz, sondern international. Darüber hinaus blickt sie auf eine Tradition zurück, die keine andere Schweizer Universität vorzuweisen hat.

Stimmt, die Uni Basel gibt es seit 555 Jahren, dieses Jubiläum wird an der Uni-Nacht ebenfalls gefeiert. Was sticht für Sie denn besonders heraus in der langen Geschichte der Universität?Zum Beispiel die Gründung 1460. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Nach dem Basler Konzil forderten die Bürger von Basel – keine regierende Minderheit, sondern die ganze Bürgerschaft – ihre eigene Universität. Innerhalb weniger Monate haben sie dem Papst die Konzession dazu abgerungen, den Grundstein gelegt und mit dem Unterricht begonnen. In erster Linie weil sie nach Ende des Konzils einen neuen Anziehungspunkt brauchten: Das ist Standortmarketing vom Feinsten. In der Mitte des 16. Jahrhunderts und Anfang des 17. Jahrhunderts wurde Basel eine Modeuniversität für Mediziner und Juristen. In dieser Zeit hatte die Universität circa 75 Prozent ausländische Studenten, der Rest kam aus der Region. Das wichtigste Ereignis in der Moderne ist meines Erachtens der Staatsvertrag zwischen Basel-Stadt und Baselland von 2007. Er ist die finanzielle Basis dafür, dass sich die Universität in den letzten Jahren so gut entwickeln konnte und an vielen Forschungsfronten ganz vorne aktiv dabei ist.

Ist die lange Tradition Last oder Vorteil?Sie ist keine Last, sondern ein unglaublicher Anker oder eine tiefe Wurzel, die Halt gibt. An der Universität Basel haben sich während über fünf Jahrhunderten die gescheitesten Leute von Europa zu den grossen Fragen des Lebens Gedanken gemacht und viel zur Entwicklung des Wohlstandes in der Region Basel beige­tragen. Für mich hat die Universität Basel eine grosse Ausstrahlung, viel positive Energie, einen ganz besonderen Spirit. Apropos Tradition, eine davon breche ich am 1. August: Ich hatte über 400 Vorgänger, alles Männer.

Was werden Sie, die erste Frau an der Spitze, Neues nach Basel bringen?Ich habe sehr gute Verbindungen zu verschiedenen internationalen Universitäten. Diese möchte ich natürlich gerne für Basel nutzbar machen, damit wir sowohl für Forschende als auch Studierende noch attraktiver werden. Davon sollte nicht nur die Universität profitieren, sondern der gesamte Wirtschaftsraum, in dem wir eingebettet sind.

Lassen Sie uns einige Posten der Uni-Nacht besprechen: An einem Stand werden die Besucher aufgefordert, öffentlich Stellung zu beziehen. Wie stehen Sie dazu, sich zu positionieren?Stellung nehmen ist wichtig. Das werde ich bei allen Geschäften, welche die Universität oder ihre Angehörigen betreffen, tun.

An einem weiteren Stand kann man seinen IQ messen. Wie hoch ist Ihrer?Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht. Ich habe ihn nie messen lassen. Vielleicht, weil ich zu gut weiss, wie diese Tests gemacht werden, und deshalb deren Bedeutung nicht überbewerte. Aufgrund meiner Studien, die ich an der ETH Zürich und der Universität Zürich absolviert habe, scheint es um meinen IQ nicht allzu schlecht bestellt.

Mit einem lebensgrossen Leiterspiel können Studenten herausfinden, ob sie gerüstet sind für eine grosse Karriere. Haben nach einem Uni-Abschluss wirklich alle dieselben Chancen?Ich bin überzeugt, dass heute, sofern der entsprechende Einsatz geleistet wird, sowohl Absolventinnen als auch Absolventen eine gute Ausgangsbasis haben, um eine Karriere zu machen. Eine grosse Karriere braucht allerdings neben dem Studium noch weitere Investitionen: harte Arbeit, viel Verzicht, und dies während einer längeren Zeit. Zusätzlich ist natürlich auch immer eine Portion Glück notwendig, da nicht alle Einflussfaktoren gesteuert werden können. Für Frauen, die Karriere machen wollen, ist einer der wichtigsten Entscheidungen der Lebenspartner, mit dem sie Kinder haben wollen. Ich spreche aus eigener Erfahrung: Ohne die Unterstützung meines Mannes hätte ich Familie und Karriere nicht unter einen Hut gebracht.

Was sagen eigentlich die Kinder zum neuen Job?Sie freuen sich für mich und sind stolz auf ihre Mama. Sie bekommen viel mit und machen sich bereits Gedanken, wie die Mama das möglicherweise bald fehlende Geld für die Uni zusammenbekommen kann. «Dann musst du eben ein paarmal länger arbeiten», hat mir meine elfjährige Tochter erklärt.

An der Uni-Nacht werden auch Traum­berufe aus Kindheitstagen nachgestellt. Was war Ihrer?Ich wollte Krankenschwester werden. Das kam dann etwas anders – ich kann kein Blut sehen.

Die gesamte Uni-Nacht steht unter dem Vorzeichen der Nachhaltigkeit. Was bedeutet das für Sie?Nachhaltigkeit heisst für mich vor allem, ökonomisch mit seinen Ressourcen umzugehen. Das gilt auch für die Universität Basel und ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Was wünschen Sie sich ganz besonders für die Uni-Nacht?Dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hautnah erleben können, was die Forschung unserer Uni in ihrer ganzen Breite bedeutet. Persönlich wünsche ich mir, dass mein Mann mit den Kindern kommen kann – damit teste ich dann die Familienfreundlichkeit unseres Programms.

Die Religionswissenschaften fragen nach Gott und der Bibel. Wie halten Sie es mit der Religion?Mit Gott halte ich es sehr gut. Mein Glaube gibt mir viel Kraft und Zu­versicht.

Widerspricht das nicht der Wissenschaftlichkeit Ihrer Arbeit?Nein. Die wissenschaftliche Arbeit muss immer objektiv sein und hat mit dem Glauben an sich nichts zu tun.

Ein Thema wird, selbstverständlich an der Uni Basel, auch die Fasnacht sein. Kennen Sie sich da aus?Ich schaue jedes Jahr mit Genuss die Schnitzelbängge. Ich liebe den speziellen Basler Humor.

Basler Zeitung

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