Die Suche nach einem Veteranen

Der Elsässer Jean-Frédéric Voltz fand einen alten Helm, der einem ehemaligen US-Soldaten während der Befreiung von Europa gehörte. Voltz stöberte den Ex-GI nun in den USA auf.

Ex-Soldat George Braunstein lebt heute in einer Residenz in Florida. Der Unter-Elsässer Jean-Frédéric Voltz hat den ehemaligen Besitzer dieses Helmes aufgespürt. Der ehemalige US-Soldat verlor ihn beim Vorrücken Richtung Strassburg. Foto: Mischa Hauswirth

Ex-Soldat George Braunstein lebt heute in einer Residenz in Florida. Der Unter-Elsässer Jean-Frédéric Voltz hat den ehemaligen Besitzer dieses Helmes aufgespürt. Der ehemalige US-Soldat verlor ihn beim Vorrücken Richtung Strassburg. Foto: Mischa Hauswirth

Mischa Hauswirth

Als der New Yorker George Braunstein am 26. November 1944 in der Nähe von Schlettstadt (Seléstat) durch einen Granatsplitter im Genick verwundet wird, verliert er seinen Helm. Der damals 20-jährige Soldat wird zu einem Verwundetenposten getragen und bleibt vorerst dort. Erst einige Wochen später konnte er weiter zur Befreiung Europas von Hitlerdeutschland beitragen. Nach dem Krieg kehrte er in die USA zurück. Ans Elsass dachte er nie mehr, bis ein US-Kamerateam vor den Toren seines heutigen Wohnortes stand.

Anfang Juni dieses Jahres schlenderte der Unterelsässer Jean-Frédéric Voltz über einen Flohmarkt bei Strassburg und sah einen Stand, an dem amerikanische Helme aus dem Zweiten Weltkrieg angeboten wurden. Da Voltz seit vielen Jahren historisches Militärmaterial sammelt und schon um die 40 solche Helme zu seiner Kollektion zählt, fiel ihm sofort der gute Zustand des Helms auf. «Ich sah mir den leichteren Innen- und den massiveren Aussenhelm genau an – und entdeckte die Nummer des Trägers und einen Stempel, den ein Oberst in den Helm gedrückt hat», erzählt Voltz. Ein mit der Soldatennummer versehener Helm sei selten. Heute noch sind Blutspuren zu sehen, stumme Zeugen der damaligen Verwundung von Private Braunstein.

Durch Kontakte mit einem ehemaligen Captain der US-Armee wusste Voltz, dass diese Stempel niemals bei Toten verwendet wurden. Die Neugierde von Voltz war geweckt. Mit dieser Soldatennummer würde er sich auf die Spurensuche begeben können.

Grossvater bei Deutschen

In akribischer Kleinarbeit verfolgte Voltz die Geschichte dieses Helms, nachdem er ihn für 200 Euro gekauft hatte. Ein guter Preis, erzählt Voltz, Helme von der Schlacht um die Normandie beispielsweise erzielen unter Sammlern Preise gegen die 10 000 Euro.

Voltz fand heraus, wie der ehmalige Helmträger hiess und dass er bei der 103. Infanterie-Division der US-Army gewesen war, auch bekannt als Cactus. Die Division war von Marseille aus über die Vogesen bis zum kleinen Ort Saint Dié vorgestossen und bereitete sich auf ein heftiges Gefecht mit deutschen Verbänden vor, da diese unbedingt verhindern wollten, dass die Alliierten über den Rhein setzen konnten.

Die Schlacht war heftig. Private First Class George Braunstein war damals aber bereits verwundet. Er gehörte zum 328. Sanitätsbataillon und war bei einer Vorhut, als aus deutschen Stellungen auf die amerikanischen Soldaten geschossen wurde. In den Jahren 1944 und 1945 verzeichneten die Cactus 842 Tote, 3276 Verwundete und 662 Vermisste. Interessant: Der Grossvater von Voltz stand damals wenige Kilometer entfernt als zwangseingezogener französischer Unteroffizier «Malgré-nous» bei Thann in einem deutschen Schützengraben und wartete auf die Ankunft der amerikanischen Armee. Zum Gefecht mit der 103. war es aber für Voltz’ Grossvater nie gekommen.

Im Gebiet von Rambervillers wurde Braunsteins Helm gefunden und vermutlich von einem Anwohner nach Hause mitgenommen, wo er für Jahrzehnte in einem Schrank auf einem Dachboden verschwand – bis ihn ein Händler dieses Jahr kaufte.

In einer Residenz in Florida

Doch so einfach ist es nicht, einen Private Braunstein in der 103. Division zu finden. Erstens zählte diese Division 9000 Soldaten, zweitens muss man wissen, wer überhaupt wissen könnte, welche Soldaten bei den Cactus gedient haben. Zum Glück suchte Voltz nicht zum ersten Mal nach einem ehemaligen Soldaten. Er kontaktierte Dokumentationsstellen, genealogische Verzeichnisse und das Pentagon. So fand Voltz heraus, dass es insgesamt drei Braunsteins in der 103. Division gegeben hatte. «Ich hatte wenig Hoffnung, ihn noch lebend zu finden», erzählt Voltz. «Die meisten ehemaligen Soldaten sind bereits seit zwanzig Jahren oder noch länger tot.»

Ohne Internet hätte ich den Besitzer nie gefunden, sagt Voltz. Tatsächlich stiess er auf einen Mann mit dem gesuchten Namen, einen Rentner, der in einer Seniorenresidenz in Orlando in Florida lebt. Voltz fand sogar ein Foto von dem Mann aus dem Jahr 2017. Doch es war schwierig, George Braunstein zu kontaktieren. Da es sich um eine Residenz für jüdische Senioren handelt, werden sie besonders abgeschirmt. Einfach so anrufen und fragen, sind Sie der Braunstein, der im Elsass gegen die Deutschen gekämpft hat, ging nicht.

Hoffnung auf Treffen

Als Voltz ausschliessen konnte, dass eine Verwechslung vorliegt, kontaktierte er eine amerikanische TV-Station und erzählte ihr die Geschichte. Diese nahm die Geschichte auf. Die Leitung des Seniorenheims reagierte erst auf Voltz' Anfrage, als ein Kamerateam den Ex-GI aufsuchte und zu seinem wiederentdeckten Helm befragen wollte.

George Braunstein ist heute 96 Jahre alt, und gemäss Voltz würde er gern seinen alten Helm wiederhaben. Doch Voltz zögert. Er sähe den Helm lieber im Museum in Kirchheim, um ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. «Wir wissen nicht, was mit dem Helm sonst geschieht. Herr Braunstein hat keine Kinder. Ich möchte nicht, dass der Helm wieder verloren geht.»

Voltz versucht nun, den ehemaligen Soldaten zu treffen, weshalb er nach Finanzierungshilfen Ausschau hält, um sich eine Reise in die USA zu finanzieren. Eine Wunschvorstellung wäre, dass der ehemalige GI nochmals ins Elsass kommt. Voltz würde gern zusammen mit Braunstein die Stelle besuchen, wo die Geschichte vor 75 Jahren ihren Anfang genommen hat und der junge Braunstein verwundet wurde.

Basler Zeitung

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