Die Sicherheits-Apostel des 21. Jahrhunderts

Sie wollen Werbung für Fleisch und Flüge verbieten. Und nach jedem Verbrechen fordern sie den Staat auf, dafür zu sorgen, dass so etwas nie, aber auch gar nie mehr vorkommt.

Die Apostel des 21. Jahrhunderts unterscheiden sich von den Aposteln der christlichen Frühzeit darin, dass sie nicht ihren Glauben an Gott verkündigen, sondern den Glauben an die Etablierbarkeit der totalen Sicherheit.

Die Apostel des 21. Jahrhunderts unterscheiden sich von den Aposteln der christlichen Frühzeit darin, dass sie nicht ihren Glauben an Gott verkündigen, sondern den Glauben an die Etablierbarkeit der totalen Sicherheit.

(Bild: Keystone)

Martin Furrer

Achtung, dubiose Zeitgenossen sind dieser Tage unterwegs. Sie tragen keine Waffen mit sich, sondern Heilsbotschaften, und fallen durch ihre erhobenen Zeigefinger auf. Die Welt, sagen sie, könne nur mit Verboten und Vorschriften vor dem Untergang gerettet werden. Um schonendes Anhalten wird gebeten.

Die Apostel des 21. Jahrhunderts wollen Werbung für Fleisch und Flüge verbieten. Sie glauben, damit werde der Klimawandel gestoppt. Und nach jedem Verbrechen, nach jedem Unglück fordern sie den Staat auf, dafür zu sorgen, dass so etwas nie, aber auch gar nie mehr vorkommt.

Als kürzlich ein psychisch Kranker in Deutschland einen Buben vor einen fahrenden Zug schubste, worauf der Bub starb, verlangten sie reflexartig die systematische Videoüberwachung aller Bahnhöfe und das Anbringen von Schutzgittern an jedem Perron.

Die Apostel des 21. Jahrhunderts unterscheiden sich von den Aposteln der christlichen Frühzeit darin, dass sie nicht ihren Glauben an Gott verkündigen, sondern den Glauben an die Etablierbarkeit der totalen Sicherheit.

Unlängst fiel in Basel ein Ast von einem Baum auf ein Auto und richtete Sachschaden an. Demnächst werden sich die Sicherheits-Apostel zu Wort melden und von den Behörden verlangen, sie müssten sämtliche Bäume mit Schutznetzen überziehen, auf dass nie mehr ein Fahrzeug beschädigt oder ein Mensch verletzt werde.

Es ist die Absolutheit ihres Vorgehens, das die Apostel so gefährlich macht. Jeden Einzelfall nehmen sie zum Anlass, deswegen die Allgemeinheit in die Pflicht zu nehmen.

Ein Autounfall mit Todesfolge: Warum nicht die Strassen mit Mauern abriegeln, damit kein Fussgänger mehr auf die Fahrbahn gerät? Ein Fall von Hautkrebs: Warum nicht das Ein­cremen mit Sonnenschutzmitteln zwischen Mai und Oktober für obligatorisch erklären?

Ein Sturz vom Berggipfel, weil jemand beim Selfie-Fotografieren unachtsam war: Warum nicht gleich alle Smartphones mit Kamerafunktion vom Markt verbannen?

Alle Menschen sterben irgendwann: Bestimmt werden die Sicherheits-Apostel auch den Tod verbieten wollen. Sie werden bald alles für illegal erklären, was nicht ausdrücklich erlaubt ist.

Wer kann die Apostel stoppen? Halten Sie Türen und Fenster geschlossen und bleiben Sie wachsam.

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